Ja, genau das brauchen wir: Selbstzerfleischung in einer Diskussion, die eigentlich viel zu wichtig ist, und dies nur, weil auf der ersten Seite e i n User den bis zum Exodus von verschiedensten Bloggern, Online- und Printjournalisten durchgekauten Argumentationsstrang aufgewärmt hat, wonach Datensicherheit im Netz zunächst Aufgabe der User selbst ist.
Was wir tatsächlich brauchen sind Maßnahmen, die sich der Mixtur aus lähmenden Entsetzen und achselzuckender Bagatellisierung entgegenstellen.
Das Internet hat sich in den letzten acht Jahren radikal verändert. Schon immer gab es Big Player im Netz, auf die die meisten Klickzahlen entfielen und die die meisten Kunden in ihrem Sujet hinter sich vereinen konnten. Doch durch die scheinkontemplative Ausformung des sog. “Web 2.0” hat sich daraus ein echtes Oligopol entwickelt. Der durchschnittliche Internetnutzer ist in seinen Gewohnheiten derart festgefahren, dass er pro Tag vermutlich mehr verschiedene Fernsehkanäle konsultiert, als Webseiten. Alles zirkuliert um die selben Marken. Für das soziale Netzwerk haben wir Facebook und Twitter, wie wir für den Sport nur Eurosport und Sport 1 zu haben scheinen. Nachrichten beziehen wir aus einer handvoll Quellen, wie wir auch im TV beständig auf Flaggschiffe wie Heute, Tagesschau oder Nachrichtensender vertrauen. Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen.
Dadurch haben wir uns im höchsten Maße angreifbar, weil berechenbar gemacht. Wenn ich nur daran denke, wie Amazon und Ebay den Versandhandel im Internet unter sich aufgeteilt haben, wird mir schwindelig. Viele Kleinstädte im unteren fünfstelligen Einwohnerbereich haben mehr Konsummöglichkeiten vor der Haustür, als wir - scheinbar - im Netz konsultieren. Es ist der klassische Fall selbstverschuldeter Unmündigkeit, der dazu führt, dass mir auf Schach- und Basketballseiten das Buch eines ehemaligen Professors zum Verkauf auf Amazon vorgeschlagen wird, obwohl ich nie danach gesucht habe.
Die erste Bürgerpflicht ist Aufklärung. Sensibilisiert die weniger Netzaffinen von der Tragweite dessen, was uns täglich in den Nachrichten an Schockmeldungen aufgetischt wird. In einem zweiten Schritt gilt es zu handeln. Ich hoffe jeden Tag auf eine unverbrauchte, clevere und dem Netz angemessene Demonstrationsform unseres Unmutes, hinter der sich leicht viele Menschen versammeln können und deren Vorgehensweise genug Substanz besitzt, um es in die klassischen Medien zu schaffen. Dadurch wird die Aufmerksamkeit potenziert. Ich bin übrigens felsenfest der Überzeugung, dass unser Selbstverständnis des Mediums im Kern nicht zur Debatte steht, weshalb ein Aufbegehren nur innerhalb jener Netzstrukturen erfolgen kann, denen wir den Schlamassel zu verdanken haben.
Zuletzt hoffe ich darauf, dass in den nächsten Tagen oder Wochen das Unvermeidbare durchsickert: Dass die Bundesregierung selbst von den Abhörmethoden weiß, daraus Nutzen zieht und Bürgerrechte systematisch vor dem Altar einer angeblich von Terror unterjochten westlichen Wertegemeinschaft geopfert hat. Dann nämlich säßen die Gegner nicht mehr in dunklen Hinterzimmern in fernen Teilen der Welt, sondern bekämen schlagartig ein Gesicht - ein abwählbares obendrein. Dadurch würde es auch anderen politischen Kräften leichter fallen, aktiv Stellung zu beziehen, eine Abgrenzungsrhetorik zu entwickeln und der breiten Bevölkerung klar zu machen, was im ersten Schritt unsere undankbare Aufgabe ist: Sensibilisierung und Aufklärung.