In die Sonne schauen: lasst Euch da von positiven Kritiken wie der von Wolfgang M. Schmitt nicht blenden: das ist so ein Film, den Leute wie Wolfgang M. Schmitt eben ganz toll finden, weil es Intellktuellen-Kino ist, aber das macht es noch lange zu keinem guten Film. Ich meine, man muss dem Film natürlich zugute halten, dass er (gerade für einen deutschen Film) sehr versiert in Kamera, Schauspielführung und der Verknüpfung von Form und Inhalt ist. Dem Handwerk kann man da kaum etwas vorwerfen.
Die Idee dahinter ist ja super und, wie gesagt, auch das Handwerk passt. Der Film trägt über seine zweieinhalb Stunden seine Atmosphäre wie eine Monstranz vor sich her und erweckt tatsächlich zwischendrin den Anschein, ein Horrorfilm zu sein - aber zum Glück ohne Jump Scares. Aber der Film hat ein ganz anderes Problem: er ist in seinem Inneren hohl. Wir verbringen da also diese 150 Minuten mit den Frauen der vier Generationen, aber keine davon ist irgendwie ein ernstzunehmender Charakter (am ehesten noch Lena Urzendowskys Figur), der sich von den anderen abgrenzen würde. Wir fühlen nichts für diese Figuren. Ihnen können noch so schlimme Dinge passieren, den Zuschauer lässt das völlig kalt. Auch weil keine zwei Figuren je eine bedeutungsvolle Konversation wie echte Menschen haben. Immer, wenn eine Figur einer anderen Figur etwas antut, wird weggeschnitten und man erfährt nie, wie oder ob dieses Geschehen aufgearbeitet wurde.
Dazu kommt, dass der Film zwar an sich sehr wortkarg ist, aber dennoch ein Erklärbär-Voice-Over hat, das viele Dinge einfach nur behauptet, anstatt sie zu zeigen, Wie erfahren zum Beispiel, dass eine der Figuren immer dann lacht, wenn Andere traurig sind und umgekehrt - aber das sehen wir nie. Zwar spielt die Schauspielerin dieser Figur auch hervorragend, aber es wird einfach on screen nie gezeigt.
Und dazu ist der Film einem völligen Missverständnis aufgesessen, wie Second (und Third) Genration Traumata wirklich funktionieren. Hier ist der Film eben zu sehr im Genre des Horrorfilms verhaftet und geht davon aus, dass der Ort, also der Bauernhof, an sich wohl verflucht sein muss und deshalb alle von den Geistern der Vergangenheit heimgesucht werden. Aber so funktioniert das Erbtrauma doch nicht! Statt zu zeigen, wie zutiefst traumatisierte Menschen ihre eignen Wundern weitervererben, wird das hier auf eine bloße Geistergeschichte runtergebrochen, wo die Geister der Vergangenheit irgendwie negativen Einfluss auf das Leben der nächsten Generation haben. Aber wisst ihr, wo ihr genau das schon einmal gesehen habt, aber in besser? In Kubricks The Shining.
Am Ende, als dann ein Lana-Del-Rey-Song eingespielt wird, offenbart sich der Film endgültig. Denn der Film, funktioniert genauso, wie ein Lana-Del-Rey-Song: als hohler Sadness Porn.
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Deliver Me From Nowhere: ich bin ja bekanntlich riesiger Fan vom Boss. Aber auch von diesem Film?
Der ist nämlich ein Beispiel für einen perfekt gemachten und gespielten Streifen, der aber trotzdem nicht die Tiefe erreicht, die zum Greifen nah war.
Er ist ähnlich introspektiv wie „Nebraska“ selbst inszeniert und Jeremy Allan White spielt den einsamen und getriebenen Bruce perfekt, aber der Film tappst in die Falle, in die viele Biopics fallen: alles wird vom Vater her gedacht. Natürlich spielt der auch eine tragende Rolle, aber man kann das „Nebraska“-Album nicht auf Daddy Issues reduzieren - das würde dem großen amerikanischen Autoren Springsteen nicht gerecht. Anstatt eine fiktionale Liebelei einzubauen, hätte man daher lieber den Aspekt der sozialen Verlierer, für die Nebraska ein Mahnmal sein soll, ausbauen sollen.
Oder wenn man schon Bruces sozialen Beziehungen ausbauen will, dann hätte man Steve van Zandt und Clarence Clemons als Handlungsträger einbinden sollen. Leider verkommt die E Street Band hier aber zu reinen Statisten und einer dialoglosen Ansammlung an Studiomusikern. Da man ja die Genese von Nebraska und aber auch Born in the USA zeigen wollte, wäre zum Beispiel die Rolle von Max Weinberg zwingend notwendig gewesen. Oder warum Little Steven in dieser Phase die Band verlassen wollte (siehe „Bobby Jean“). Wenn der Film seinen Fokus hingegen komplett auf den isolierten Bruce legen wollte, der mit Depressionen kämpft, ist das zwar ein Ansatz - aber er verkennt die Realität. Immerhin Jon Landau (Jeremy Strong) ist zwar als stets verständnisvolles Bindeglied zur Plattenfirma da, aber dem Film gehen durch die Zeit, die er auf dei erfundene Beziehung zu „Faye“ (Odessa Young) verschwendet, sehr viele narrative Optionen durch die Lappen.
So bleibt es ein guter Film, aber kein grandioser.