Scobel 3sat: "Sekten". - Wer sind hier die "Seelenfänger"??

Liebe Fernsehkritiker!

Anscheinend bin ich die Ausnahme, aber ich habe mir die letzte Ausgabe der Wissens-Sendung Scobel auf 3sat angesehen (22. März).
Titel: "Sekten - Reizvolle Gemeinschaft oder Albtraum?"
Angemessene Reaktion darauf: Eine Bandbreite von Emotionen, die von kopfschüttelnder Ungläubigkeit bis zur Spontanaggression reicht.

Das Profilbild zur Sendung ist richtungsweisend für deren “Wissenschaftlichkeit”, oder auf Deutsch: ein Propagandahinweis. Es zeigt ein Foto von Demonstranten mit Guy-Fawkes-Masken.
Wollten die Macher von Scobel unterstellen, dass die Gruppe Anonymous, deren Mitglieder sich erklärter Maßen nicht einmal untereinander kennen, eine Sekten ist?

Die Sendung wirkte - mit lobenswerter Ausnahme der Talk-Gäste - wie ein Rundumschlag des 3sat gegen alles, was bereits öfter festgestellt wurde als Dorn im Auge des öffentlich-rechtlichen Programms: die potentiell straffällige Internetgeneration und alle Arten medizinischer Anwendung, die nicht von der Gesundheitssektor-Lobby protektioniert werden.

Jetzt kommt ein neues Feindbild hinzu: alle religiösen Gruppen, die nicht die deutsche evangelische oder katholische Kirche sind. Über die Kirchentage und Papstbesuche sonstwo kann stundenlang mit Live-Schaltungen und Vor-Ort-Reportern berichtet werden, aber jede andere Form der Religiosität ist potentiell staatsgefährdend.

Die 3sat Redaktion macht hier einen schweren Fehler. Sie enthält den Lauten die wichtigen Informationen, die zur Aufklärung beitragen können, vor und ersetztet sie durch irgendwelche diffusion emotionalen Konditionierungen.

Eine steile These. Ich rate, seht euch das selbst an und achtet besonders auf folgende Kritikpunkte:

I. Manipulativer Einsatz von emotionstransferierenden Bild-Ton-Effekten
II. Verwirrende, zum Teil widersprüchliche Inhalte
III. Die Sinnfrage

I.

Die Einspieler zur Sendung arbeiteten zur Übermittlung ihrer angedeuteten Inhalte mit stark manipulativen Methoden. Wie etwa die Untermalung mit gruseliger Spukmusik, dem Abspielen von Bildsequenzen mit düsteren Wolken, Vollmond, loderndem Feuer, verwackelte Kameraaufnahmen irgendwelcher Gestalten, Bilder ekstatischer Irrer mit zur Decke verdrehten Augen oder sonstigen Späßen aus der Trickkiste des Hobby-Propagandisten.

Eine pädagogische Faustregel besagt, dass sich das bei den Rezipienten am nachhaltigsten einprägt, was mit Emotionen verbunden wird.

Und dafür hat die Scobel-Redaktion gesorgt!

Die Eindrücke aus den verwahrenden und relativierenden Aussagen der qualifizierten Talk-Gäste wurden zermalmt von Einspielern, die in ihrer Darstellungsart an das Machwert eines geübten Demagogen erinnern. Wie kann man auf der einen Seite einen Studio-Talk haben, der sich durchweg auf sehr hohen fachlichen Niveau bewegt (alle Religionswissenschaftler werden das selbst belegen können), und auf der anderen Seite Einspieler bringen, die jeden denkenden Menschen sich die Haare raufen lassen?

II.

Überhaupt zeichneten sich Inhalte sämtlicher Einspieler vor allem durch eines aus: Vermischung von verschiedenen Informationen und Unklarheit der Aussagen.

Esoterik wurde in einen Topf geworfen mit Leuten, die den “Tod von Ungläubigen herbeiführen wollen”, und dies wurde vermischt mit alternativen Heilmethoden, dem Massenselbstmord von Jonestown 1978, amerikanischen Evangelikalen und der katholischen Kirche.

Schon die Anmoderation Gert Scobels zum ersten Einspieler zu Beginn der Sendung enthielt folgenden Text:
"[…] Der Tod sei lediglich ein Übergang in eine andere Welt, an sich also harmlos -eine Überzeugung, die sich auch in vielen gegenwärtigen esoterischen Bewegungen hält. Je mehr der Tod allerdings verharmlost wird, umso leichter […] erscheint - wie in Jonestown - der nächste Schritt: der eigene Tod oder der anderen, der Ungläubigen" (t 00m48s-1m10s).

Oftmals widersprechen die Aussagen der Studio-Gäste denen aus den Einspielern. Etwa wenn es um die Definition einer so genannen “Sekte” geht, deren Entstehen, das Ausmaß ihrer Einflussnahme, ihrer Bedeutung in der Biographie der Menschen etc.

Um Esoterik in einen Topf werfen zu können mit den gefährlichen Sekten, wird behauptet, es gäbe in Deutschland eine einheitliche Esoterische-Bewegung. Eine Behauptung, die die Studie Prof. Christoph Bochingers (Bayreuth) zumindest für die von ihm untersuchten Gruppen und Individuen eindeutig widerlegen konnte.

Die Studio-Gäste sind sich einig, dass es keine eindeutige Definiton für den Begriff “Sekte” gibt, da die Varianz der Gruppen viel zu hoch ist, als dass sie unter demselben Begriff zusammengefasst werden könnten. Die Einspieler suggerieren jedoch, dass es sehr wohl harte Kriterien für eine “Sekte” gäbe. Diese seien die Führung durch einen charismatischen Führer, die Ausübung von Zwängen auf die Mitglieder, die Selbstaufgabe bei Eintritt in die Sekte und die Bildung einer Parallelrealität und Parallelgesellschaft in den Sekten.

Zu guter Letzt werden an drei Stellen Thesen von Max Weber zitiert, die inzwischen widerlegt sind. Diese sind seine Unterscheidung zwischen “Sekte” und “Kirche” anhand der Art des Eintritts, und seine Unterscheidung von “Weltreligionen”. Man kann heute mit ganz anderen Hypothesen arbeiten, als denen von Max Weber vom Beginn des letzten Jahrhunderts…

III.

Was hier stattgefunden hat war nicht die Aufklärung oder Information der Bevölkerung, sondern deren tiefe Verunsicherung und vielleicht sogar Aufhetzung.

Viel sinnvoller - und nebenbei wissenschaftlicher - wäre es gewesen, durch gut recherchierte Inhalte dazu beizutragen, dass die Bevölkerung sich tatsächlich ein Bild machen kann über diejenigen religiösen Gruppen, die oft als “Sekten” bezeichnet werden.

Stattdessen setzte die Redaktion auf billige Medientricks und vorgefertigte Meinungsbilder, die in völlig unklarer, verwaschener Form den Zuschauern aufgezwungen wurden.

Seht euch mal die Sendung an unter dem Gesichtspunkt diesen beiden interessanten Fragen: “Was ist eine Sekte?” und “Wie soll man mit Sekten umgehen, sowohl auf persönlicher, als auch auf staatlicher Ebene?”

Ihr werdet keine Antworten erhalten. Und das macht es unerträglich.

Zuschauer einer Wissens-Sendung sollten zum selbstständigen Nachdenken oder Nachvollziehen angeregt werden und nicht zum ungefragten Hinnehmen von Fernseh-Manipulation ohne nachvollziehbaren Inhalt.

Warum konnte man nicht einfach erzählen, was ein Durchschnitts-Auditing bei Scientology kostet, oder was für abstruse Inhalte dort gepredigt werden?! Oder weshalb konnte man die Leute nicht davor warnen, dass sie eine psychopathologische selbstüberhöhte Sektenführerin und deren Arbeiterbienen unterstützen, wenn sie Bio-Produkte der Marke “Gut zum Leben” kaufen?!

Hätte das nicht schon gereicht?
Ja, das hätte es.
Deshalb stellt sich die begründete Frage: Was sollte dann die ganze Sendung?

Persönlich glaube ich, da waren ein paar fachlich verheerend uninformierter und unmotivierter Leute am Werk, die einfach nur mal zeigen wollten, welche Wunderwerke die Schnitttechnik der Scobel-Redaktion so hervorbringen kann, und denen die Folgen einfach egal waren.

Es ist mir schon seit einiger Zeit aufgefallen, dass gerade die öffentlich-rechtlichen Sender sich öfter mal Themen wie “Esoterik”, “alternative Heilmethoden” oder eben “Sekten” aufs Korn nehmen und dort gezielt den Leuten eine ganz bestimmte Denke unterjubeln. Da werden wissenschaftlich hochumstrittene Aussagen als Tatsachen dargestellt, durch billige Effekthascherei versucht, Meinungen zu bilden und Feindbilder generiert. Krass, dass sogar der kleinen Sparte an Zuschauern einer Wissens-Sendung so ein unfiltrierter Quark ungestraft vorgesetzt werden kann.

Ich sag euch, keiner der Zuschauer, der wenig Vorwissen über “Sekten” besaß und der sich in dieser Scobel-Sendung über “Sekten” informieren wollte, kann danach die entscheidende Frage für sich klären, die ihn vielleicht unter Umständen davon abhalten könnte, einer Sekte sein ganzes Geld zu überweisen, nämlich:

“Welche Inhalte müssen dort gelehrt werden, dass ich mir beginnen muss, Sorgen zu machen?”

Der Kopf ist zum Denken da…


Hinweis: Die Ausgabe “Sekten - Reizvolle Gmeinschaft oder Albtraum?” von Scobel vom 22. März ist ansehbar in den Mediathek von 3sat und ZDF.
Die Einspieler wurden rausgeschnitten und sind unterhalb des Beitrags einzeln zu sehen.

Ja hier: http://www.3sat.de/mediathek/index.php? … &obj=30106

Danke

http://www.3sat.de/page/?source=/scobel … index.html