[Abgetrennt von Re: Folge 109 - Plagiat oder nur geklaut?]
Ich habe mich schon oft gefragt: Machen „wir“ (Hausnummer 30+) den selben Fehler wie unsere Eltern und verteufeln alles, was nachkommt und „wir“ blöd finden? Ist die Musik, was den Mainstream angeht, heutzutage schlechter? War der sogenannte Mainstream mal anspruchsvoller? Ich denke schon; nur ist das objektiv? Musikexperten vor!
Zunächst mal möchte ich für dich klarstellen, dass ich bei weitem noch nicht zur Hausnummer 30+ gehöre ![]()
Mit Musiktheorie kenne ich mich allerdings dennoch ganz gut aus. Ich habe ja auch nicht gesagt, dass diese Mainstreammusik prinzipiell schlecht ist.
Betrachtet man die Entwicklung aus Musikhistorischer Sicht so lässt sich feststellen, dass der Mainstream immer die Musik war, die Jugendliche selbst machen konnten - ein orchestrales Werk fällt da also eher raus. So gab es bis vor einigen Jahren eine unglaubliche Masse an Rockbands in der typischen Besetzung, weil das die Instrumente waren zu denen Jugendliche Zugang hatten. Bands wie Queen waren populär.
Mit dem Erfolg des Computers hatten aber auch zunehmend Jugendliche Zugang zu den Verfahren elektronischer Musikerzeugung. Das Equipment eines unfassbar teuren Musikstudios kann heute in seinen Grundzügen von Software wie Cubase emuliert werden. Angefangen mit Künstlern wie Jean Michel Jarre, der mit seinem Oxygen riesige Hallen füllte, über Kraftwerk bis hin zu heutigen Künstlern wie Lady Gaga.
Das ist nicht per se schlecht, sondern nur eine natürliche Entwicklung.
Das Problem liegt eher darin, dass hier bereits gesagt wurde Musik über die Jahre - auch durch das Aufkommen von iPod und Co. - immer mehr zu einer ständigen Alltagsuntermalung wurde.
Sicher gab es auch früher schon sehr simpel geschriebene Songs, aber die relative Anzahl dieser Vertreter in den Charts hat in den letzten 10 - 20 Jahren doch sehr stark zugenommen.
Nehmen wir als Beispiel Queens „Bohemian Rhapsody“ - eins der erfolgreichsten Lieder der letzten 50 Jahre - und stellen es in Gegensatz zu den erfolgreichsten Liedern der letzten 2-3 Jahre: Gangnam Style, Mr Saxobeat und Konsorten (ja es gab in den letzten Jahren auch anspruchsvollere Titel, aber die waren bei weitem nicht so erfolgreich).
Bei der Bohemian Rhapsody würde sich hier direkt zu Beginn schon ein Gesangspart finden, der vom Anspruch an die Sänger seinesgleichen sucht (Tipp: P!nk hat das mal auf einer Live-DVD recht gut gemacht).
Auf die Harmonik will ich nun gar nicht weiter eingehen, um nicht auch den letzten Leser zu verlieren, aber es sei gesagt, dass Gangnam Style zwar zumindest nicht die typischen Kadenzen inne hat - was auch am kulturellen Unterschied liegen dürfte, aber dennoch nicht an die Komplexität einer Bohemian Rhapsody rankommt - wobei diese nun auch ein sehr vorbildliches Beispiel ist.
Um auf die eingängliche Frage zurückzukommen:
Dass aktuelle Musik von einer älteren Generation oft als blöd empfunden wird liegt vermutlich an den Hörgewohnheiten. Als Jugendlicher hat sich der Musikgeschmack gebildet und von da an wurde halt immer, wenn einem die Musik im Radio nicht passte der Sender gewechselt. Es bildeten sich verschiedene Sender für verschiedene Altersgruppen. Hört man nun Musik der heutigen Zeit ohne vorher die Entwicklung der Jugendlichen - oder sonst welcher Menschen, die einen jeweiligen Stil bevorzugen - nachzuvollziehen, wird einem diese Musik in 90 % der Fälle als fremdartig vorkommen.
Ein Selbstexperiment:
Suche dir mal eine Jazz-CD aus. Beispielsweise Miles Davis ‚Kind of Blue‘ - die dürfte dir bei iTunes regelrecht hinterhergeschmissen werden. Nun nimmst du dir das erste Lied ‚So What‘ vor. Du hörst es über sagen wir eine Woche jeden Tag ein bis zwei mal. Nur dieses eine Lied. Und ich sage dir am Ende dieser Woche wird sich dein Ohr (zumindest etwas) an diese Musik gewöhnt haben und du wirst sie nicht mehr als so „blöd“ empfinden wie beim ersten hören. Danach hörst du dir das zweite Lied an und wirst vermutlich feststellen, dass auch dieses dir nicht mehr so fremdartig vorkommen wird wie vor dem Experiment. Du musst ja am Ende kein Jazz-Liebhaber werden. Es soll nur zeigen, dass sich dein Ohr an quasi jede Musikrichtung gewöhnen kann.