Jaaa, es hat einer angebissen!
Skafdir:
Wie funktioniert denn dein System des Respekts? Du gehst standardmäßig davon aus, dass dein Weltbild respektiert wird, also respektierst du auch das Weltbild einer beliebigen Person B. Sobald diese aber äußert, dass sie dein Weltbild nicht respektiert, respektierst du ihres zur Strafe auch nicht mehr. Das klingt für mich völlig absurd. Ich respektiere den Gedanken, nicht die Person.
Die Frage, ob wir in einer atheistischen Welt mit Religionen oder in einer religiösen Welt mit Atheismus leben, beantworte ich für mich selbst mit Ockhams Rasiermesser. Die Welt der Religiösen erfordert eine gewaltige Anzahl an Prämissen. Am Beispiel der Christen wären da der Sündenfall, der Gottessohn, das ewige Leben und hundert andere. Die Atheisten haben nur eine einzige Prämisse: Es gibt keinen mit Verstand ausgestatteten Schöpfer des Universums. Das kann man letztlich nie beweisen. Bei der Widerlegung des biblischen Gottes sieht es allerdings schon wieder anders aus. Hier lassen sich sehr wohl Ansätze finden, warum der biblische Gott nicht genau so existiert wie in der Bibel beschrieben, ganz unabhängig davon, ob es einen urtümlichen Weltenschöpfer gibt, in welcher Beziehung er auch immer zum biblischen Gott stehen mag.
Man darf jetzt auch nicht den naheliegenden Fehler machen und denken, wir Atheisten hätten auch eine ganze Reihe Prämissen wie die Evolutionstheorie und so weiter. Atheismus bedeutet nicht Wissenschaftstum und umgekehrt auch nicht. Ich kenne einige gläubige Naturwissenschaftler; das eine schließt das andere nicht zwangsläufig ein oder aus. Viel mehr ist das durch die Naturwissenschaften zu Tage geförderte Wissen das Fundament für ein Verständnis von der Welt. Jeder hat heute auf dieses Wissen Zugriff und kann sich darauf ein eigenes Weltbild aufbauen. Der Atheismus ist eine sehr direkte Ableitung aus diesem Wissensschatz: Die Dinge sind so wie sie sich beobachten und messen lassen und nicht anders. Das Christentum ist eine andere, diesmal sehr ausgeschmückte Ableitung, die deshalb auch sehr schnell Gefahr läuft, sich von der Wahrheit all zu weit zu entfernen. Kurz gesagt wird zu vieles vorausgesetzt. Das macht das System anfällig, vor allem auch gegenüber Veränderungen des Wissensschatzes. Der Atheismus passt sich hingegen sehr genau an die Naturwissenschaft an. Daher wird er langfristig überleben.
Ein anderes Argument gegen deinen Einwand ist das folgende: Wären Christen tatsächlich von der Korrektheit ihres Glaubens überzeugt, dann würden sie ihn nicht mehr als Glauben bezeichnen. Eine begründete Überzeugung wird als Wissen bezeichnet. Dass die Christen das anders handhaben, zeigt, dass sie sich der Grenzen ihrer Religion bewusst sind, was durchaus positiv hervorzuheben ist. Zwar verdammen sie jeden, der kein Christ ist, aber da kann man als Atheist ja drauf scheißen. Also: Ich bin nicht der Ansicht, dass du mein Zitat einfach so ins Gegenteil umkehren kannst, ohne dabei den Sinn zu entstellen.
Was Vereine und Gruppierungen angeht, bin ich tatsächlich der Meinung, dass diese einen Nutzen haben müssen. Aber lass mich da etwas weiter ausholen: Wenn der gesellschaftliche Gesamtnutzen den gesellschaftlichen Gesamtschaden übertrifft, ist die Existenz dieser Vereinigung in meinen Augen gerechtfertigt. Ein Nutzen kann zum Beispiel auch Spaß an der Sache und sozialer Kontakt beim örtlichen Fußballverein sein. Ein Schaden kann ökonomischer, ökologischer, aber auch moralischer oder ganz anderer Art sein. So würde ich, wenn es nach mir ginge, Schützenvereine verbieten lassen. Es gibt sehr viele Menschen, denen das Schießen Spaß macht, aber wenn man die damit verbundenen Menschenopfer durch Waffenmissbrauch gegenrechnet, erhalte ich am Ende eine Negativbilanz. Bevor jemand mit Autos und Unfalltoten gegenargumentiert: Motorisierte Fortbewegungsmittel haben eine sehr hohe Positivbilanz aufgrund der individuellen Freiheit, aber auch der ökonomischen Vorteile. Natürlich ist es subjektiv, wie viel Gutes oder Schlechtes man den einzelnen Aspekten beimisst, das will ich gar nicht verleugnen. Einigermaßen objektiv können sowieso nur diejenigen argumentieren, die beide Seiten gleichermaßen kennengelernt haben. Was ich für mich im Fall des Christentums aber behaupten kann. Und nach jahrelanger Selbstreflektion als Christ kam ich zu dem Schluss, dass ungeachtet des hoffnungsspendenden Charakters der Religion ein gesamtgesellschaftlicher Nachteil entsteht.
Für mich bleibt letztlich nur noch die Frage, ob ich das Recht habe, religiöse Menschen zu bekehren oder ob ich mich dabei auf eine Stufe mit Religiösen begebe. Von der Gegenseite heißt es immer, jeder habe das Recht auf eine freie Entscheidung. Wenn ich aber die Frage eingrenze, sodass sie lautet: “Habe ich das Recht, andere Menschen zu bekehren, wenn ich sicher sein kann, dass ihr Weltbild vollkommen falsch ist?”, dann ist die Frage schon nicht mehr so einfach zu beantworten. Strittig ist dann lediglich noch, wie ich zu solchem Wissen gelangen kann. Aber ob man andere Menschen - unter der Prämisse, jegliche Religionen seien fehlerhaft und dumm - weiter in ihrer Dummheit leben lassen oder sie stattdessen aufklären sollte, ist, denke ich, relativ unstrittig zu Gunsten der Aufklärung (wie gesagt, unter der angeführten Prämisse!). Darum lege ich auch nicht so viel Wert auf Meinungs- und Religionsfreiheit. Viel wichtiger ist der Nachweis, warum das eigene Weltbild richtig oder zumindest nicht so falsch wie das fremde ist und damit das vorzuziehende ist. Ob es überheblicher ist, die anderen zu missionieren oder eine eigene Elite zu bilden und die Dummen dumm zu lassen, da kann man sich ohne Ende drüber streiten und daher ist das für mich unbedeutend und kein wirkliches Argument. So, das war eine schwere Geburt, aber es ist ja auch kein so einfaches Thema. Und es beantwortet auch ein paar andere deiner Einwände.
Wirklich zu denken (im positiven Sinn) gibt mir nur dein Abschlusskommentar des ersten Beitrages, dass man mit einer Anfeindung womöglich einen schlafenden Hund weckt. Ich finde es einerseits wichtig, in einer Gesellschaft, in der das Christsein noch immer eine Art Normallfall darstellt, Farbe zu bekennen, sich aufzulehnen und einen Gegenpol darzustellen, um nicht stillschweigend zu den Anhängern oder passiven Mitgliedern der Religion gezählt zu werden. Andererseits neigen provozierte Parteien tatsächlich dazu, alle Kräfte zu mobilisieren. Ein abschließendes Urteil hierzu habe ich im Moment noch nicht.