Das klingt als hätte der Islam mit realpolitischen Themen nichts zu tun. Wenn man den Islam politisiert, dann wird man wohl, wie auch jetzt schon in den entsprechenden Ländern, die Art, wie man lebt und die Gesetze (Scharia) aus dem Quran, den Hadithen etc ableiten, nur halt in liberalerer Auslegung. Was sonst ist auch der Sinn des politischen Islam?
Ist aber nicht das, was ich gesagt habe. Haben sagen wir mal so, wir haben Christen und die sind in der CDU, CSU, SPD, FDP, die Linke und bei den Grünen. Wir haben Juden, die sind in der CDU, SPD, FDP, die Linke und bei den Grünen. Warum sollte dies dann bei Moslems anders sein?
Insbesondere in wie weit soll sich dann aus einer liberalen Interpretation ein realpolitischen Programm ergeben hinter dem dann auch eine entsprechende Menge an Leuten stehen?
Um es mal zu so zu sagen, ich kenne Deutschtürken aus moslemischen Familien der fast kompletten Bandbreite. Von orthodox gläubig und fromm (allerdings keine Salafisten), man nimmt Sachen wie das Fasten ernst, über „ich müsste eigentlich Fasten, ach hole ich irgendwann mal nach“ bis hin zu „Lass mich mit dem Islam in ruhe, will damit nix zu tun haben“.
Was deine erste Theorie betrifft, hatte ich schon ähnliche Gedanken. Die zweite Theorie ist sehr interessant, jedoch kenn ich mich in diesem Kulturkreis dann doch zu wenig aus, um genaueres dazu sagen zu können. Hier wäre dann wieder jemand gefragt, der selbst als Muslim lebt oder zumindest in einer muslimischen Familie aufgewachsen ist. Die beschriebenen Sozialisations- und Autoritätsmechanismen klingen jedoch schlüssig und haben, wie du zum Schluss angemerkt hast, auch ihr Pendant in westlich geprägten Gesellschaften. Gerade die letzten 2-3 Jahre zeigten diese Autoritätsgläubigkeit auf erschütternde Weise und führten uns vor, dass wir uns von den Ablassbriefe kaufenden Kirchenknechten des Mittelalters auch im 21. Jahrhundert kaum unterscheiden.
Zurück zur ersten Theorie: Stimmt, eine solche Partei hätte zu Beginn wahrscheinlich den Einthemen-Makel. Allerdings leben wir in einer Zeit, in der fast jedes Interessengrüppchen eine Partei oder Wählerinitiative gründet. Und sei es erstmal nur regional/kommunal. Deshalb wundert es mich, dass diesbezüglich von moderaten/progressiven Muslimen weder in Deutschland noch im Rest Europas irgendwas zu sehen ist. Selbst wenn man davon ausgeht, dass diese Muslime eher in etablierten Parteien ihr Zuhause suchen und nicht mit einer Einthemenpartei versanden wollen, scheint auch auf der Ebene kaum etwas zu passieren. Es gibt zwar vereinzelt Leute wie Ali Ertan Toprak (CDU), die immerhin klare Kante gegen die Machenschaften von Ditib & Co. zeigen, allerdings gehen die im Politikbetrieb meist ziemlich unter. Vielleicht muss es ja nicht mal eine bestimmte Partei sein. Was fehlt, ist sowas wie eine Sammelbewegung, die bestenfalls auch parteiübergreifend funktionieren könnte.
Womit wir wieder beim Thema des Interviews wären: Eine starke Sammelbewegung mit Rückenwind mehrerer etablierter Parteien könnte dann bspw. auch öffentlichkeitswirksame Solidaritätsaktionen für von Islamisten bedrohte Menschen wie Mohammed Ali Slim starten. Nach dem was Slim berichtet hat, ist die politische Unterstützung für Menschen in seiner Lage bisher leider noch sehr gering.
Ok, warum ist so eine Partei eine Einthemenpartei, und macht nicht das naheliegende, d.h. Moral aus ihren religiösen Grundlagen zu ziehen, um daraus Politik zu stricken? Was ist der Sinn so einer Partei, wenn nicht eben das? Man wird doch die liberalen Positionen, die man hat, irgendwie verbalisieren und umsetzen wollen?
Ich verstehe übrigens nicht, wie man ernsthaft eine derartige Partei für erstrebenswert halten kann, statt Säkularität. Vllt ist deshalb von liberalen Muslimen dahingehend auch nichts zu sehen? Duh
Ist eigentlich ganz simpel: Wenn sich erzkonservative Muslime (oder gar Islamisten, Salafisten usw.) über Ditip & Co. immer stärker ins politische Geschehen einmischen, braucht es einen entsprechenden Ausgleich. Ditip und ähnliche Organisationen sind einflussreich, bestens vernetzt und verstehen es inzwischen sehr gut, parteipolitische Strukturen zu ihren Gunsten zu nutzen. Solche Netzwerke und Erfahrungswerte scheinen bei liberalen Muslimen bisher zu fehlen. Dementsprechend finden Menschen wie Herr Slim politisch auch nur wenig Rückhalt mit ihren Anliegen. Bedarf ist definitiv vorhanden, wie sein Schicksal und das von Islamismus-Verfolgten wie Ali Utlu immer wieder zeigt.
Ich sage übrigens auch nicht, dass so eine Partei o.ä. (dass es nicht unbedingt eine Partei sein muss, habe ich bereits angemerkt) zwingend erstrebenswert ist. Mich wundert es nur, dass es bei der großen Anzahl von Muslimen in Europa diesbezüglich keinerlei Aktivitäten gibt. Nicht mal den Versuch. Zumindest soweit ich das bisher mitbekommen habe. Da die Anliegen ähnlich großer Gruppierungen (vor allem wenn man davon ausgeht, dass der Anteil liberaler Muslime entsprechend hoch ist) früher oder später fast immer auch Ausdruck in Form von politischen Organisationen finden, schien diese Idee für mich einfach naheliegend. Aber wie gesagt, die Frage richtet sich an Menschen, die entweder selbst aus dem muslimischen Kulturkreis stammen oder dort zumindest regelmäßige persönliche Kontakte pflegen.
Hier übrigens nochmal das Mediatheken-Interview mit Ali Utlu:
Fast 2 Jahre her. Viel getan hat sich seitdem nicht. Auch Utlu fühlt sich als Islamismus-Verfolgter von der Politik und von der liberalen muslimischen Community hierzulande ziemlich allein gelassen.
Wie gut, dass ich nicht meine Zeit verschwendet habe und dir noch mal eine Antwort im Bezug auf die Gründe warum es solch eine Partei nicht gibt geschrieben habe. Ist ja leider reinstes Taubenschach mit dir in diesem Thread.
Fragt sich immer nur, wie die aussehen soll. Die Moschee von Seyran Ates wäre ja glatt eine gute Grundlage für so etwas, wird aber doch nicht so breit akzeptiert, wie man sich erhofft.
Lernt man diese gewählten Worte auf einer Ivy League Elite-Uni
Weißt du, ich habe mir halt echt Zeit genommen um ein par Theorien darüber warum es solch eine Partei nicht gibt hier niederzuschreiben. Dann habe ich einfach mal die Bandbreite von Moslems beschrieben, die ich so kenne. Und was kommt von dir? Du bezweifelst, dass es diese Leute gibt. Wie soll man da mit dir eine inhaltliche Diskussion führen?
Ach egal, du kommst jetzt einfach wieder auf ignore.
Ach so - nur als Disclaimer:
Ich habe darauf nicht geantwortet, weil Deine Frage zu dem, was ich geschrieben bzw. auf was ich reagiert habe komplett außerhalb des Kontextes ist.
Ich finde es gerade sehr schade, dass die Sache hier so dermaßen eskaliert ist, eine Person einen Meltdown bis zu Sperre hatte und man beim eigentlichen Thema gar nicht weiter gekommen ist.
Jeder kennt wohl einen kleinen Ausschnitt welche verschiedenen Strömungen es bei Moslems in Deutschland gibt und wie deren Lebensrealität in Deutschland so aussieht. Und die Themen Wechselwirkung und Integration von christlich geprägter Mehrheitsgesellschaft und islamischer Minderheit ist ja komplex, vielschichtig und interessant.
Solche sind doch meistens selbst Mitglieder in etablierten Parteien? Oder irgendwie in bestehenden Queer Vereinen usw. mit dabei? Interessante frage. Z.b. in beider Basel. ist halt nur ein Beispiel. ich denke, die Leute engagieren sich halt allgemein eher über bestehende Strukturen.
Beispiel in der Schweiz: In der SP beider Basel gibts jetzt eine «Albanische Community» | TagesWoche
Dieses Argument wurde hier bereits besprochen. Heutzutage gründet fast jede Interessengruppe eine eigene Partei/Wählerinitiative. Egal ob deren Themen schon in bestehenden Parteien abgedeckt sind oder nicht. Bei der stetig wachsenden Anzahl an Muslimen und der häufigen Behauptung, dass ein großer Teil davon liberal eingestellt ist, wundert mich einfach diese fehlende politische Präsenz.
Leute wie Herr Slim oder Herr Utlu bemängeln schließlich immer wieder, dass sie kaum Unterstützung erhalten. Weder politisch noch behördlich. Deren Schilderungen nach gibt es für Islamismus-Verfolgte in der Politik nur wenig Interesse und auch Behörden nehmen das Thema nicht sonderlich ernst. Bzw. fehlt es auf behördlicher Seite wohl einfach komplett an entsprechenden Strukturen und Hilfsmöglichkeiten. Dabei ist diese Problematik schon seit Jahrzehnten bekannt. Der behördliche Umgang damit kann jedoch nur auf politischem Wege verändert werden. Auch Gelder für Unterstützer-Netzwerke, Schutzwohnungen o.ä. können am besten durch politische Initiativen generiert werden.
Wenn die etablierten Parteien diesbezüglich bisher versagt haben, wäre für mich der logische nächste Schritt, dass die muslimisch-liberale Community selbst aktiv wird und für solche Themen in der Politik mehr Aufmerksamkeit schafft. Das kann durch eine Parteigründung/Wählerinitiative passieren oder durch eine politische Sammelbewegung. Möglichkeiten gäbe es hierzulande sehr viele.
Mit einer so großen Bevölkerungsgruppe ließe sich für Islamismus-Verfolgte wie Herrn Slim und Herrn Utlu sicherlich einiges bewegen, wenn der nötige Wille tatsächlich vorhanden ist. Wir reden hier immerhin über Menschen, deren Leben täglich bedroht ist und die sich kaum noch frei bewegen können. Allein das müsste in der muslimisch-liberalen Community doch entsprechende Solidarität hervorrufen.
ja eben, sowas frage ich mich auch. aber eben, viele nehmen bestehende angebot in anspruch. wieso die liberalen selber nicht aktiv sind mit eigener gruppe. böh. vielleicht angst vor den extremisten?
Das ist nur scheinbar schizophren. Der Islam ist in diesen Kreisen weniger Religion als Identität. Er ist die Fahne, unter der man sich sammelt und die einen über den Rest erhebt.
Mohammed Ali Slim wiederum ist eine tragische Figur. Sein Islam ist Religion. Er nimmt seine heilige Schrift ebenso ernst wie seinen Soldateneid. Damit setzt er sich nicht nur von der muslimischen Gemeinschaft ab, die nicht über Religion sprechen, sondern ihre Überlegenheit bekunden will, sondern auch von der deutschen, die einen zugleich zynischen und chauvinistischen Selbsthass kultiviert hat und jeden Bürger, der sich unironisch positiv auf sein Deutschtum bezieht, mindestens höhnisch beäugt, wenn nicht gleich unter Naziverdacht stellt.
Hier haben wir einen tiefgläubigen Mann, der jederzeit bereit ist, für die Sache, an die er glaubt, zu sterben. Und die Sache, um die es ihm geht, ist das offizielle Demokratieverständnis der Bundesrepublik Deutschland. Warum ist das tragisch? Weil er mit dieser Haltung im Kaiserreich besser aufgehoben wäre.