Als Zuseher der Wahlsendungen in ARD und ZDF (ich bevorzuge das ZDF) verstehe ich das immer noch so, dass die Prognose bei der Erstellung der Hochrechnung eine untergeordnete Rolle spielt, wahrscheinlich sogar gar keine Rolle spielt. Denn die erste Hochrechnung basiert ja auf bereits fertig ausgezählten Wahlbezirken.
Die 18:00-Uhr-Prognose ist ja einerseits eine Prognose, aber - etwas präziser ausgedrückt - nichts anderes als eine Nachwahlbefragung (in anderen Ländern daher auch Exit Poll genannt).
Meine Interpretation ist: Die ARD beauftragt Infratest Dimap, das ZDF beauftragt die Forschungsgruppe Wahlen, an zufällig und repräsentativ ausgewählten Wahllokalen Leute abzugreifen, die gerade ihre Stimme abgegeben haben. Diese Dienstleister nehmen dann auch anonymisiert Daten zu Geschlecht, Alterskohorte, höchstem Bildungsabschluss und Arbeitssituation der Personen auf die gerade gewählt haben und fragen die Personen dann, welche Partei sie am Wahltag gewählt haben und welche Partei sie bei der vorangegangenen Wahl gewählt haben. Wahrscheinlich werden die Menschen auch nach den ihrer Ansicht nach drängendsten politischen Themen gefragt, welche Partei sie in bestimmten Themen als besonders kompetent erachten, wie sie die zur Wahl stehenden Parteien bewerten, wie zufrieden sie im Einzelnen mit bestimmten wichtigen Politikerinnen und Politikern auf Landes- und Bundesebene sind, welche Faktoren ihre Wahlentscheidungen beeinflusst haben und dann werden auch noch ein paar Thesen vorgelegt (etwa „Die CDU hat im Bund zu wenige ihrer Wahlversprechen eingelöst“), die von den Befragten bejaht oder verneint werden müssen.
Diese im gesamten Wahlgebiet gesammelten Daten fließen dann zusammen und ergeben eine Prognose, die dann um 18:00 Uhr dem Publikum präsentiert wird. Auf dieser Basis gibt es dann auch eine Wählerstromanalyse, eine Einteilung des Wahlverhaltens in Altersgruppen, formellem Bildungsstatus oder auch wie die Menschen, die gerade gewählt haben, zu den anderen Fragen stehen die Teil einer solchen Nachwahlbefragung sind. Und die ganzen Dinge können dann Stefan Leifert im ZDF oder Jörg Schönenborn im Ersten (dem ich im Übrigen zu seinem neuen Job als Tagesthemen-Moderator beglückwünsche) genüsslich präsentieren, einordnen und analysieren.
Und ich meine, dass es so ist, dass in den Hochrechnungen dann nichts mehr von der 18:00-Uhr-Prognose übrig ist, weil es ja bereits fertig ausgezählte Wahlbezirke gibt die handfeste und verbriefte Wahlergebnisse liefern und auf der Basis (und auf Basis historischer Daten) gibt es dann die Möglichkeit entsprechend präzise Hochrechnungen zu liefern. Ich kann mir sogar vorstellen, dass die Datensätze, die man für die Prognose gesammelt hat, die für die Hochrechnungen benötigten Daten womöglich sogar verfälschen eben weil die Befragung zufällig ausgewählter Menschen nach der Wahl und fertig ausgezählte Wahlergebnisse zwei verschiedene Paar Schuhe sind. Obwohl beide Verfahren schon wenige Minuten nach Schließen der Wahllokale ein recht präzises Bild über den Ausgang einer Wahl zeichnen.
Aber wahrscheinlich gibt es Mathematikerinnen und Mathematiker, die das besser wissen als ich und ich hätte grundsätzlich kein Problem wenn man mir erklärt, ob diese meine Ausführungen nicht zutreffend sind und dies begründen.
Die Ausführungen, wie ich sie hier in jedem Fall getätigt habe, sind das, was - aus meiner Sicht - den realen Umständen am nächsten kommt und auch am logischsten herzuleiten ist.