Jein. Das Interessante ist, dass die AfD gerne allseitig simplifiziert wird, sie aber eine durchaus komplexe Rolle in unserer Gesellschaft einnimmt. Zum Einen erfüllt sie den Traum der Neuen Rechten in Deutschland eine etablierte Partei zu haben. Es führt ein Pfad von PI-News über Pax Europa, über die Pro-Bewegungen, der Partei die Freiheit hin zur AfD. Alle Versuche vorher eine neurechte Partei rechts der CDU zu gründen waren gescheitert.
Ein wesentlicher Vorteil der AfD zu Beginn war, dass sie gar nicht neurechts war, sondern eine wirtschaftsliberale Partei, die sich vor allem gegen die Eurorettung positionierte. Um diese unliebsame Konkurrenz los zu werden behauptete man medial lediglich, dass sie neurechts sei. Das motivierte dann den Treck, der bei PI-News startete da einzutreten. Anschließend hatte die Partei zwei Rechtsrücke hinter sich und wurde zu dem was wir heute haben.
Wesentlich stabilisierend für die AfD ist, dass die anderen Parteien sich in ihrer Politik von der Realität entkoppelt haben. Auch ein Friedrich Merz war ja nicht fähig seine Wahlversprechen umzusetzen. Dass neurechte Parteien auch ganz schnell wieder verschwinden, haben die Sozialdemokraten in Dänemark gezeigt. Man muss halt nur die vorhandenen Probleme angehen und nicht diejenigen beleidigen, die die Probleme ansprechen.
Die AfD ist allerdings auf allen Seiten eine Projektionsfläche. Als Partei die überall in der Opposition ist und mit der niemand koalieren will, fällt es natürlich leicht bestehende Probleme zu thematisieren. Allerdings würde auch eine Regierungsbeteiligung der AfD an vielen Stellen wenig ändern. Denn dann wäre man ja mit einmal Teil des Betriebs, man müsste auf den Koalitionspartner Rücksicht nehmen und man ist mit einmal mit den bestehenden Strukturen und Abhängigkeiten konfrontiert.
Auf der anderen Seite ist die AfD ebenso Projektionsfläche, besonders wenn man irgendwelche aberwitzigen Vergleiche mit der NSDAP anstellt. Aber auch hierbei erfüllt die AfD halt eine Funktion. Das deutsche Parteiensystem braucht ja schon seit sehr langer Zeit das Schmuddelkind. Früher waren es die Grünen, anschließend die PDS, heute ist es die AfD. Das ist halt Teil unserer eher auf Ausgrenzung basierenden politischen Kultur.
Die Schweizer sind da mit ihrer Konkordanzdemokratie ganz anders drauf. Die SVP dort und die FPÖ in Österreich zeigen, dass eine Regierungsbeteiligung einer neurechten Partei nicht so einem neuen 1933 führt.
Allgemein finde ich es interessant wie sehr die Leute da immer wieder zum längst widerlegten Historizismus neigen. Vielleicht ist es auch keine Projektion der eigenen autoritären Tendenzen sondern das Ausleben der eigenen Heldenphantasie. Die Vorfahren haben es nicht geschafft und nun redet man sich selbst ein, dass wenn man heute gegen die AfD ist und alles in sie hinein projiziert man bestimmt auch damals Widerstand gegen die Nazis geleistet hätte.