Folge 116 - Die Flut der Bilder

Zu der “evakuieren”-Geschichte…

Wollen wir jetzt päpstlicher als der Papst sein und ankreiden das die Sprache der ÖR auf normalen deutschem Sprachgebrauch basiert? Das ist meiner Meinung nach übertrieben.

[QUOTE=naizo;309792]Die Leute machen das freiwillig[/QUOTE]

Da würd ich nicht drauf wetten. Und selbst wenn: Es gibt doch gewisse Grenzen, was Berichterstattung angeht. Und wenn ich irgendwo Leute sehe, die wegen ner Flut ihr gesamtes Hab und Gut verloren haben, ist mein erster Gedanke nicht, mit der Kamera mal schön auf die heulenden Leute draufzuhalten. Schon gar nicht mit dieser schrecklichen Musik, die oftmals druntergelegt wird.

[QUOTE=Fernsehkritiker;309794]Nein, das ist Unfug - tut mir Leid! Ich habe dieses Beispiel deshalb gewählt, weil es eben inzwischen so selbstverständlich (schlimmerweise auch von Öffentlich-Rechtlichen) falsch dahin gesagt wird.[/QUOTE]

Hallo Holger.
Ich kann dir nicht zustimmen, kannst du deine These denn belegen?
Was die Wortherkunft angeht hast du ja recht, aber die Herkunft allein entscheidet nicht über die Bedeutung.

Ich bin ehrlich, ob nun Roswitha B. aus Sachsen oder Gerhard P. aus Rosenheim ihr gesamtes Hab & Gut verloren haben, interessiert mich herzlich wenig. So etwas möchte ich auch nicht in den Nachrichten sehen. Für mich ist es wichtiger zu erfahren, was man als Nicht-Betroffener tun kann, das über Hilfe vor Ort hinausgeht. So gerne ich das auch tun würde, hier hält mich nun einmal auch ein Leben. Ansonsten sind diese ständigen Hochwasser-Videos natürlich auch Unfug hoch zehn, aber so sind die Menschen halt, immer was zum Gaffen haben wollen. Wie wär’s denn, wenn man so ein Video mal mit fetziger Disko-Musik untermalt? :wink:

Schön wäre auch noch einmal eine genaue Erklärung des Hochwassers, obwohl wir das im Grunde ja alle schon wissen („Fluss-Autobahnen“) und welche Rolle das Versagen der Politik dabei spielt.

Hallo,

ist ja schon gesagt worden an vielen Stellen, aber mich hat das Belehrende über das Wort evakuieren auch gestört. Deutsch ist das was die Menschen sprechen. Eine Sprache hat sich niemand ausgedacht, die hat sich über viele Jahrhunderte entwickelt und immer wieder geändert, wie man ja an den Niederschriften aus vergangenen Zeiten immer wieder sieht, dass die Leute damals ganz andere Begriffe verwendeten oder heute ganz anders ausgesprochen werden und/oder in einem anderen Zusammenhang verwenden. Dafür gibt es tausende Beispiele und eins davon ist eben auch evakuieren. Im Duden werden in jeder neuen Ausgabe massig neue Wörter aufgenommen und entfernt. Die 25. Auflage z.B. bekam 5000 neue Wörter hinzu.
http://www.shortnews.de/id/774475/5-000-neue-woerter-im-duden
Das zeigt das die Sprache immer im Fluss (sry versehentliches Wortspiel) ist und sich weiter entwickelt. Wenn also die meisten Menschen entgegen der Wortbedeutung sagen Menschen werden evakuiert und der allgemeine Sprachgebrauch das Wort so verwendet, dann ist das richtig und in diesem Falle liegst du Holger eben falsch.

Bzgl. Gorgina:
Das Problem meiner Meinung nach an dem Foto ist eigentlich, dass sie sich Modelmäßig in Szene ablichten ließ. So als ob es ein Fotoshooting auf Malle wäre. So nach dem Motto schaut mal wie toll ich hier auf Sandsäcken neben einem übergelaufenen Fluss aussehe. Hätte sie die Sandsäcke selbst gestapelt wäre das ganze ja noch vertretbar, aber wer glaubt schon ernsthaft, dass das passiert ist?

http://www.duden.de/rechtschreibung/evakuieren

wegen drohender Gefahr von seinem [Wohn]platz wegbringen, [vorübergehend] aussiedeln

Beispiele:
[ul]
[li]die Bewohner [aus einem Gebiet, Haus] evakuieren[/li]> [li]<substantiviertes 2. Partizip>: Evakuierte aufnehmen[/li]> [li]<in übertragener Bedeutung>: ein Archiv [in ein sicheres Gebiet] evakuieren (verlagern, auslagern)[/li]> [/ul]

Evakuieren bedeutet also nicht nur, einen Ort, an dem Gefahr droht, zu entleeren, sondern eben auch Entitäten von diesem Ort wegzubringen.
Holger hat in diesem Fall also unrecht.

Ich muss mich hier mal zu Wort melden: Selbst wenn die von Holger angekreidete Verwendung doch falsch wäre (was sie ja nicht ist): Sprachpingelei hilft grundsätzlich nie. Die Linguistik hat dafür einen Fachbegriff, “Präskriptivismus”, und der wird heutzutage von den meisten Linguisten stark kritisiert. Weshalb? Weil er wirklich keinen Zweck hat. Die Sprache ist in erster Hinsicht Kommunikationsmedium. Wenn ich Sprache also dermaßen verwende, dass der Sinn, den ich übertragen möchte, von seinen Rezipienten verstanden wird, dann verwende ich Sprache so, wie sie verwendet werden soll. Ich glaube, dass die meisten Leute sowohl “Der Ort wurde evakuiert” als auch “Die Menschen wurden aus dem Ort evakuiert” verstehen werden. Und wenn es verstanden wird, hat es seinen Zweck erfüllt.

Bevor jetzt das Gegenargument kommt, “Dann können wir ja auch Großschreibung abschaffen, oder den Genitiv” – ja. Und weiter? Man stellt dann halt nur ein anderes sog. Sprachregister dar – der Satz “hab grad nem typn im kafe mein waser in den schoss geschuttet lol” hat eben ein anderes Niveau als “Ich habe soeben versehentlich einem anderen Kunden im Café mein Getränk in den Schoß geschüttet, was mich sehr belustigte” – das heißt aber nicht, dass der zweite Satz ‘besser’ oder ‘richtiger’ ist – lediglich anders. Denn beide werden verstanden. Dass öffentlich-rechtliche Fernsehsender, und die Medien generell, sich bemühen sollten, ein sachliches und niveauvolles Sprachregister beizubehalten, dem kann ich zustimmen. Allerdings kann man auch aus einer Mücke einen Elefanten machen.

Stephen Fry hat es mal recht schön auf den Punkt gebracht: http://www.youtube.com/watch?v=J7E-aoXLZGY (Englisch)

Ich wollte ja noch den Link zu ‘Georgina posing at Katastrophen’ nachreichen. :mrgreen:

Der Duden reagiert nur auf die Unfähigkeit von Menschen, Wörter richtig zu verwenden - das mag mancher gut finden (denn Sprache ist ja immer im „Fluss“), ich finde es schlimm! Konrad Duden würde im Grab rotieren, wenn er dies mitbekäme.

Und gerade dann, wenn ein Wort eine festgelegte Bedeutung hat (im Wort evakuieren steckt nicht ohne Grund das Wort Vakuum) ist es umso schlimmer. Menschen zu evakuieren ist Unfug - auch wenn das 100x im Duden steht :smiley:

Es heisst [B][U]DIE[/U][/B] DLRG - da hier gerade ueber sprachliche Feinheiten gesprochen wird. :mrgreen:

Sorry, aber das ist doch falsch, Holger.
Wenn der Sprachgebrauch das vorsieht, dann ist das auch richtig und der Duden ist quasi die “Instanz” die festlegt, das dies nun zum Wortgebrauch gehört (bzw. in der Praxis ist das quasi das “Amtlich machen”, das dieser Wortgebrauch nun in Ordnung ist), selbst wenn die Bedeutung widersprüchlich oder auch eigentlich nur im Übertragenen Sinne richtig ist.

Jetzt zu sagen “die Leute können nur die Worte nicht richtig verwenden” ist ein Fehlschluss - weil irgendwer hat irgendwann mal festgelegt das dieses Wort nur dieses und jenes bedeuten darf? Wieso?
Der lateinische Wortstamm bzw. die Herkunft dieses Wortes hat mit Evakuierung auch nicht viel zu tun (lat. entleeren im Sinne von Eingeweide entfernen).
Das hat sich alles mal irgendwann geändert und es gäbe doch viele Begriffe gar nicht, wenn es schon damals die Leute gegeben hätte, die gesagt hätten: Nein, Goethe, das darfst du so nicht verwenden weil der Begriff nur diese EINE Bedeutung haben darf.

Das widerspricht doch völlig der Definition von Sprache und Kommunikation.

[QUOTE=Fernsehkritiker;309936]Der Duden reagiert nur auf die Unfähigkeit von Menschen, Wörter richtig zu verwenden - das mag mancher gut finden (denn Sprache ist ja immer im “Fluss”), ich finde es schlimm! Konrad Duden würde im Grab rotieren, wenn er dies mitbekäme.

Und gerade dann, wenn ein Wort eine festgelegte Bedeutung hat (im Wort evakuieren steckt nicht ohne Grund das Wort Vakuum) ist es umso schlimmer. Menschen zu evakuieren ist Unfug - auch wenn das 100x im Duden steht :D[/QUOTE]
Das mit der festgelegten Bedeutung ist ja das Problem. Die gibt es nicht, da sich Sprache nunmal entwickelt, mal schneller mal langsamer, mal mit Lautverschiebungen, mal mit Bedeutungsänderungen.
Sonst gäbe es auch keine “fliegenden Händler” und du würdest deinen Computer auch nicht “hochfahren”.
Du würdest bei Spenden nicht “die Hand auf halten”, und wir könnten die Bedeutung von evakuieren nicht im Duden “nachschlagen”…
Ganz tolles Beispiel: “soziale Netzwerke”. Die Bedeutung von sozial hat in den letzten 200 Jahren auch schon öfter gewandelt.

Wenn du die Verwendung von evakuieren für Menschen schlimm findest ist das ja ok, ich finde auch nicht jede moderne Floskel schön. Aber wenn du das in deinem Beitrag so sehr ankreidest, sollte mehr als deine persönliche Meinung dahinter stehen, ist jedenfalls meine persönliche Meinung.

[QUOTE=ExtraKlaus;309939]der Duden ist quasi die “Instanz” die festlegt, das dies nun zum Wortgebrauch gehört (bzw. in der Praxis ist das quasi das “Amtlich machen”, das dieser Wortgebrauch nun in Ordnung ist)[/QUOTE]
Kleine Korrektur: Der Duden ist nur EIN Wörterbuch. Keine Instanz für amtlich richtige Sprache. Wäre ja allzu schön wenn ein gewinnorientiertes Privatunternehmen bestimmen würde, was Sprache ist.

Yeah, grab dich noch tiefer in dein Fremdschämloch! :stuck_out_tongue:
Vielleicht hättest du die Uni doch nicht nach zwei Semestern schmeißen sollen.

Du hast mich vollkommen korrekt zitiert - und es war vollkommen korrekt, was ich geschrieben habe.

Vielleicht hättest DU mal regelmäßig zur Schule gehen sollen 8)

Der Duden ist nur EIN Wörterbuch. Keine Instanz für amtlich richtige Sprache. Wäre ja allzu schön wenn ein gewinnorientiertes Privatunternehmen bestimmen würde, was Sprache ist.

Genauso sieht’s aus!

Mal zum Thema “evakuieren”;

Jeder Mensch hat einen verschiedenen Wissensschatz und keiner kann alles wissen.
Intelligent ist jemand für mich, der einsieht, dass sein Wissen, was er sich im Laufe der Jahre erarbeitet hat, auch einmal falsch sein kann und der es hin bekommt sein gesamten Wissen immer wieder auf den Prüfstand zu stellen.
Vor allem aber muss man dafür in der Lage sein für neue Informationen offen zu bleiben und gegebenenfalls dazuzulernen.

Wenn jemand (trotz logischer Gegenargumente) auf seinem Standpunkt beharrt, zeugt das von wenig Selbstreflexion.
Vor allem wenn es um das Thema geht, andere für ihre Fehler zu kritisieren, sollte man selbst um so offener für Kritik sein.
Denn kein Mensch kann eben alles wissen.

Das Herumreiten auf diesem Wort fand ich angesichts der gravierenden Mängel in der Berichterstattung seitens der Medienanstalten in diesem FKTV-Beitrag etwas übertrieben.

Ansonsten muss ich sagen finde ich die beiden neuen Sendungen (seit Einführung des Studios) deutlich gelungener als die meisten vorher und warte schon gespannt auf die folgenden Beiträge!

[QUOTE=Fernsehkritiker;309950]Genauso sieht’s aus![/QUOTE]

Schön das wir wenigstens hier einen Konsens finden.

Noch was zum Beitrag:
Was ich immer faszinieren finde, ist diese Kettenreaktion, die in den Medien stattfindet. Einer fängt mit einer Sondersendung an, die anderen machen es noch besondererer (sonderbar).
War das hier auch so? Du hattest erwähnt, das die ARD einen Brennpunkt gesendet hatte, folgten da ZDF und RTL? Sprang noch wer auf den Spendenzug auf?

Achja, und was die [-]Tussi[/-] junge Frau da für ein Problem mit der Kritik an Ihrem Bild hat: Die weiß halt wie Sie Ihre zweifelhafte Aufmerksamkeit bekommt…

[QUOTE=Koforidua;309951]Jeder Mensch hat einen verschiedenen Wissensschatz und keiner kann alles wissen.
Intelligent ist jemand für mich, der einsieht, dass sein Wissen, was er sich im Laufe der Jahre erarbeitet hat, auch einmal falsch sein kann und der es hin bekommt sein gesamten Wissen immer wieder auf den Prüfstand zu stellen.
Vor allem aber muss man dafür in der Lage sein für neue Informationen offen zu bleiben und gegebenenfalls dazuzulernen.[/QUOTE]

Sehr richtig - also hast du ja hoffentlich durch mich nun gelernt, was das Wort “evakuieren” bedeutet und wie man es korrekterweise verwendet :mrgreen:

Übrigens: Während meiner Zeit beim NDR (ist ja erst paar Jahre her) war es ein absolutes No Go zu schreiben, es würden Menschen evakuiert. Umso schlimmer doch, dass beide von mir gezeigten Beispiele aus öffentlich-rechtlichen Sendungen stammen. Aber die sprachliche Verlodderung bei ARD und ZDF hat ja auch schon Ulrich Wickelt bemängelt: http://www.ulrichwickert.de/index.php?seite=presse&id=48 (lesenswerter Text übrigens)

Meine Mutter wohnt auch in einem Hochwassergebiet an der schönen Mosel. Bei uns ist jedes 3. Jahr die erste Etasche voll und sonst sind oft die Keller vollgelaufen. Was soll ich sagen, man gewöhnt sich dran. Die untere Etasche ist voll gekachelt und dank regionaler Hochwasserwarnung im Internet, ist man vorbereitet. Die Bilder die ich vom Hochwasser gesehen habe, haben mich also weniger tangiert.

Als ich klein war, war es definitiv ein Abenteuer mit dem Bot zur Schule zu fahren oder „wie weit kommt das Wasser“ zu spielen. Was auch klasse war; als die Mosel zugefroren ist und wir über die knirschende Eisdecke zum andere Ufer (wörtlich gemeint) gelaufen sind :smiley: Bis die Eisbrecher kamen und Eisschollen die viermal so groß waren wie ich am Ufer zurückgeblieben sind (7 Jahre alt) Oder wenn die Schotten geschlossen worden sind und man sich ganz nahe davor gestellt hat während oben schon das Wasser überschwappte (ja wir lebten gefährlich und sind trotzdem groß geworden)

Was mich dann wirklich schockiert hat war die TV Berichterstattung und diverse Facebook Aktionen. Es besteht ja wohl ein gewaltiger unterschied darin, ob 230.000 Menschen sterben und 1,7 Millionen Menschen obdachlos werden wie 2004 in Thailand oder ob es sich um ein vermeidbares (wenn rechtzeitig gehandelt worden wäre) Hochwasser handelt mit der dringendsten Frage „Wer bezahlt das Parkett?“

Aber man hat wieder mal gesehen wie leicht sich die Menschen von den Medien aufwiegeln lassen und was für eine Macht dahinter Steckt. Bei mir auf der Arbeit oder auch bei Facebook war man ja schon eine persona non grata wenn man versucht hat die Sache zu relativieren. Fast wie bei einer Fußball WM wenn man nicht der deutschen Machenschaft den Sieg wünscht.

Naja 1979 war es auch schon üblich, aber da gab es ja auch noch kein Fernsehkritik-TV. Besonders pikant: Schwangere Frauen sollen evakuiert werden, ui ui ui, wenn man überlegt was das eigentlich bedeutet. :wink:

Ab 0:19:

//youtu.be/DGUnbsPrXZQ

Mit dem THW -Boot durch’s Hochwasser schippern ist doch Kinderkram. :wink:
Die Inder zeigen RTL mal wie es richtig geht!
http://www.stern.de/panorama/kuendigung-nach-unmenschlichem-auftritt-indischer-reporter-reitet-auf-flutopfer-2030836.html#utm_source=standard&utm_medium=twitter&utm_campaign=sternde :ugly