Ob die Protagonisten und die Zuschauer, die sich so was ansehen, „mitschuld“ sind, ist im Grunde doch völlig egal. Die (eine) Idee von Fernsehkritik.tv ist es, weitgehend unabhängig von solchen Erwägungen unseriöses Fernsehen anzuprangern – so einfach ist das. Und dass Leute, die noch nie mit dem TV intensiver in Berührung kamen, vielleicht eher auch mal reinfallen, sollte nicht verwundern.
Raab und sein Team konzentrieren sich vor allem auf die Jungen; aber wir wissen doch aus anderen Formaten - wo z.B. Dickleibige vorgeführt werden, oder Eltern mit scheinbar schwererziehbaren Kinder - zur Genüge, dass nicht nur junge Leute zum Unterschreiben von dubiosen Verträgen bewegt werden können; und dass nicht nur junge Menschen vorgeführt werden können.
Es wurde von jemandem angemerkt, dass jemand, nur weil er 18 ist, ja nicht plötzlich in der Lage sei, vernünftig mit Verträgen umzugehen. Die Überlegung ist ja aber nicht, dass die Leute mit 17 noch völlig unfähig sind und es plötzlich mit 18 können, sondern dass in dem entsprechenden Alter ohnehin die entsprechenden Fähigkeiten ausreichend da sind und daher um diese Zeit herum auch eine Grenze zu ziehen ist. Dass manche junge Menschen noch hinzulernen ist wahr (wobei das Ausmaß auch sehr vom Individuum abhängt); hinzulernen kann und sollte man aber in möglichst jedem Alter.
Das junge Gehirn ist in Teilen weniger myelinisiert als das Älterer. (Myelinisierung bedeutet, dass die Nervenfasern mit dem fettreichen Myelin umgeben sind, wodurch die Informationsübertragung für feste Bahnen erhöht wird, wobei gleichzeitig aber auch Neuroplastizität/Flexibilität verloren geht).
Dies kann wohl so gedeutet werden, dass junge Menschen tendenziell und im Durchschnitt etwas weniger gut sind, was eingeübtes, routiniertes Verhalten angeht, gleichzeitig aber eher fähig, sich einer neuen Situation anzupassen.
Allerdings ist zu beachten:
- Eine einfache und direkte Übertragung/Interpretation von neurophysiologischen Befunden auf die psychologische Ebene ist oft kaum möglich.
- Offenbar gibt es „das“ reife Gehirn nicht. Das Gehirn verändert sich ständig, und wohl für jedes Alter ließen sich Eigenschaften finden, die sich negativ interpretieren ließen. (Schon recht früh nimmt beispielsweise das Hirnvolumen ab, und ebenso die fluide Intelligenz.)
- Psychologisch betrachtet handelt es sich bei den Unterschieden zwischen jungen Menschen und Älteren um Tendenzen, die wenig über das Individuum aussagen. Menschen unterscheiden sich stark in ihren Kompetenzen (z.B. soziale Reife, kognitive Fähigkeiten), doch schon sehr früh ist die statistische Beziehung zwischen Kompetenz und Alter recht schwach; das bedeutet anders formuliert, dass es viele junge Menschen gibt, die diesbezüglich vielen Älteren überlegen sind.
Ob sich aus den Unterschieden der Gehirne nun ableiten lässt, dass junge Menschen eher „beeinflussbar“ sind (etwa beim Unterzeichnen eines Vertrages), erscheint als ziemlich fraglich.
Bezüglich Autofahren: Warum entstehen wohl die meisten Unfälle bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 18 und 25?
Eine Studie, die diese Frage direkt auf Deutschland bezogen beantwortet, ist mir nicht bekannt. Erhebungen aus den USA im Hinblick auf tödliche Verkehrsunfälle legen jedoch nahe, dass Unterschiede bei der Verkehrssicherheit weitestgehend mit Unterschieden in der wirtschaftlichen Situation zusammenhängen und nur zu einem geringen Teil auf das Alter als solches zurückgehen; und dass auch sehr junge Verkehrsteilnehmer (trotz geringerer Erfahrung) ähnlich sicher wie Personen mittleren Alters fahren, wenn der ökonomische Status und damit verbundene Faktoren statistisch kontrolliert werden.*
Übrigens sollten wir uns mit raschen und generalisierenden Negativ-Urteilen über junge Menschen zurückhalten. Männer beispielsweise begehen im Schnitt weit mehr schwere Straftaten als Frauen; sie bauen auch mehr schwere Unfälle und fahren viel häufiger alkoholisiert. Dennoch würde man daraus sicher nicht den Männern im Allgemeinen einen Strick drehen, sondern betonen, dass die meisten Männer weder schwere Straftaten begehen noch schwere Unfälle verursachen.
Oder man denke an ältere Menschen, schon etwa ab Ende 60. Deren Gehirne würden im Vergleich mit denjenigen junger Erwachsener (physiologisch betrachtet)wohl kaum gut abschneiden - falls man sich denn schon auf diese höchst problematische Terrain begeben wollte. Und an vielen Verkehrsunfällen, die sei erleiden, sind sie mitursächlich – zu einem höheren Anteil auch als sehr junge Erwachsene (18-20 Jahre). Dennoch würden wir es doch als unfair, ja, despektierlich empfinden, würde jemand auf so einer Basis ungünstige Urteile über ältere Menschen im Allgemeinen fällen oder gar pauschalisierend deren Fähigkeiten und Kompetenzen infrage stellen. Vielmehr würde man auch hier betonen, dass viele Senioren geistig leistungsfähig sind und sicher fahren – oder nicht?
Entsprechend vorsichtig sollten wir auch mit generalisierenden Verdikten gegen junge Menschen sein. Denn deren Fähigkeiten werden ohnehin sehr oft stark unterschätzt. Und negative Meinungen über sie bis hin zu Herabsetzungen, die man bei anderen Minderheiten so nicht hinnehmen würde (ich meine damit jetzt aber keinen Beitrag hier), gibt es auch schon genug.
*Absatz geändert