Man muss aber auch sagen, der Brillenverkäufer hat auch gelogen.
Nein ernsthaft, ganz interessant das Video
Das Video was zu verlinkt hast stammt von einer Person, die scheinbar überhaupt keine Expertise im Bereich Psychologie oder Psychiatrie hat und als angeblich „Betroffene“ einer „toxischen Beziehung mit einem Narzisten“ irgendwelche „Coachings“ für stramme 162€ pro Stunde anbietet.
Tja, nur „scheinbar“, denn sie ist doch psychologische Beraterin, ausgebildet bei Paracelsus. Das ist doch mindestens auf dem Niveau eines Dr. h.c. in Engelwissenschaften.
Made my day
Ich hab ne Ausbildung in der Atlantis-Matrix-Quantenheilung
Damit kann man sehr viel heilen, außer vllt den Geisteszustand von Bossmang
Ich muss zugeben, so genau hatte ich mir das zunächst nicht angesehen – danke für den Hinweis.
Inzwischen habe ich nachgelesen: Ja, auf ihrer Webseite (die sie über YouTube verlinkt) ist von einer Ausbildung zur psychologischen Beraterin an einer Paracelsus-Schule die Rede.
Diese Ausbildung ist nicht staatlich anerkannt, ebenso wenig der Abschluss. Das relativiert die Seriosität und erklärt den Vergleich mit den erwähnten eher zweifelhaften und skurrilen Angeboten.
Ein psychologischer Berater darf in Deutschland lediglich Coaching und Lebensberatung anbieten – keine Diagnosen, keine Medikation, keine Psychotherapie. Die Ausbildung vermittelt zwar Grundlagenwissen zu psychischen Störungen und Therapieformen, ersetzt aber keine therapeutische Qualifikation. Das sollte man unbedingt im Hinterkopf behalten, wenn man sich als Klient auf ein solches Angebot einlässt.
Interessant ist aber: Die Ausbildung ist durchaus kostenintensiv.
- Fernlehrgang (18 Monate): ca. 6.470 €
- Abend- und Wochenendstudium (14–20 Monate): zwischen 6.488 € und 7.696 €
- Tagesstudium (Vollzeit): ca. 7.696 €
vgl. heilpraktiker-ausbildung.de
Das heißt: Sie hat durchaus Zeit und Geld investiert, um sich in dem Bereich weiterzubilden – auch wenn der Titel für sich genommen wenig Gewicht hat.
Das spricht zumindest für ein gewisses Engagement und den Willen, sich mit psychologischen Themen auseinanderzusetzen. Die Inhalte der Ausbildung wirken breit gefächert – ob sie fachlich fundiert sind, ist eine andere Frage.
Trotzdem: Ich schaue mir täglich mindestens eines ihrer Videos an und ihre Aussagen wirken auf mich immmer authentisch und überzeugend. Vielleicht auch deshalb, weil ich ähnliche Erfahrungen gemacht habe.
Bei sowas frage ich mich aber schon, WENN ich Zeit und Geld in diesem Maße investiere, warum mache ich dann nicht gleich etwas anerkanntes? Da bleibt dann direkt der Verdacht, dass es zu mehr nicht gereicht hat. Da sollte man sich als Kunde schon fragen, will ich so jemanden als Therapeuten Coach?
Mich nervt das aber vor allem deswegen, weil medizinische Laien das im Zweifelsfall nicht unterscheiden können. Die denken, sie bekommen professionelle Hilfe, dabei ist das ein besseres Laienberatungsgespräch. Ähnlich wie bei (medizinischer) Fußpflege, die wenig bis gar nichts mit einer podologischen Behandlung zu tun hat. Die Leidtragenden sind dann im Falle einer falschen Behandlung /Beratung die Patienten.
Den gleichen Gedanken wie @Trichophyton hatte ich auch: Warum studiert die Person nicht Psychologie oder wenn es ihr um Hilfestellung geht Soziale Arbeit?
Der Punkt bei medizinischen Dinge ist nämlich folgender: Man sieht von außen eine Reihe von Symptomen und Laien (mich als Laie natürlich eingeschlossen) tendieren dann dazu eine meist besonders krasse Diagnose zu stellen obwohl ggf. noch andere Erkrankungen in Betracht kommen. Ein Sache wo ich mich ein bisschen auskenne ist ADHS. Dies hat zum Beispiel überlappende Symptome mit Störungen aus dem Autismus-Spektrum. Genau feststellen was aber nun vorliegt, ob das was die Person hat überhaupt Krankheitswert hat ist Aufgabe eines Psychiaters. Dieser hat hierfür Tests, die aus einer große Mengen an Daten entwickelt wurden.
Das Problem an Videos wie dem was du verlinkt hast ist, dass es zu Aussagen führt wie dieser hier:
Eine Narzisstische Persönlichkeitsstörung ist eine Krankheit, die einen Code im ICD hat. Jetzt die Frage: Würdest du auch sagen, dass man jemanden als Autisten entlarvt? Oder als jemanden entlarvt der ADHS hat? Oder das sich jemand als Diabetiker entlarvt hat?
„Entlarven“ ist ja kein deskriptives sondern ein normatives Wort. Wenn wir in den Duden schauen (entlarven ▶ Rechtschreibung, Bedeutung, Definition, Herkunft | Duden) steht dort: „jemandes wahre Absichten, den wahren Charakter einer Person oder Sache aufdecken“. Das Beispiel ist „jemanden als Betrüger, jemandes falsches Spiel entlarven“.
Wenn wir uns die Videos auf diesem Kanal ansehen sind dort Titel dabei wie:
- Was Narzissten im Bett WIRKLICH denken (Schockierend!)
- Wenn der Narzisst merkt, dass er dich verliert – wird er gefährlich!
7 Seltsame Essgewohnheiten von Narzissten
Das heimliche Spiel, das Narzissten mit dir spielen – ohne dass du es merkst | [#narzissmus]
Nicht wenige dieser Videos dämonisieren Menschen mit dieser Krankheit, stellen sie als das böse oder als Superschurken dar. Andere Videos sind bereits von ihrem Titel her lächerlich. Heißt: hier findet keine sachliche Analyse statt sondern normative Wertung.
Damit streite ich nicht ab, dass Narzissten bei anderen Leuten Leid verursachen. Aber durch das Verurteilen ist niemanden geholfen. Wichtig ist, dass jemand der diese Persönlichkeitsstörung hat diese auch diagnostiziert bekommt und im Rahmen von Therapien Verhaltensweisen erlernt, dass er durch seine Störung keinen Schaden bei anderen Menschen anrichtet. Ebenso wie halt Leute die mit Narzzisten in einer Beziehung waren und darunter gelitten haben ggf. Hilfe brauchen. Dies dann aber bitte von qualifizierten Psychologen oder Sozialarbeitern und nicht von „Coaches“ fürs 162€ die Stunde.
Denn das ist ziemlich kritisch: Menschen die einen psychisch kranken Partner haben (dazu zählen ja auch Suchterkrankungen) sind häufig ziemlich verzweifelt. Da dann enorme Summen zu nehmen empfinge ich selbst als unmoralisch, insbesondere weil es ja entsprechende Unterstützungsangebote von Hilfsorganisationen gibt.
Man kann natürlich die gemeinhin bekannten Merkmale bei diesem oder jenem wiederfinden. Das ist aber ganz sicher keine Diagnostik durch einen Psychologen; und selbst bei dem nur eine Beobachtung mit Verdacht, wenn er nur die Youtube-Videos von jemandem kennt.
Das verhält sich ein wenig so wie mit einer Website, bei der man als Entwickler vermuten kann, dass dieser oder jener Fehler gemacht wurde, weil sie bestimmte Zicken macht.
Ferndiagnostik ist in der Psychiatrie imo nach wie vor erlaubt, wenn man ein Gutachten für forensische Unterbringungen braucht, und die Person nicht redet.
Das ist in Deutschland echt so ein Phänomen. Einerseits haben wir mit die strengsten Regeln, wenn es um eine Medikamentenzulassung geht. Andererseits können „Coaches“ oder vor allem diese unseligen „Heilpraktiker“ ohne Abschluss oder Kontrolle an körperlich und psychisch Kranken herumschwurbeln.
Das stammt aus dem 2. Weltkrieg aus einer Notsituation heraus und wird heute größtenteils gemacht, um Esoterik als Medizin zu verkaufen oder schlicht zum Dampfplaudern.
Diagnosen wie die, die Du aufgezählt hast, sind tatsächlich stigmatisiert. Andere Menschen haben Schwierigkeiten oder erleiden sogar handfeste Schäden durch den Umgang mit den Kranken.
Und gerade Narzissten suchen sich bewusst Partner aus, die sich das gefallen lassen. So wie Suchtkranke ein „Händchen“ für diejenigen haben, die in eine Co-Abhängigkeit bleiben.
Das ist teilweise richtig, denn man benötigt eine Anamnese. Für die gesicherte Diagnose, die dann erfolgen muss, benötigt man dann auch den direkten Kontakt.
Das war bei Gustl Mollath doch keine Anamnese damals, sondern sehr wohl eine Diagnostik.
Ja, die Anamnese muss vorher vor Ort gemacht werden. Leider zählt dazu auch durchaus ein Protokoll aus einem Vorgespräch oder einem anderen Gespräch in entsprechendem Kontext.
Anamnese bedeutet ja: Schilderungen über Symptome aufnehmen, Verdacht entwickeln. Diagnose ist die Überprüfung anhand der Kriterien. Im Falle Molath wurde hier etwas bewertet, was auf dem Papier stand, das geht natürlich dann in die Hose!
Das tut wirklich weh zu lesen! Also zum 1. Mal ist es keine Ausbildung, es sollte strafbar sein, es so zu nennen. In meinen Augen ist das klar eine Bewerbung dieser Veranstaltungen mit falschen Tatsachen. „Paracelsus“ ist wohl das bekannteste Hogwarts überhaupt, das diese Heilpraktikanten vorgibt auszubilden.
Aber a. benötigt man für die HP-„Prüfung“ diese Ausbildung gar nicht - ich habe den Test mit Mittelstufenwissen bestanden - und b. ist man auch in der Pflicht, sich über die Qualität eines solchen „Instituts“ zu informieren! Gerade ein solcher Betrag sollte einen anspornen, sich das genauer anzuschauen.
Wer psychologisch arbeiten will, der studiere Psychologie. Wer medizinisch arbeiten will, der studiere Medizin oder lerne einen Heilberuf, den er dann nach evidenzbasierten Regeln ausführt.
Wer dazu nicht Willens ist oder es nicht schafft, Esoterik oder Pseudomedizin verkaufen will, der lasse verdammt nochmal seine Finger von Patienten!
Bitte korrigiere mich, wenn ich da falsch liege: Aber nach meinem Wissen kam dies erst nach dem Contergan-Skandal. Vorher konnte Firmen Medikamente relativ frei auf den Markt bringen.
Ich sehe die Kritik, aber sehe das durchaus zwiespältig. In meiner Familie hatten wir eine schlechte Erfahrung gemacht als mein Vater an einer unheilbaren neurologischen Krankheit erkrankt war. Dieser wurde aber erst sehr spät diagnostiziert. Vorher gaben meine Eltern mehrere hundert Euro für eine völlig unbrauchbare Therapie aus ohne das die korrekte Erkrankung diagnostiziert wurde.
Auf der andere Seite hatte ich in einer stressigen Phase mal ziemlich übel mit den Zähnen geknirscht, sogar so schlimm, dass der Nerv unter einem Backenzahn abgestorben ist. Mein Zahnarzt, der auch der Alternativmedizin zugewandt ist hat neben der notwendigen Wurzelbehandlung und der Knirscherschiene dann halt auch Akupunktur gemacht (5€ für 30 Minuten). Und egal ob nun die alternativmedzinische Sicht von angeblichen Energielinien stimmt oder die medizinische Sicht der verletzten und regenerierenden Fazsien oder weil ich einfach mal in einer stressigen Situation 30 Minuten in einem abgedunkelten gemütlichen Raum liegen konnte: Danach ging das mit dem Knirschen und den Zahnschmerzen was da verursacht hat besser.
Ich sehe durchaus, dass sich Medizin und Alternativmedizin gegenseitig ergänzen können. Statistisch gesehen ist alles als die Alternativmedizin macht Placebo-Effekt. Aber: Der Placebo-Effekt ist ja real. Und wenn hier ergänzend zur medizinischen Behandlung dieser aktiviert werden kann, dann ist einigen Leuten damit geholfen.
Ja leider, obwohl so etwas eigentlich eher hilfreich sein sollte. Ich fand z. B. einen bei mir im Büro eine zeit lang ziemlich ätzend, weil er sich öfters mal aus heiterem Himmel ziemlich anti-sozial verhalten hat. Dann hat er mir irgendwann beiläufig erzählt, dass er ADHS hat. ADHS hat wie gesagt überlappende Symptome mit Autismus-Spektrum. Seit dem komme ich ziemlich gut mit ihm zurecht und mag ihn, weil sein komischens Verhalten nicht daher kommt, dass er boshaft sein will, es kommt aus einer Erkrankung und er realisiert die Wirkung seines Verhaltens nicht. Man schaut also darüber hinweg, verbucht es als Marotten und nimmt die positiven Dinge die er macht.
Das ist ohnehin eine interessante Dynamik. Denn es gibt auch Leute, die sich gezielt Partner mit einer psychischen Krankheit oder Suchtkrankheit suchen.
Das Problem ist halt schon, dass auch die Psychiatrie selbst nahe am Hokus-Pokus ist. Bei anderen Disziplinen aus der Medizin kann man immerhin problemlos Diagnosen aus der Akte übernehmen. Mir wurde bspw in einer Psychiatrie auch schon eine katatone Schizophrenie diagnostiziert, einfach nur weil ich viel rumgesessen und nachgedacht habe.
Besonders schön ist es dann, wenn sie richtig überzeugt von ihrer Diagnose sind, und anfangen, aggressiv zu werden, weil man keine Medikamente nehmen möchte, oder weil man nicht „richtig mitarbeitet“ (aka basteln geht z.B., „Ergotherapie“).
Plot-Twist ist eh, dass ich echte neurologische Veränderungen habe, sichtbar im MRT, resultierend aus kleinen Schlaganfällen. Und eine organische Ursache müsste natürlich ausgeschlossen werden, bevor man Persönlichkeitsstörungen etc diagnostiziert. Ist dann immer lustig, wenn mir im Internet bspw so ein Stardogg eine Psychopathie ferndiagnostizieren möchte, und auch noch ernsthaft überzeugt davon ist.
Edit: Wobei man natürlich spitzfindig mutmaßen könnte, dass die Schlaganfälle genau die Bereiche zerstört haben, die bei Menschen mit Psychopathie vllt initial schon defekt oder unterentwickelt sind, aber so weit sind wir medizinisch noch nicht.
Fehldiagnosen gibt es im Bereich der psychischen Erkrankungen natürlich häufig. Psychiater haben zudem keine wirkliche psychologische Ausbildung, sondern sind eher Pharmakologen. Addiert man dann die Bürokratie nebst Knappheit an Therapeuten nebst Vorschriften und Verfügbarkeit bestimmter Therapieangebote, kann ich mir lebhaft vorstellen wie es zu einer Geschichte wie Deiner kam.
Ärzte, solche sind Psychiater ja, haben immer noch den Standesdünkel gegenüber anderen medizinischen Berufen, die heute einfach ausdifferenzierter sind. Freud war von der Ausbildung her auch ein Arzt. Psychologie und die dem Studium folgende Therapeutenausbildung haben von ihrer Natur her aber schon wesentlich mehr Tiefgang als es ein Medizinstudium haben kann. (Was umgekehrt auch gilt, aber in anderen Bereichen.) Darum würde ich mir auch nie einen ärztlichen Psychotherapeuten suchen.
Auch der zweite Punkt ist ein Problem. Organische Ursachen werden oft gar nicht abgeprüft. Das sollte man natürlich immer vorher tun.
Dieser Skandal hat mit Sicherheit dazu beigetragen. Der eher laxe Umgang in den USA besonders mit Schmerz- und Betäubungsmitteln ist bis heute ein Problem, das sich auch aus deren Zulassungsvoraussetzungen ableitet. Und es gibt viel weniger Einschränkungen am Rezeptblock. Manche Ärzte leben davon („Pill Mill“). Hier wäre das undenkbar.
Das ist häufig ein Grund, weshalb Menschen bereit sind, auf Pseudomedizin reinfallen. Unser Gesundheitssystem ist vergleichsweise leistungsfähig, aber weit davon entfernt perfekt zu sein. Sogar strukturell schon.
Aber ein Flugzeugabsturz beweist eben nicht die Existenz fliegender Teppiche.
Was Du weiter anführst, sind Anekdoten. Wir Menschen ticken so, dass wir zeitliche Zusammenhänge kausal wahrnehmen. Das ist auch ein Bias, der Patienten in Kombination mit einem Placebo oft daran glauben lässt. (Post hoc ergo propter hoc.)
Ein Arzt sollte weder Schwurbel verkaufen noch dazu beraten dürfen. Das hat einfach in der Medizin nichts verloren. Noch schlimmer ist das in Apotheken, die an Homöopathie, Anthroposophie und anderer Quacksalberei ganz beträchtlich mitverdienen. Anstatt wie geplant zu informieren, dass das Pseudomedizin ist und es nur auf beharrliches Verlangen zu bestellen, stellen sie ganze Regale voll und bewegen die Leute sogar aktiv dazu, den Unsinn zu kaufen.
Das kann schon deshalb nicht sein, weil es Alternativmedizin nicht gibt. Entweder ein Konzept kann eine Wirkung zeigen, dann ist es Medizin. Oder nicht, dann ist es BS. Weder sollte dann ein Arzt es anwenden oder empfehlen dürfen noch eine Apotheke verkaufen. Nicht einmal ein Supermarkt, wenn Entsprechendes behauptet wird.
Das Argument hört man oft, aber gerade im medzinischen Bereich ist das gefährlich. Es gibt nämlich eine (völlig irrationale) Natursehnsucht bei den modernen Menschen. Und den (falschen) Glauben, etwas sei „besser“ oder verträglicher, weil es nicht künstlich („chemisch“) ist. Allein diese Präsenz im medizinischen Kontext verleitet die Patienten dann, die echte Medizin wegzulassen und Pseudomedizin zu kaufen. De facto also nichts zu tun!
Ich weiß, was Du meinst. Habe selbst ADHS.
Das setzt natürlich voraus, dass der jeweils andere über ADHS Bescheid weiß und seine verschiedenen Spielarten kennt.
Die Entwicklung von gegenseitiger Ausschlussdiagnose zu einem zweidimensionalen Spektrum mit Autismus ist relativ neu. Da haben Laien natürlich wenig Kenntnisse von. Oft wissen Betroffene ja selbst nicht einmal, dass sie das Problem haben. Und nicht zuletzt gibt es Kollegen, denen das egal ist, weil sie „nur ihre Arbeit machen wollen“.
Das habe ich auch schon öfter gehört. Das Helfer-Syndrom hat ja noch keinen ICD-10-Code und wohl auch verschiedene Comorbiditäten. Und wenn die persönliche Biographie es hergibt (z.B. Vater mit Suchtproblem => Lob für Aufrechterhaltung seines Systems), wäre da durchaus ein Muster für da.
Finde dein Urteil da ehrlich gesagt zu hart.
Auch in einer medizinischen Studie stellt man ja zunächst nur einmal Korrelationen fest und hofft durch das Aufstellen von möglichst vergleichbaren Vergleichsgruppen und das Rumrechnen mit allerlei Kontrollvariablen, dass die Korrelation die man da beobachtet auch die tatsächliche Kauslität ist.
Nun weist du aber, dass ich Anhänger Feyerabends bin und dem Methodenzwang der heute in der Wissenschaft herrscht durchaus kritisch gegenüber stehe. Das bestätigt sich ja nicht nur in dem was Feyerabend geschrieben hat, sondern auch Gigerenzer beschreibt ja in mehreren Veröffentlichungen, dass viele Wissenschaftler die statistischen Methoden die sie verwenden eigentlich überhaupt nicht verstehen und die Ritualhaft und streckenweise schlicht falsch anwenden. Und Ioannidis beschreibt, dass ein Großteil der publizierten wissenschaftlichen Studien falsch oder zumindest nicht reproduzierbar sind. Was ich darüber hinaus beobachte ist einer immer stärkere Tendenz in der Gesellschaft, dass nicht falsifizierbare Modelle und Realität miteinander verwechselt werden und Vorhersagen von Modellen für bare Münze genommen werden. Das ist im Kern unwissenschaftliche, weil diese sich immer der Falsizierbarkeit entziehen. Denn wenn die Vorhersage nicht eintrifft wird in der Regel einfach behauptet, dass sie ja nur nicht eingetereten ist, weil man vorher gewarnt hat und entsprechend gegen gesteuert hätte.
Der Placebo-Effekt ist ja durchaus komplexer. Zum Einen hast du darin die Fälle wo es auch so besser geworden wäre, zum Anderen allerdings auch die Effekte, dass der Glaube an die Wirkung tatsächlich etwas im Körper los tritt.
Auch verliert Statistik beim Einzelfall immer ihre Aussagekraft. Nehmen wir an, du hast ein Medikament was in 80% der Fälle geholfen hat und ein anderes Medikament, was in 40% der Fälle geholfen hat. Da klingt das erste Medikament viel besser, oder? Nur nicht für den, der beim ersten Medikament zu den 20% und beim zweiten so den 40% gehört.
Wie gesagt, das ich nicht das für was ich plädiere.
Aber, dass wird was Wissenschafts- und Erkenntistheorie angeht unterschiedliche Positionen vertreten hatten wir ja schon mehrfach. Und wir haben und auch schon mehrfach deswegen gezankt ![]()
Du hast gerade 10 Sympathiepunkte gewonnen.
Das finde ich ist aber durchaus wichtig. Denn Betroffene nehmen ja wahr, dass irgendwas bei ihnen anders ist als bei anderen. Eine Diagnose hilft zumindest nach meiner Meinung das einzuordnen. Wenn man diese dann auch an andere kommuniziert hilft das entsprechende Verhaltensweise einzuordnen und über „Marotten“ hinweg zu sehen.
Genau das habe ich öfters beobachtet. Aber das alles ist durchaus vielfältig. Gibt halt Leute da war ein Elternteil Alkoholiker und sie werden selbst Alkoholiker. Andere werden Co-Abhängig und suchen sich Partner mit Alkoholkrankheit. Wieder andere leben vollständig Abstinent. Und bei wieder anderen ist alles normal.
Das Urteil ist schon berechtigt, denn die Evidenz muss ja von demjenigen erbracht werden, der die Behauptung aufstellt. Und ein Bias ist ja gerade der, den Du nennst!
Nachdem ich mich, auch nach unserer Unterhaltung
, mit Feyerabend ein wenig beschäftigt habe. Dabei wurde mir ziemlich klar, dass seine Kritik an der Erkenntnistheorie zumindest in den Naturwissenschaften ins Leere greift. Insbesondere in seiner „Methodenkritik“ setzt er die zu Zeiten Kopernikus’ geltenden Methoden mit den modernen gleich und fordert ein „anarchisches Vorgehen“.
Dabei übersieht er aber, dass es eben die damalige Zeit war, in der Methoden willkürlich (und theozentrisch = dogmatisch) aufgestellt wurden, so als wären Naturwissenschaften eben auch Philosophien. Und hier stolpert er über den Fallstrick: in der Philosophie - und in den Naturwissenschaften bei der Auswahl des Forschungsobjekts - ist „Anarchie“ durchaus nichts Ungültiges oder Schlechtes. Man kann jede These aufstellen und sei sie noch so absurd, solange sie falsifizierbar ist.
Wenn man deren Wahrheitsgehalt aber an der Welt um uns herum prüfen, kann man nicht einfach die Regeln ändern, denn die sind sehr wohl der Aussagenlogik unterworfen. Die Aussage, ein medizinisches Verfahren habe eine Wirkung über Placebo, ist falsifizierbar. Wenn man das festgestellt hat, kann man die These verwerfen.
Im konkreten Fall muss das bedeuten, das Produkt darf nicht mit dieser Aussage verkauft werden. Ein Arzt / eine Apotheke darf sie nicht mit dieser Aussage empfehlen.
Es sei denn, jemand wäre in der Lage, eine verfeinerte These zu verfassen. Das bei falsifizierten Thesen zu tun, verbietet sich ausdrücklich auch nicht (Variablenwahl).
Kann dann mit diesen Parametern, also der veränderten Aussage, doch eine Wirksamkeit nachzuweisen. Das muss reproduzierbar sein. Aber Dann, und nur dann, darf man Patienten damit in Kontakt bringen, denn bei denen kann man nicht voraussetzen, dass sie die Prinzipien kennen und damit umgehen können.
Bei Wissenschaftlern sollte das der Fall sein, aber auch hier gibt es viel Raum für Fehler und Bias. Deshalb gilt ja die Verifizierbarkeit als Kriterium.
Die gängigsten Methoden der „Alternativen Medizin“ sind aber schon derart gründlich falsifiziert, dass man sie verwerfen kann. Demnach sollte es auch niemand verkaufen dürfen.
Dass Du es als „Ergänzung“ siehst, hatte ich schon verstanden, aber leider ist es ein Fakt, dass viele Menschen es gar nicht erst als … Placebokandidaten erkennen, da es ja als „Alternative“ beworben wird. Wenn dann auch noch „pflanzlich“, „natürlich“ oder „ganzheitlich“ draufsteht, ist es vorbei. Und nicht wenige haben dann auch noch den VT-Effekt, denn die „Farmermaffia“ (sic!) will uns ja alle nur umbringen, krank machen, mit Chips verseuchen, … you name it. ![]()
Das ist auch meine Strategie und es geht ganz gut, weil mir die Medis helfen und mein Umfeld zum überwiegenden Teil aus eher gebildeteren Leuten besteht.
Die Diagnose habe ich erst als Erwachsener bekommen. Deshalb habe ich immer gedacht, dass es halt zu meiner Persönlichkeit gehört und ich meine Schwächen ausgleichen muss. Eigentlich ein großes Glück, denn so habe ich Strategien entwickelt, mit denen ich gut klarkomme. Das schaffen leider nicht alle.
Ganz ähnlich ist es mit biographischen Erlebnissen, die zu psychischen Erkrankungen führen können. Wir erleben unsere Kindheit alle als normal und ich glaube, auch ein Elternteil, das alkoholabhängig ist, liebt normalerweise seine Kinder aufrichtig. Wenn also solche Mechanismen schon von Anfang an eingeprägt sind, verschwinden sie nicht wieder. Sollte z.B. der alkoholkranke Vater damit offen umgehen und sagen, dass das erst als Spaß und Partytrunk losgeht, aber einige es dann im Alltag verwenden und irgendwann nicht mehr lassen können… das Kind vielleicht miterlebt, wie der zuerst liebende Vater plötzlich „abkackt“… dann wird es womöglich streng abstinent sein. Wenn das System trotz Sucht funktioniert und das Kind sogar dazu beigetragen hat, wird es so weitermachen. Auf dem Dorf habe ich nicht selten erlebt, dass das gemeinsame Saufen als Bindemittel zwischen Vätern und Söhnen erlebt wird. Ich war in der Grundschule, da sagte der Vater meines Freundes über dessen größeren Bruder, dass er echt stolz ist, „wie der schon den Bierkrug stemmen kann“. Der war damals 15! Heute sieht man ihm ziemlich deutlich an, dass er immer noch fleißig stemmt. Sein Bruder trinkt sehr selten.