Transkription dessen was Drosten zu Masken im März sagte: https://www.ndr.de/nachrichten/info/coronaskript138.pdf
Korinna HennigWenn man in der Öffentlichkeit unterwegs ist, dann ist für viele nach wie vor das Thema Masken sehr wichtig. Wir haben da natürlich zwei Aspekte. Zum einen haben wir einen Mangel an Masken, auch an den einfachen OP-Masken, die im Krankenhaus gebraucht werden. Gleichzeitig sagen immer mehr Leute: Wir wollen da jetzt vielleicht was unternehmen und nähen uns selber eine Maske. Das haben wir auch schon thematisiert. Am Freitag ist in der Fachzeitschrift „Lancet“ ein Kom-mentar dazu erschienen, der in die gleiche Richtung geht, wie wir sie bisher besprochen haben. Wenn Sie im Lichte dessen all das noch mal betrachten, wie stehen Sie zu der Frage: Sollten wir nicht alle Masken tragen, um andere zu schützen?Christian Drosten Ja, es ist tatsächlich so, dass dieser Kommentar in „Lancet“, gerade auch in Fachkreisen, die mir dann halt auch eher mal schreiben, auch aus dem Kollegenkreis heraus aus ganz Deutschland, schon ziemlich viel Nachdenken hervorgerufen hat. Viele Mediziner haben mir geschrieben und gefragt, was ist denn da jetzt? Sollte man sich dazu nicht mal auch positionieren? Und gleichzeitig scheint es so zu sein, dass sich viele Leute in der Öffentlichkeit einfach Gedanken zu dem Thema machen. Vorweggeschickt muss man natürlich sagen: Es gibt in allen Ländern, nicht nur in Deutsch-land, in ganz Europa, praktisch auch auf der ganzen Welt, einen Mangel an diesen Masken. Wenn wir jetzt vor allem in Europa schauen, da ist das wirklich flä-chendeckend so, dass kein Land irgendwelche Vorräte oder so etwas hat. Ich weiß, dass das deutsche Gesundheitsministeri-um schon vor Wochen angefangen hat, Bestände zu sichern und Bestellungen aufzugeben. Also ich würde denken, dass wir da in Deutschland von der Vorberei-tung sehr gut sind. Aber solche Dinge laufen auch, die
Stand 23.03.2020NDR.DE/CORONAUPDATE2/7brauchen eine Zeit. Bestellungen brauchen eine Zeit. Produktion braucht eine Zeit. Und jetzt im Moment ha-ben wir in Deutschland, wie in allen anderen Ländern auch, einen Mangel von diesen Masken am Markt. Und es ist tatsächlich so, dass die Krankenhäuser schon noch beliefert werden. Aber es ist jetzt nicht so, dass das unbegrenzte Bestände sind. Deswegen machen sich auch Einkaufsabteilungen an großen Krankenhäu-sern berechtigte Sorgen, wenn die Öffentlichkeit jetzt auf dieselben Bestände zugreifen würde. Da müssen Sie sich vorstellen, das ist ja irgendwann eine Markt-konkurrenz. Und Angebot und Nachfrage wird dann die Preise hochtreiben. Wenn die Personen in der Öffent-lichkeit denken, sie könnten sich durch eine Maske sel-ber vor der Infektion schützen, dann gibt es natürlich irgendwann auch Leute, die Mondpreise bezahlen für so etwas, auch wenn es kaum eine Wirkung oder keine Wirkung hat. Korinna Hennig Es gibt ja auch immer wieder Berichte über Diebstähle aus Kliniken tatsächlich.Christian DrostenAbsolut. Es werden ganze Packungen angebrochener Masken aus irgendwelchen Untersuchungsräumen in Ambulanzen geklaut, weil man ja nicht alles immer gleich überwachen kann. Die verschwinden da einfach. Jedenfalls sollten wir vielleicht über diese Stellungnah-me kurz reden. Das ist eine Expertenstellungnahme in „Lancet“, also einer der renommiertesten Fachzeit-schriften. Hier eine Spezialzeitung für Respirations-trakt-Erkrankungen, die heißt „Lancet Respiratory Disease“. Das wird genauso weit gelesen wie „Lancet“ selbst. Und es ist einfach so, dass hier eigentlich die Situation genauso umrissen wird, wie wir sie hier auch immer besprochen haben. Es gibt die vorwiegenden Argumente, dass man sagt, was wir gerade schon gesagt haben: Es darf keine Marktkonkurrenz geben. Denn im Medizinbereich, in Berufen, die patientennah arbeiten – das ist aber nicht nur der Arzt und die Kran-kenschwester, sondern auch in anderen Bereichen, in Pflegeheimen und so weiter – ist es natürlich so, dass man einen sehr nahen Kontakt hat. Und in diesem Nah-bereich gelten andere Regeln. Und da gibt es durchaus Daten, die zeigen, dass solche Krankheitsübertragun-gen von Respirationstrakt-Erkrankungen durch die Masken reduziert werden. WIE WIRKEN MASKEN?In der Öffentlichkeit gibt es so zwei Überlegungen, die man sich machen kann. Das eine ist der Eigenschutz. Also ich trage eine Maske, um nicht krank zu werden. Das andere ist der Fremdschutz. Ich bin krank, trage eine Maske, damit nicht jemand anderes noch krank wird, damit das Virus nicht weiter übertragen wird. Und für diesen letzteren Bereich gibt es, sagen wir mal mechanische gute Gründe, warum man das so machen will. Das kann sich jeder ganz einfach vorstellen. Wenn ich niese, dann verteile ich kleinste Tröpfchen. Und wenn ich ein Stück Tuch vor dem Mund habe, das kann entweder so ein Zellulose-Tuch sein wie bei einer gekauften Maske, oder es kann auch natürlich ein Schal sein oder irgendetwas, diese großen Tröpfchen werden dann abgefangen. Da lässt sich nichts dran diskutieren. Und das ist natürlich gut.Korinna Hennig Weil sie gar nicht erst fliegen sozusagen?Christian Drosten Weil sie gar nicht erst fliegen, genau.Korinna HennigUnd der umgekehrte Weg: Wenn ich mich jetzt doch aus Versehen in den Nahbereich begebe, weil ich im Supermarkt einkaufen bin und dann jemand zu dicht an mir vorbeikommt und der niest in dem Moment, da fliegen die sowieso schon. Und darum können sie von außen durch einen Mundschutz theoretisch eher eindringen?Christian DrostenJa, also die Überlegung ist, je weiter man dann weg ist von dieser Quelle, desto mehr hat man es mit einem feineren Aerosol zu tun. Und das wird auch seitlich in eine Maske eingeatmet, egal, ob man das von vorne in den Mund einatmet. Oder man hat eine Maske auf und saugt es sich an der Seite rein. Das ist dann einfach kein Unterschied mehr. Deswegen: Je näher dran an der Quelle, desto besser. Deswegen muss die Maske an der Quelle sein und nicht am Empfänger. Und das ist sicherlich eine vollkommen einleuchtende Über-legung. Was eben nicht so einleuchtend ist, dass ich mich in der Öffentlichkeit mit einer Maske nicht selber schützen kann. Das ist einfach vielleicht ein bisschen schwer zu vermitteln. Aber es gibt einfach in der Lite-ratur entweder keine oder – je nachdem, wie man es interpretieren will – fast keine Evidenz dafür, dass das helfen könnte.Ich habe übrigens vor Kurzem eine interessante Studie zugeschickt bekommen, auch von einem Hörer offen-bar. Der bezog sich auf den Podcast. Das habe ich mir angeguckt, denn der hatte mir im Anhang eine Studie geschickt und meinte: Na ja, also hier sieht man es doch. Und dann habe ich da noch mal genau reinge-guckt. Erst stellte sich für mich heraus, das war gar nicht die Studie selbst, sondern es war ein Zeitungsar-tikel über eine Studie. Dann habe ich mir die original Wissenschaftsstudie selber angeschaut. Und was man da sieht, ist eigentlich nicht die Aussage. Das ist leider oft so, dass in Zeitungen etwas falsch transportiert wird. Was man da sieht, ist nicht die Aussage: Masken schützen. Sondern es ist im Prinzip die Aussage gewe-
Stand 23.03.2020NDR.DE/CORONAUPDATE3/7sen: Masken haben einen ähnlichen Schutzwert wie eine Influenza-Impfung bei einer bestimmten Sorte von Patienten, nämlich Kindern, Schulkindern. Aber, und jetzt kommt das große Aber, das war eine Studie, die in einem Jahr gemacht wurde, in dem die Influen-zaimpfung wirkungslos war – oder fast wirkungslos. Es gibt ja diese Jahre, diese Mismatch-Jahre, wo einfach im Influenzaimpfstoff durch Zufall, weil das Virus sich zufällig zwischendurch verändert hat, ein Impfvi-rus drin ist, das nicht richtig passt. Es gibt ja diese Ausfallsaisons, wo es die Influenza-Impfung einfach nicht tut. Und das war so eine Saison, da hat die Studie stattgefunden. Und im Prinzip sagte die Studie: Da hat die Influenzaimpfung so schlecht funktioniert wie eine Maske, aber es wurde uminterpretiert und dann noch mal uminterpretiert. Und so ist es leider häufig. Also ich könnte noch meh-rere solche Beispiele nennen, weil ich auch wirklich da reinlese, weil mich das jetzt auch wirklich interessiert. Und mir fällt es eben auch schwer, eine wirklich harte Evidenz zu finden. Es gibt diese Andeutungsevidenz. Nur die Frage ist natürlich, wie muss man hier jetzt die Dinge abwägen? Kann man für so eine Andeutungsevi-denz jetzt erstens Leute in eine Verunsicherung brin-gen, indem man sagt, ihr müsst alle Masken tragen, was eigentlich gar nicht wissenschaftlich zu unterstüt-zen ist. Und will man für diesen nicht existierenden oder minimal existierenden Nutzen dann auch noch an anderer Stelle, wo es so wichtig ist, die Versorgung verknappen und Marktkonkurrenz schaffen? Das ist einfach die Situation. Und an dieser Situation ist niemand schuld. Es schwingt da auch immer so eine Schuldgeschichte mit: „Der Experte hat abgewiegelt und in Wirklichkeit müssten wir doch alle Masken tragen.“ Oder: “Die Politik hat versäumt, für uns alle Masken zu kaufen.“ Aber so funktioniert das ja nicht. So kann das ja auch gar nicht gehen. Es ist jetzt nur einmal diese vollkommen unvorhergesehene Situation eingetreten.Korinna Hennig Als anfangs über die Masken diskutiert wurde, war auch oft die Rede davon, dass Durchfeuchtung eine Rolle spielen kann. Also dass die Maske sozusagen ihre Barriere verliert, wenn man 20 Minuten da rein und raus atmet und sie dann durchfeuchtet ist.Christian DrostenGenau, also das ist eins von den Argumenten. Aber viel-leicht sollten wir einfach wirklich mal die Argumente zusammentragen, um es noch fertig zu machen. Also bei dieser Datenbasis, die es da so gibt, muss man sich natürlich auch dann immer noch klarmachen, es geht in vielen Studien um alle Respirationstrakt-In-fektionen. Und man muss sich fragen, was das jetzt mit dem zu tun hat, was wir gerade vor uns haben? Bei diesen Respirationstrakt-Infektionen sind ganz viele dabei, die vor allem über Niesen übertragen werden. Da hilft eine Maske offensichtlich, wenn der Niesende sie aufhat. Aber bei diesem Virus ist es jetzt leider nicht so. Das ist keine Naseninfektion, jedenfalls nicht bei den allermeisten Patienten. Und dann ist es natürlich so, bei vielen Erkrankungen gibt es in der Bevölkerung eine Grundimmunität. Da braucht es nur noch ein kleines bisschen, um die Übertragung dann deutlich schlechter zu machen – wie zum Beispiel eine Maske – während beim Coronavirus keine Grundimmu-nität besteht. Wir haben hier ganz unterschiedliche Ausgangsbedingungen. Und das führt dann aber auch dazu, zu sagen: Na ja, wenn man jetzt nicht weiß, wie die Bedingungen sind, will man nicht vielleicht doch was tun? Und das ist dann so diese Überlegung, im Englischen sagt man da: „Absence of evidence“ ist nicht dasselbe wie „evidence of absence“.Korinna Hennig Also sinngemäß übersetzt: Die aktuelle Abwesenheit von Beweisen bedeutet nicht zwingend, dass es diese Beweise auch wirklich nicht gibt.MASKE ALS PSYCHOLOGISCHER EFFEKTChristian DrostenSo, und das ist eben so eine Sicherheitsüberlegung, die man da vielleicht anstellt. Und dann gibt es noch eine andere Überlegung, die ist eben, dass wir ja inzwischen denken, dass bei dieser Erkrankung, bei der SARS-2-In-fektion, vielleicht am Tag vor dem Einsetzen der Sym-ptome schon eine Infektiosität besteht, sodass man sagen würde: Na ja, wenn man jetzt in die Öffentlichkeit geht, und man weiß es einfach nicht, ob man vielleicht nicht morgen Symptome kriegt, und man möchte so eine Art Höflichkeit und Engagement zeigen, dann ist das ja eine Geste, dass man dadurch zeigt: Man denkt daran. Man ist zwar jetzt nicht als Kranker in der Öffent-lichkeit, also diese Verantwortung, diesen Check der Verantwortung hat man eh schon bestanden. Man geht nicht mit Symptomen in den Supermarkt, aber man erkennt an, dass man nicht weiß, ob man morgen Sym-ptome kriegt. Also ist es eben die Höflichkeitsgeste, jetzt zusätzlich eine Maske zu tragen. Das ist doch auch gut verständlich. Und dann noch ein anderes Argument, ganz einfach ausgedrückt: Wer draußen eine Maske trägt, der wird diese Maske nicht vom Gesicht nehmen, um dann bei einer Corona-Party einen Schluck aus der Bierflasche zu nehmen. Also das adressiert vielleicht eher die jüngeren Hörer oder die jüngeren Leute, die im Moment nicht so drüber nachdenken. Die werden vielleicht dadurch, dass alle oder viele in der Öffent-lichkeit so eine Maske tragen, daran erinnert, dass es jetzt mal ernst ist. Und das finde ich auch wichtig als psychologischen Effekt.Korinna HennigUnd es kann natürlich selbst disziplinieren, weil wir alle uns wahrscheinlich auch nach wie vor unbewusst
Stand 23.03.2020NDR.DE/CORONAUPDATE4/7ins Gesicht fassen, an den Augen reiben, die Hand an der Nase oder am Mund haben.Christian DrostenDas ist richtig. Nur gibt es da wieder natürlich auch ein Gegenargument. Man könnte auch sagen, da-durch, dass man eine Maske trägt, ist man in falscher Sicherheit und wäscht sich dann nicht mehr die Hände und macht vielleicht auch das mit den Masken falsch und fasst sich eben doch wieder ins Gesicht, weil man an der Maske immer rumfummelt. Also da gibt es so Für und Wider. Aber generell ist es eben so, dass sich viele Leute im Moment diese Überlegungen machen, und das hat ja eine gute Intention. Gerade auch diese Höflichkeitsüberlegung und diese psychologische Überlegung.