Nicht Kopernikus, sein Beispiel im hinteren Teil des Buches ist Galileo. Der Punkt ist, dass die Anhänger der herrschenden Theorie wohl auch damals gesagt haben, ihre Methoden seien nicht dogmatisch, sondern richtig und wohlüberlegt.
Wir sind gerade beim Thema Medizin, und da habe ich oft interessante Gespräche mit Leuten, die studiert haben. Es geht darum, wo der Unterschied zwischen Medizin und Alternativmedizin liegt. Oft heißt es: „Das eine funktioniert, das andere nicht.“ Fragt man, wie man das feststellt, kommt: „Das eine lässt sich belegen, das andere nicht.“ Dann sagt man, auch der Heilpraktiker könne Beispiele (also Evidenz) nennen, wo es gewirkt hat. Am Ende kommt man zu dem Punkt, dass die Medizin sich der Statistik bedient, der Heilpraktiker nicht. Dieser Punkt ist richtig, allerdings versagen fast alle dabei, eine schlüssige Begründung zu liefern, warum man die Statistik als Methode überhaupt akzeptieren sollte.
Poppers Falsifikationismus ist durchaus ein nettes Ideal, aber wir wissen beide, dass die real existierende Naturwissenschaft nicht so funktioniert. Bei anderen Themen (p-Wert, Meta-Studien etc.) fallen wir sogar in den Induktivismus zurück.
Eine zentrale Kritik von Feyerabend ist folgende: Im Falsifikationismus Poppers betrachten wir die Welt aus einer Theorie, die aus einer kühnen Überlegung entspringt. Diese müssen wir befragen können und über Deduktion zu teilentscheidbaren Sätzen (Vorhersagen) kommen. Hierbei fließen eine Reihe von Prämissen mit ein. Aus dem Szenario zur Falsifikation entwerfen wir ein Experiment, das Daten produziert, die wir interpretieren. Wenn Interpretation der Daten und Vorhersage zusammenfallen, ist die Falsifikation gescheitert, und die Theorie hat sich bewährt. Das krankt aber an drei Stellen:
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Wenn Vorhersage und Interpretation nicht zusammenfallen, weißt du nicht, woran es liegt. Ist die Theorie tatsächlich falsifiziert? Oder war ein Fehler in der Deduktion? Waren vielleicht Prämissen falsch? War das Experiment überhaupt geeignet? Oder ist beim Aufbau etwas schiefgelaufen? Wurden Daten vielleicht falsch erfasst oder fehlerhaft interpretiert?
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Und das ist schwerwiegender: Die Theorie gibt vor, welche Fragen an sie überhaupt legitim sind, welche Methoden für das Experiment zugelassen sind und welche Methoden zur Auswertung genommen werden dürfen.
Das erste Problem führt dazu, dass wir eine Theorie, die sich bewährt hat, nicht sofort verwerfen, wenn Vorhersage und Interpretation der Beobachtung nicht zusammenfallen. Dann ist entweder das Experiment falsch, oder am Ende ist gar der Wissenschaftler gescheitert. Wenn viele verschiedene Experimente immer wieder zeigen, dass beides nicht zusammenpasst, wird es als Anomalie verbucht und ignoriert. Es ist also nicht so, dass, wie Popper es fordert, falsifizierte Theorien abgelehnt werden. Nicht ohne Grund sagt Kuhn, dass der Wechsel von einem Paradigma zum anderen in der Phase der Revolution viel mit der Konvertierung von einer Religion zu einer anderen zu tun hat.
Der zweite Punkt ist nicht weniger fatal, denn wenn die Theorie vorgibt, welche Fragen ich überhaupt stellen kann und welche Methoden ich verwenden darf, ist es kein Wunder, dass Wissenschaftler, die einer bestimmten Theorie anhängen, ständig Ergebnisse produzieren, die wiederum auf die Theorie verweisen. Aus diesem Problem kommt man nicht ohne Weiteres heraus.
Selbst Popper sagt, dass Theorien nicht die Wahrheit sind. Oder wie er es ausdrückt: Wahrheit suchen nur Mathematiker und ein paar verzweifelte Juristen. Naturwissenschaftler suchen nach der bestmöglichen Theorie, die sich bewährt, indem sie Vorhersagekraft entfaltet und möglichst wenige Anomalien aufweist.
Die Frage ist hierbei: Warum soll das als Methode überhaupt akzeptabel sein? Nehmen wir an, wir haben zwei Gruppen: Einer gibst du einen Wirkstoff, der anderen ein Placebo. In beiden Gruppen gesunden am Ende 20 %. Das beweist nicht, dass ein Medikament unwirksam ist. Es kann immer noch sein, dass das Medikament 10 % in der einen Gruppe geheilt hat und die 20 % in der Kontrollgruppe Zufall waren. Klar, man kann sagen: „Aber der p-Wert war doch so gering.“ Aber Ioannidis stellt richtig fest, dass auch ein geringer p-Wert dazu führt, dass eine Vielzahl von Studien schlicht falsch und reiner Zufall sind.
Und noch einmal: Die Statistik verliert beim Individuum an Aussagekraft. Es ist unwahrscheinlich, dass du mit Mitte 40 Darmkrebs bekommst, deshalb gibt es die Vorsorgeuntersuchung erst ab 50. Wenn du aber trotzdem jetzt Darmkrebs bekommst, hilft es dir nicht weiter, dass das eigentlich unwahrscheinlich ist.
Das Spannende ist, dass die Medizin eher induktivistisch als falsifikationistisch arbeitet.
Nun zu einem wichtigen Punkt, den Feyerabend schrieb: Eine Theorie erhält ihre Schärfe nicht aus sich selbst heraus, sondern lediglich im Vergleich zu einer anderen Theorie. Schon allein deshalb braucht die Medizin die Alternativmedizin.
Methylphenidat?
Klingt zumindest plausibel. Ich trinke generell keinen Alkohol, denn Alkohol ist haram!