Erinnert Ihr Euch noch daran, als vor 20 Jahren der Street Fighter Film mit Jean-Claude Van Damme in den Kinos kam? Als Fan freute man sich im Vorfeld mehr über die Hintergründe von Ryu und Ken, den beiden beliebtesten Street Fighter Charakteren, zu erfahren und bekam letztlich eine miese Patriotenstory um William Guile geboten, die auch noch schlecht umgesetzt wurde. Es war der Startschuss für viele, sehr viele, miese Videospielverfilmungen aller Art. Es sollte 20 Jahre dauern, bis jemand auf die Idee kam eine Videospielverfilmung mit Respekt zum Original zu produzieren…
Hollywood ist tot! Drei Worte, die die derzeitige Filmindustrie mehr als treffend bezeichnen. Hand aufs Herz: Wann habt Ihr das letzte Mal einen Mainstream-Actionfilm mit Herz und Verstand gesehen, der seine Zuschauer ernst nimmt und nicht mit 3D-Effekten und schnellen Schnitten zerstört wurde? Da muss man schon lange überlegen. Mit seinen ganzen Sequels und Prequels ist Hollywood derzeit der Inbegriff des unkreativen Films.
Und das ist nicht nur heute so. Auch vor 20 Jahren war Hollywood schon extrem unkreativ. Etwa wenn es um das Genre der Videospielverfilmungen ging. Mit Super Mario Bros. und Street Fighter wurden Filme geschaffen, die nicht nur mit ihren virtuellen Vorbildern wenig gemein hatten, sondern scheinbar auch als Blaupause für alle Produzenten der nächsten Jahrzehnte gedacht waren: Videospielverfilmungen müssen besonders trashig daherkommen, wie billigste C-Movies wirken und den Zuschauer für dumm verkaufen. Denn die Gamer werden es schon konsumieren. Leider scheint man damit auch Recht zu haben, denn egal wie bescheuert und strunzdämlich die Filme zu Mortal Kombat, Hitman, Doom, Tekken oder Prince of Persia auch waren: Sie haben alle viel Geld eingespielt.
Zum Glück etabliert sich mittlerweile auch abseits von Hollywood eine Szene von Produzenten die mit Hilfe von Crowdfunding Ihre Ideen verwirklichen und ganz wunderbare Produktionen im Netz veröffentlichen. Joey Ansah und Christian Howard, beide Fans der Street Fighter Reihe, haben nach dem Erfolg des Kurzfilms “Street Fighter: Legacy” aus dem Jahr 2010 über mehrere Jahre Drehbücher für die Webserie „Street Fighter: Assassin’s Fist“ geschrieben. 2013 wurde schließlich eine Kickstarter-Kampagne gestartet, die dann abgebrochen wurde, da sich private Geldgeber gefunden haben, die die Produktion übernehmen. Im Mai 2014 wurde die 12 teilige Webserie mit je 12 Minuten pro Episode auf dem YouTube-Kanal von Machima veröffentlicht. Diese Serie wurde dabei so erfolgreich, dass man nicht nur eine 6 teilige Serie sowie einen 105 minütigen Film für das amerikanische Syndication-Vertriebsmodell zusammengeschnitten hat, sondern auch eine zweieinhalb stündige Filmversion, die international (u.a. auch in Deutschland) auf DVD und BluRay erschien. Dabei fehlt in der letzteren Version keine einzige Szene aus der Serie.
Die Geschichte des Films ist gleichzeitig auch die Vorgeschichte zu den Street Fighter Spielen und spielt im Jahr 1988. Ken Masters (Christian Howard) und Ryu (Mike Moh) lernen seit nun 7 Jahren im Dojo von Goken die Kunst des Ansatsuken. Damit lässt sich das Chi im Körper manifestieren mit denen die berühmten Angriffe wie Hadoken und Shoryuken ausgeführt werden können. Ein Konzept um die Ansatsuken-Kunst zu erlernen ist das Hadou, ein langwieriger Weg der das innere Gleichgewicht voraussetzt. Nach diesem Konzept lernen Ken und Ryu bei Goken. Wobei Ryu der strebsamere Schüler von Beiden ist. Ken dagegen ist ungeduldig und eher der Draufgänger, was in der Handlung immer mal wieder zu Meinungsverschiedenheiten zwischen Ryu und Ken führt.
Neben der Geschichte von Ken und Ryu wird auch die Geschichten von Goken und seinen Bruder Goki in diversen Rückblenden erzählt. Auch die beiden lernen gemeinsam die Kunst des Ansatsuken. Doch Goki überschlägt sich mit Gotetsu, den Lehrer der Beiden, und verlässt das Dojo. In den Wäldern eignet er sich das Satsui no hado an, welches leichter Erfolg verspricht, dafür unkontrollierbar ist, den Anwender zerfrisst und somit zu einer mordlüsternen Bestie macht, oder aber im schlimmsten Fall tötet - was wiederum zur Entstehung von Akuma (zu deutsch Dämon) führt. Später überschneiden sich die beiden Handlungen, da Akuma bemerkt hat das in Ryu und Ken ebenfalls das Hadou schlummert um gewaltige Chi-Kräfte freizusetzen. Er fordert zudem Goken zu einem finalen Kampf heraus…
Ihr merkt schon, in der Handlung wird sehr tief in die Street Fighter Mythologie eingetaucht und genau das macht den Film für Fans der Spiele auch so empfehlenswert. Es ist nicht nur schon zu sehen wie Ryu und Ken von Schülern zu Kämpfern werden, sondern auch deren Wesen zu beobachten. Denn wer hier einen platten Actionfilm erwartet, der wird sicher enttäuscht: Der Film überzeugt durch viele Dialoge, welche den Charakteren viel Raum zur Entfaltung geben. Es gibt natürlich auch Martial Arts Kämpfe, diese sind aber nie zum Selbstzweck da, sondern unterstützen die Handlung.
Dieser Film ist nicht nur ein filmisches Vermächtnis an die Street Fighter Figuren, sondern gleichzeitig auch eine liebevolle Hommage fernöstlicher Martial Arts Filme aus den 70ern und 80ern. Es gibt weder schnelle Schnitte noch störende, laute Musik. Im Gegenteil: Schöne Landschaftsaufnahmen, lange Charakterstudien und eine sehr stille Bildsprache prägen den Film und heben ihn so gekonnt von den heutigen Einheitsbrei aus Hollywood ab. Und dann das Wichtigste: Es ist endlich einmal eine Videospielverfilmung, die den Stoff mit dem nötigen Ernst und Respekt begegnet ohne sich gleichzeitig ZU ernst zu nehmen, denn auch Humor und Charme haben ihren Platz in der Geschichte. Da wäre etwa Senzo zu nennen, ein alter Kauz der, wann immer Ryu und Ken am See trainieren, am anderen Ufer beim Fischen sitzt und besonders Ken mit witzigen Beleidigungen pisakt. Oder die Szene als Ken von seinem Vater das brandneue Mega Man II zugeschickt bekommt und Ryu und Ken am NES wetteifern wer denn nun der bessere Gamer ist. Solche Szenen geben dem Film die nötige humorvolle Seite, die ihm sympathisch macht. Gleichzeitig sind die Gags aber nicht so oft da, dass sie den ernsten Hauptstrang stören.
Nein, dieser Film versucht gar nicht erst Mainstream zu sein und sich heutigen Sehgewohnheiten anzubiedern. Es ist vielmehr ein Martial Arts Film der alten Schule mit vielen Anspielungen auf die Street Fighter Spiele. Wenn etwa Ryu und Ken gegen Ende des Films herausfinden möchten wer der Bessere ist, in einem wunderbar choreografierten Martial Arts Kampf gegeneinander antreten und im Filmscore die Titelmusik beider Kämpfer aus den Spielen eingearbeitet wird, dann schlägt jedes Gamer-Herz höher. So habe ich mir damals als Kind einen Film im Street Fighter Universum immer vorgestellt – ohne übertriebene Effekte und ohne Trash, sondern so wie man es eben aus den Spielen kennt.
„Street Fighter: Assassin’s Fist“ ist nicht nur die beste Street Fighter Verfilmung, sondern genreübergreifend auch die beste Videospielverfilmung, die ich je gesehen habe. Es musste wohl wirklich erst 20 Jahre dauern, bis die Kids von damals Filmproduzenten werden und mit den nötigen Respekt einen Film zu einem Videospiel produzieren. Vielleicht wird Street Fighter wieder zu einer Blaupause was Videospielverfilmungen betrifft, diesmal aber eine Blaupause für gute Verfilmungen. Zu wünschen wäre es dem Genre.
Trailer:
(Boah, wie mich die ganzen Original-Faschisten wieder annerven mit dem Gehate über die Synchro. Ich mag die deutsche Synchro sehr gerne!)






