Lohnwettbewerb mit dem Rest der Welt - alles Blödsinn?

Unzählige Male wurde uns einst - manche werden sich noch erinnern - gepredigt, dass Deutschland nicht wettbewerbsfähig genug sei. Wir seien viel zu teuer, um mit den aufstrebenden Volkswirtschaften in Asien oder auch unseren Nachbarn in Osteuropa mitzuhalten. Die Deutschen, so hieß es, seien zu faul, verdienten zu viel und bekämen viel zu viele soziale Wohltaten. (Dies war auch einer der entscheidenden Gründe für jahrelange Lohnzurückhaltung und Agenda 2010.) Aus berufenem und weniger berufenem Munde hörte man solches immer wieder. So klagte etwa Peter Hahne in seinem im Jahr 2004 erschienenen Bestseller “Schluss mit lustig” (zitiert nach einer Internet-Quelle):

Freiheit war eine der großen Forderungen. Oder Selbstbestimmung. Doch die Freiheit pervertierte schnell zur Freizeit. Kein Land der Erde arbeitet so wenig wie wir Deutschen. Wir haben uns daran gewöhnt und uns wohlig im Freizeitpark Deutschland eingerichtet, während es mit der Konjunktur rasend bergab geht. Kein Wunder, dass ein Aufschrei durchs Land geht, wenn man ein, zwei Stunden in der Woche mehr arbeiten soll. »Einigkeit und Recht auf Freizeit«, ironisiert der KanzlerImitator Elmar Brand unsere Nationalhymne.

Während wir uns nämlich bereits beim Feierabendbierchen entspannen, legen unsere schärfsten Konkurrenten auf dem Weltmarkt erst so richtig los: Die Amerikaner arbeiten 1805 Stunden, die Japaner 1859, die Koreaner sagenhafte 2447 Stunden im Jahr. Unsere Bilanz: 1446 Stunden in West- und 1467 Stunden in Ostdeutschland, so die amtliche OECD-Studie von September 2003.

Weltmeister sind wir Deutschen bei den Urlaubs- und Feiertagen: im Schnitt 43 Tage. In den USA gibt es nur 23! Auch das Einstiegsalter in die Rente ist bei uns (noch!) illusorisch niedrig: im Durschnitt 60,3 Jahre. In England geht man mit 62,6, in Japan sogar erst mit 68,5 Jahren in Rente. Bedenkt man, dass Deutschland mit die längsten Ausbildungszeiten der Welt hat, so braucht man sich über den Zerfall der Sozialsysteme nicht zu wundern. Und darüber, dass wir inzwischen Schlusslicht der europäischen Entwicklung sind.

In Sachen Arbeit sind wir zu einer reinen DI-MI-DO-Gesellschaft verkommen, wie Experten vorrechnen. Freitags muss man rechtzeitig nach Hause, um nicht in den ersten Stau zu geraten. Und montags muss man sich erst mal vom Stress des randvoll ausgefüllten Wochenendes erholen. Bereits die ersten Zeitungsausgaben im neuen Jahr laden uns mit hübschen Schaubildern zu herrlichen Feiertagsbrücken ein, an denen man mit wenig Urlaubstagen viel Freizeit herausschinden kann. Ellenlange Staumeldungen für die Blechlawine der neuen Armut füllen an solchen Tagen die Radioprogramme.

Für Unternehmer (soweit sie nicht aus lauter Resignation inzwischen zu Unterlassern geworden sind!) gibt es eigentlich nur ein Rezept, um die Mitarbeiter wieder zu motivieren und den Betrieb wieder flott zu bekommen: Es muss ihnen gelingen, die Energie, die in die Freizeit verpulvert wird, an den Arbeitsplatz zurückzuholen. Arbeit muss Sinn, darf aber auch Spaß machen.

Ein Problem für unsere Wirtschaft ist auch der Tatbestand, der bezeichnenderweise mit »krankfeiern« beschrieben wird. Auch diese Diagnose tut weh: Deutschland ist Weltmeister und Berlin ist die Hauptstadt der Kranken. Doch Berlin ist auch die Metropole der Simulanten, so die DAK im Mai 2004. Pro Jahr seien dort 60000 Arztbesuche überflüssig.

Das kann man sich heutzutage vielleicht gar nicht mehr richtig vorstellen, dass das mal gewaltig en vogue war, wo wir uns inzwischen als europäische Musterschüler gerne selbst feiern und stattdessen die Südeuropäer zu Faulpelzen erklären (das eine ist wohl so unsinnig wie das andere). Aber solche Stimmen gab es damals zuhauf in den Medien.

Nun ist es natürlich sinnvoll, wenn ein Land wie Deutschland darauf achtet, technologisch immer auf einem sehr modernen Stand zu sein und ein gutes Ausbildungssystem zu besitzen. Die Frage ist aber, ob es der deutschen Wettbewerbsfähigkeit schadet, wenn die Leute mehr Freizeit haben als z.B. die Amerikaner oder Koreaner?

Wenn man früher in Rente geht und mehr Urlaub macht, also weniger produziert, dann ist das an sich erst mal völlig unproblematisch. Nur kann man dann natürlich [I]ceteris paribus[/I] nicht denselben Lohn haben. Wenn man aber in dem Maße auf Lohn verzichtet, in dem man eben weniger arbeitet, dann gleicht sich das natürlich völlig aus. Die Lohnstückkosten sind dann dieselben. Wenn die Leute in Land B nur 80% so viel arbeiten wie die in Land A, aber auch nur 80% Löhne (Sozialabgaben eingerechnet) bekommen, dann ist der einzige Unterschied, dass die Leute in Land A eben mengenmäßig mehr Güter produzieren, die sie konsumieren oder am Weltmarkt eintauschen können. Wenn die Leute von Land B aber etwas mehr Freizeit vorziehen, ist das natürlich völlig in Ordnung.

Was aber ist nun, wenn die Menschen in anderen Ländern der Welt für das gleiche Geld mehr arbeiten (oder für das gleiche Arbeitspensum weniger Lohn fordern)? Ist das entsprechende Ausland dann nicht wettbewerbsfähiger als Deutschland? Ist das für uns nicht ein riesiges Problem? Bei gleicher Qualität könnte der Wettbewerber dann doch viel preiswerter produzieren?
Nein, und zwar aus folgendem Grund: Das entsprechende Land mit den geringen Produktionskosten wäre dann in der Tat erst einmal deutlich wettbewerbsfähiger als andere Länder. Es würde daher hohe Exportüberschüsse erzielen (also mehr exportieren als importieren). Spiegelbildlich würden die anderen Länder mehr importieren als exportieren und müssten Leistungsbilanzdefizite hinnehmen. Dann käme aber rasch folgender Mechanismus ins Spiel, den Markus Diem Meier in “Finanz und Wirtschaft” so beschreibt:

Die Währung eines Landes mit permanenten und steigenden Handelsdefiziten schwächt sich ab. Diese Währung wird relativ weniger nachgefragt, als jene seiner Handelspartner. Diese Abwertung ist für das Defizitland ein Segen, denn es vergünstigt seine Produkte auf den Weltmärkten. Gleichzeitig werden die ausländischen Güter teurer, was auf die Importe drückt und die inländischen Produzenten relativ wettbewerbsfähiger macht. Dieser Ausgleichsmechanismus entfällt in der Währungsunion. Damit zu einem Land mit Überschüssen:
Die Währung des Überschusslandes wertet sich bei flexiblen Wechselkursen auf (im Verhältnis zu den Währungen seiner Handelspartner). Diese Aufwertung sorgt über die Verteuerung seiner Güter zu einer Abnahme der Exporte und einer Zunahme der Importe.

http://www.fuw.ch/article/nmtm-die-faz-und-ein-gangiges-fehlurteil/

(Es kann sogar zu überschießenden Reaktionen kommen, so dass am Ende eventuell mehr verloren als gewonnen ist für das Land mit den Überschüssen. Einzelne Unternehmen können natürlich in Billig-Lohn-Länder gehen, aber sobald es zu viele werden, steigt die Produktivität des entsprechenden Landes und es wertet auf.)

Wenn irgendwo auf der Welt jemand mehr arbeitet als wir hierzulande, oder zu geringeren Löhnen, braucht uns dies also erst einmal nicht zu besorgen: Sich Wettbewerbsvorteile über Lohndumping zu erschleichen funktioniert nicht und kann auch nicht funktionieren. Es kommt eh nicht auf die Höhe der Löhne, sondern auf das Verhältnis von Produktivität und Löhnen an.

Eine Ausnahme gibt es natürlich: Wenn man in einer Währungsunion ist. Dann können die Wechselkurse keinen Ausgleich für geringe Lohnkosten bringen. Oder, wie es im besagten Artikel aus “Finanz und Wirtschaft” heißt:

Wir können folgern: Ohne Euro (oder bei seinem Auseinanderbrechen) würde die deutsche Währung durch die deutsche Exportstärke deutlich aufwerten, die Exporte dämpfen und die Importe befeuern. Die aktuellen Euro-Defizitländer hätten bessere Absatzchancen für ihre Produkte. Deutschlands permanente und gewachsene Exportüberschüsse sind also nicht bloss Ausdruck der eigenen Stärke, sondern auch eine logische Folge der Währungsunion. Während der Euro (im Vergleich zu unabhängigen Währungen) die deutschen Exporte preisgünstiger macht, ist er für die Defizitländer in der Währungsunion zu teuer.
Die folgende Grafik zeigt die Leistungsbilanzsalden von Deutschland (blaue Linie) und von Italien und Spanien zusammengenommen (rote Linie) seit 1995. Wie sich deutlich zeigt, driften die beiden Linien fast genau mit dem Start der gemeinsamen Währung deutlich und fast spiegelbildlich auseinander […]

Insofern hatten Lohnzurückhaltung und Agenda 2010 durchaus einen Nutzen für die BRD: Sie haben Arbeitslosigkeit exportiert. Der Preis ist aber natürlich hoch. Bleiben wir erst einmal bei Deutschland selbst. Hohe Leistungsbilanzüberschüsse bedeuten hohe Kapitalbilanzdefizite: Kapital ungefähr in der Höhe der Leistungsbilanzüberschüsse fließt ins Ausland und steht dann nicht mehr im Inland für Konsum und Investitionen zur Verfügung. Deutschland weist dann auch seit Jahren eine sehr niedrige Investitionsquote auf:

Die deutsche Investitionsquote ist im internationalen Vergleich gering. Im Jahr 1999 lag sie bei rund 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, 2012 waren es nur noch knapp über 17 Prozent. Im Durchschnitt der Jahre von 1999 bis 2012 war die Investitionsquote in Deutschland um rund vier Prozentpunkte niedriger als in der OECD insgesamt und um rund drei Prozentpunkte niedriger als in den übrigen Ländern des Euroraums. Untersucht man statistisch den Zusammenhang zwischen dem Industrieanteil an der gesamten Wertschöpfung und der gesamtwirtschaftlichen Investitionsquote in entwickelten Volkswirtschaften, so zeigt sich ebenfalls, dass Deutschland eine Investitionslücke von rund drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts aufweist.
Aufgrund seiner Spezialisierung auf forschungsintensive Industrien und wissensintensive Dienstleistungen stellt Deutschland vergleichsweise hohe Anforderungen an das Produktionsumfeld hinsichtlich Humankapital, Ressourcenschonung sowie Mobilität und müsste deswegen deutlich mehr investieren als andere Länder, um ein gesundes Wachstum und damit auch Einkommenssteigerungen langfristig sicherstellen zu können.

http://www.diw.de/de/diw_01.c.423663.de/presse/diw_glossar/investitionsquote_investitionsluecke.html

Und schlimmer noch: Andere (europäische) Handelspartner geraten als Folge der Ungleichgewichte [I]zwangsläufig[/I] immer mehr ins Defizit, was bedeutet, dass die entsprechenden Staaten sich selbst immer mehr verschulden müssen - oder dass sie zusehen dürfen, wie ihr Privatsektor mehr und mehr in die Miesen kommt. Auf diese Weise wird eine Währungsunion zuerst in eine Transferunion verwandelt und muss schließlich auseinanderbrechen; und wenn die neue deutsche Währung über Nacht unter enormen Aufwertungsdruck gerät, ist der Export auf einen Schlag futsch (ohne Zeit für die notwendige Umstrukturierung hin zu mehr Binnenmarkt).

Aber zurück zum Thema: Alles, was Politiker, die Wirtschaft und Journalisten uns jahrelang in den Medien erzählt haben davon, wie man mit anderen Ländern im Wettbewerb um die niedrigsten Löhne und Urlaubszeiten steht, wäre demnach von A bis Z ein einziger grandioser Blödsinn gewesen.