Der Film versetzt Stromberg ins Jahr 2025 – und trifft dabei in einigen Punkten die gesellschaftliche Gegenwart erstaunlich genau. Die beiden Ansammlungen vor dem Studio sind ein sehr schönes Abbild gegenwärtiger Social-Media-Posts und Kommentarspalten. Auf der linken Seite die Überkorrekten, welche sich sebst für „die Guten“ halten und dabei gar nicht merken, dass sie sich genauso danebenbenehmen. „Nehmt die Glatze aus der Glotze“ ist nicht nur Bodyshaming vom Feinsten, sondern ein astreiner Stromberg-Spruch.
Rechts die Ultras, welche Stromberg kritiklos als Held der politischen Unkorrektheit gegen den sogenannten Wokenessterror abfeiern und die Satire hinter der Figur nie verstanden haben.
Stromberg selbst hat sich nicht verändert und landet folgerichtig genau da, wo so eine Figur 2025 landen würde, nämlich unten. Ja, sein Verhalten ging auch 2004 schon nicht, aber wenn ich mir meine verschiedenen Arbeitsstätten im Laufe der Zeit so anschaue stelle ich fest, dass zur Zeit der Serie auf strombergartige Sprüche deutlich anders reagiert wurde als heute. Vereinfacht gesagt, aus rollenden Augen wurden Abmahnungen.
Auch dass Stromberg sich darüber beschwert, dass er als „normaler Mann der arbeiten geht und auf Frauen steht“ heute noch die einzig mögliche Witzfigur darstellt, stellt wunderbar jene Zeitgenossen dar, welche sich über den angeblichen Wokenessterror aufregen und meinen mit „ich lass mir doch nicht den Mund verbieten“ alles rechtfertigen zu können aber dann bei der geringsten Spitze gegen sie selbst sofort an die Decke gehen oder beleidigt in der Ecke rumschmollen. Oder wie Ernie es gesagt hat: „Der ist wie ein Briefträger, er kann nur austeilen aber nicht einstecken.“ Auch dieses von Jennifer in perfektem Strombergton ausgerufene „Lauf doch nicht weg, is doch alles nur Schpassss!“ während Stromberg beleidigt die Treppe runterrast bringt es sehr schön auf den Punkt.
Ich kann schon verstehen, dass sich viele Fans mehr Capitol-Büroaction wie früher gewünscht hätten, aber wie hätte das glaubhaft funktionieren sollen? Einfach den ersten Film ignorieren? Stromberg ist einfach wieder da und macht weiter wie immer? Komplett unglaubwürdig.
Dass der Film vor der Wokeness eingeknickt sei, ist natürlich Quatsch. Stromberg bringt seine Sprüche noch, er hat sich wie gesagt nicht verändert. Nur wird anders - eben zeitgemäß - darauf reagiert.
Dass der Film teilweise mehr Drama als Komödie ist wird von vielen bemängelt. Aber das hat er mit der Serie gemeinsam. In der ersten Folge stirbt jemand, damit Stromberg seinen gewünschten Parkplatz bekommt. Erika stirbt. Strombergs Schwiegervater leidet an Alzheimer. Seine Frau verlässt ihn. Ernie unternimmt einen Selbstmordversuch. Warum haben denn so viele Leute bei dem neuen Film offensichtlich einen Dauerschenkelklopfer erwartet? Übrigens gab es auch in der Serie Gewaltausbrüche von Stromberg, was ja im neuen Film auch immer wieder kritisiert wird.
Dennoch teile ich auch einige Kritikpunkte.
Nachdem aufkam, dass der Papa bei der Alpha eben kein Chef ist fängt die Handlung an zu zerfasern und wird eine Zeitlang gefühlt nur noch von Instagramposts zusammengehalten. Dass Stromberg bei seinem Zusammenbruch erstmal davonläuft sehe ich ja noch ein, aber warum geht es dann in diesen komischen Park zu dem Lessingdenkmal?
Gerade zum Ende hin will der Film dann viel zu viel auf einmal. Es geht Hopplahopp vom Suizidversuch zum Überleben desselben (wie gehts eigentlich den Leuten auf die er draufgefallen ist?!?), zur trotzdem stattfindenden Fernsehshow (bei einem Sturz aus der Höhe so schnell wieder vor der Kamera?), welche furchtbar gestellt wirkt und schließlich zur Capitol, wo er sich „unverbindlich“ mal umschauen kann. Das sollte wohl die Möglichkeit zu einer 6. Staffel andeuten, aber das ist mir wirklich viel zu sehr an den Haaren herbeigezogen. Wenn man so einen Typen erstmal los ist, holt man ihn nicht zurück. Sprung von der Brücke hin oder her. Und um es nochmal deutlich zu machen: eine sechste Staffel mit Stromberg wieder bei der Capitol fände ich super, aber für eine Rückkehr müssten sich die Macher schon was anderes ausdenken. Beispielsweise hätte der mittlerweile im Vorstand sitzende Klinkhammer doch genug Dreck am Stecken, um ihn unter Druck zu setzen … wer weiß was da noch alles ans Licht kommen könnte?
Dass der Film am Ende auch diese seltsame, gesellschaftliche Sehnsucht nach der Autorität aufgreift ist eigentlich ein guter Punkt. Das Showpublikum feiert die Umfrageergebnisse ab, laut denen sich die Arbeitnehmer mehrheitlich einen Chef wie Stromberg wünschen und von Politik- und Wirtschaftspromis kamen Aussagen wie „wenigstens macht er was“. Aber weiter wird halt nichts draus gemacht. Es wird einfach so stehen gelassen, ab zum nächsten Thema, Polonaise, hurra.
Gerade hier hätte man schön darstellen können wie unsinnig es ist, nach der autoritären Führung zu schreien und gleichzeitig die Absetzung von März zu fordern, der genau selbige darstellt. Dass solche Zeitgenossen dann auch noch ernsthaft glauben, es würde besser werden wenn erst die Blauzis an der Macht sind, kommt ja noch obendrauf. Diejenigen, welche nach der autoritären Führung schreien denken nicht soweit, dass diese sich gegen sie selbst richten könnte. Eine Art der mentalen Kurzatmigkeit, die man sehr gut hätte einbauen können. Hat man aber nicht.
Alles in allem ist „Stromberg – wieder alles wie immer“ ein treffendes Zeitbild mit einigen Schwächen.
Ach ja, und Edit meint auch, dass der Influencer nervt wie Hulle … wobei ein besonders widerlicher Punkt in seinem Verhalten ringt mir schon wieder Respekt vor den Ideen der Macher ab: im Backstagebereich der Fernsehshow löffelt er eine Suppe – während er immer noch auf seinem Kaugummi rumkaut. Also auf sowas muss man erstmal kommen. Ich hab das übrigens beim ersten mal anschauen gar nicht bemerkt … umso widerlicher war es, als es mir dann aufgefallen ist. 