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Abtreibungsgegner wird durch die Medien gejagt - ist das richtig?


#1

Seit etwa einer Woche oder so spült es bei mir in die Timeline des öfteren den Namen eines Mannes der wohl mehrere Ärztinnen und Ärzte wegen eines Verstoßes gegen den §219a angezeigt hat. Der Herr hat wohl kein Interesse daran, öffentlich genannt zu werden und geht per Abmahnung gegen die Namensnenner vor.

Mir geht es jetzt nicht direkt um das Thema Abtreibung. Ich finde, beide Seiten haben starke wie schwache Argumente. Selbst bin ich froh, dass ich mich mit der Thematik nicht wirklich auseinandersetzen muss.

Ich stelle mir das Themaunbezogen dann so vor:
Ich bin davon überzeugt, dass jemand etwas falsches tut. Das Gesetz sieht das auch so. Ich erstatte Strafanzeige. Es wird ermittelt. Und weil ich festgestellt habe, dass es mehrere Jemande gibt, erstatte ich auch mehrere Anzeigen. Das gefällt den Angezeigten natürlich nicht, und sie veröffentlichen meinen Namen. Einige Influenzer springen auf, und nennen meine Namen. Die Medien Springern auf und nennen auch meinen Namen. Die einzige Möglichkeit ist nun nur noch Unterlassungserklärungen unterschreiben zu lassen. Aber all das hilft jetzt nichts mehr, da sich die Spirale immer weiter dreht -> der Streisand-Effekt

Das heißt jetzt für mich: sollte ich eine recht unpopuläre Meinung vertreten und diese vom Gesetz geschützt werden, laufe ich Gefahr, dass mein Name veröffentlicht wird. Mit allen weiteren unangenehmen Folgen, wie Anfeindungen, gesellschaftlicher Ächtung, evtl. Morddrohungen usw. usf.

Also meine Frage, ist diese Vorgehen gut so?

P.S. bitte kein Pro/Contra Abtreibung. Das Thema war nur der Aufhänger und ist für mich als Thema beliebig austauschbar.


#2

Man kann nicht dutzende Anzeigen aus politischen Gründen erstellen, zusätzlich Interviews geben und damit weit wirksam politisch aktiv werden und dann aber meinen, dass man noch die gleiche Anonymität wie die durchschnittliche Bevölkerung genießen will.

Hier ein Wiki-Artikel zu ihm: https://de.wikipedia.org/wiki/Markus_Krause
(Natürlich ist das ein Pseudonym, aber man kann schnell seinen richtigen Namen finden.)


#3

Danke für den Wiki-Link. War mir nicht bewusst, dass er da bereits einzug gehalten hat.

Das Problem ist halt, dass sein Thema so emotional gewählt war, dass er sich wohl bewusst dazu entschieden hat, nur unter Pseudonym aufzutreten. Kann man denn nicht anonymer politischer aktivist sein?


#4

Warum? Also ich halte das auch fuer nen schwachen Charakterzug, aber wie sieht das rechtlich aus?


#5

Rechtlich ist es natürlich kompliziert bis absolut willkürlich. Muss halt ständig von Gerichten als Einzelfälle entschieden werden und die kommen wohl auch je nach Standort gerne mal zu unterschiedlichen Ergebnissen. (Gruß an Hubertus Albers!)

Ich selber bin aber einfach der Meinung, dass wenn jemand wiederholt und längerfristig politisch aktiver wird und tatsächlich einen Einfluss hat und selbst sogar die Öffentlichkeit (eben z. B. durch Interviews) sucht, dann auch ein Anrecht für die Öffentlichkeit existiert, eben genau über diese Person und ohne Anonymisierung zu berichten. Ich halte es dazu für eine Übertreibung, dass einem als Abtreibungsgegner größere Gefahren drohen sollen.

Sollten hier Gerichte dauerhaft für die Anonymität in solchen Fällen entscheiden, halte ich das auch für einen Schaden für die politische Landschaft von Deutschland. Es ist so viel einfacher, radikal und ohne Rücksicht auf andere zu agieren, wenn man nicht persönlich mit seinem Namen dazu stehen muss.


#6

Das Thema würde doch gut in den Philosophiethread passen.

Wer eine Klage (oder Dutzende) in Umlauf bringt, muss eben mit seinem Klarnamen agieren. Ab einem gewissen Zeitpunkt ist dann möglicherweise die Grenze überschritten zu einer Person von öffentlichem Interesse. Immerhin versucht er geltendes Recht durchzusetzen bei einem Thema, das hochsensibel diskutiert wird und bei dem die Stimmung in den letzten Jahren eher gegen das Gesetz umgeschlagen ist. Wenn jemand dann in großem Maße für oder gegen eine These politisch (und nichts anderes ist das in meinen Augen) agitiert, dann finde ich das INteresse der Öffentlichkeit an der Identität der Person nachvollziehbar.

edit: als Befürworter des Rechts auf Abtreibung und der Werbeerlaubnis, fände ich es natürlich einen besonders interessanten Schwenk des Schicksals, wenn nur aufgrund seiner Aktivität das Gesetz gekippt werden würde.

Anzeigen von ihm gegen Ärzte waren wesentlicher Auslöser, dass von 2017 an eine Abschaffung oder Reform dieses Paragraphen verstärkt öffentlich diskutiert wurde.

Krause, der unverheiratet ist und auf Sex vor der Ehe verzichten will, hat gemäß Interviews noch nie mit einer ungewollt schwangeren Frau kommuniziert. Er hält Frauen im Thema ungewollte Schwangerschaft für voreingenommen; dagegen glaubt er, als nicht selber schwanger werden könnender Mann objektiv damit umgehen zu können.[3] Selbst bei einer für die Mutter lebensbedrohlichen Eileiterschwangerschaft müsse seiner Ansicht nach das ungeborene Leben erhalten bleiben.[8][3]

ein echter Sympath…


#7

Der zeigt selbst an, wenn nur ein Spiegelstrich in einer Liste von Leistungen Abtreibungen nennt. Zeigt tatsächlich primär, wie absurd das Gesetz aktuell ist.


#8

Herr Krause bzw. Herr H. ist ja in interessanten Facebookgruppen aktiv, wenn man mal weitersucht. Als da wären

  • Deutsches Kaiserreich - unveräußerliches Völkerrechtssubjekt
  • Glaube nicht alles - gemeinsam gegen die neue Weltordnung
  • Preußischer Anzeiger - das Volks.Magazin (Inhalt sind vorwiegend Hetze gegen Juden und Reptiloiden)

passt irgendwie in dieses wahnhafte Bild, das er zeichnet.


#9

Moralisch gesehen ist man es halt irgendwann selber schuld, wenn man übel 60 Ärzte anschwärzt, dafür das Sie leistungen für ungewollt schwangere anbieten. Wenn man darüber hinaus wie der Elefant in Porzelan laden, das in großen Stiel macht, sodass der eigene Name durch 100 Insitute wandert.

Rechtlich gesehen, ist das aber natürlich trotzdem nicht richtig. Zumal man hier wohl kaum eine Mediale Hetzjagd gut reden sollte. Arschloch verhalten rechtfertigt halt kein anderes Arschloch verhalten.


#10

Auch wenn ich nicht gut heiße, was er da liked, weiß ich nicht inwieweit das jetzt hilfreich ist. Das dient nur seiner Diskreditierung.


#11

Ist es illegitim zu zeigen, welche radikalen politischen Ansichten jemand noch vertritt, der politisch zu einem Thema aktiv ist?


#12

diese war von mir beabsichtigt. Wer sich durch Medienberichte und Interviews in die Öffentlichkeit begibt, muss die Erörterung seiner Motive ertragen. Seine wahnhaften Vorstellungen zeigen seine Aktionen in einem gesamtgesellschaftlichen Weltbild.


#13

wenn es rein darum geht seinen Leumund zu zerstören, dann ja, dann ist es illegitim. Insbesondere da seine Glaubwürdigkeit in diesem Fall gar nicht zur Debatte steht, weil das angezeigte Delikt nicht mal durch ihn bezeugt werden muss. Es steht ja auf den jeweiligen Homepages. Er hat quasi die Behörden über diesen Umstand informiert.

Das Motiv für seine Anzeigen ist deswegen auch völlig irellevant. Fakt ist nunmal dass dieser §219a (noch) existiert.


#14

juristisch ja, in einer gesellschaftlichen Debatte, die er damit bewusst losgetreten hat, nicht.


#15

Bin mir nicht sicher ob er bewusst die Debatte lostreten wollte. Das wäre eine Unterstellung, die ich mir nicht zutrauen würde. (scheinbar war der Status Quo für ihn ja in Ordnung, wozu dann die Debatte?)

Ich sehe zwar, dass das Bild, welches er selbst von sich wieder gibt, bzw. das von ihm gezeichnet wird, darauf hinweist. Wissen tu ichs aber nicht.


#16

wer Interviews gibt und mediale Aufmerksamkeit sucht, tut dies aus welchem anderen Grund?


#17

Das weiß ich nicht. Meine Glaskugel ist auf Inspektion.

Vielleicht wurde er gefragt und hat die Gelegenheit genutzt seine Sicht der Dinge darzustellen. Vielleicht ist er ein narzistisches Arschloch. Vielleicht ist er einfach nur dumm. Vielleicht… Vielleicht… Vielleicht…

Selbst wenn er selbst dazu Angaben macht, warum er das tat/tut, muss es noch nicht der Wahrheit entsprechen.
Der Gründe gibts da viele. Daher sind ja die Beweggründe meines Erachtens ja unbedingt auszuklammern.


#18

Wer sich am öffentlichen Diskurs beteiligt, muss damit rechnen, dass sein öffentliches Handeln von anderen kommentiert wird und dass seine Beweggründe hinterfragt werden. Ganz grundsätzlich sehe ich bei den geschilderten Vorgängen kein Problem.


#19

Einerseits bin ich dafür, dass jemand, der andere angeht, dies mit Klarnamen tut. Andere denunzieren, selbst aber im Verborgenen agieren, empfinde ich als unaufrichtig.

Dennoch kann ich die Haltung verstehen, wenn die genannten Anfeindungen zu erwarten sind. Das Problem sehe ich hier aber in der Schwäche des Staates, gerade in Bezug auf eine seiner Kernkompetenzen, dem Schutz der Bürger.

Selbstjustiz geht in einem Rechtsstaat nicht. Wer mit Mord droht oder ähnliches, gehört vor ein entsprechendes Gericht. Auch Initiativen, die geeignet sind, den Mob auf jemanden loszulassen, müssen staatlich unterbunden werden. Das Gewaltmonopol muss allein beim Staat verbleiben. Alles, was darauf abzielt, jemanden zu diskreditieren, ihn jenseits rechtlicher Handhabung schlecht zu machen und ihn dadurch Sanktionen oder sonstiger Gefahren auszusetzen, ist nicht hinnehmbar.

Hier sehe ich einen Indikator für den Zustand eines Staatswesen.
Je mehr Menschen sich nicht trauen, ihnen bekannte Straftaten anzuzeigen, je mehr sie dies im Verborgenen tun (müssen) um so schwächer sind die rechtsstaatlichen Strukturen und um so stärker sind private Ansätze für Paralleljustiz ausgeprägt.


#20

Und das ist auch genau richtig so!