Kurz gesagt: Es ist ein Abwehrreflex, wenn die Narrative, an die man glaubt und mit denen man seine Sicht auf die Wirklichkeit strukturiert, immer stärker mit der Realität in Konflikt geraten.
Wir leben als Menschen ja in einer unendlich komplexen Welt, die wir in ihrer Gesamtheit gar nicht richtig erfassen können. In den Naturwissenschaften sind wir erstaunlich gut darin, mithilfe der Mathematik Modelle zu bauen, die sehr brauchbare Vorhersagen liefern. Im sozialen Miteinander der Menschen ist das aber ungleich schwieriger. Hier brauchen wir dann Narrative als Modell. Zentrale Narrative der Deutschen sind zum Beispiel:
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Wir haben aus dem Zweiten Weltkrieg gelernt
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Unsere Demokratie
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Wir sind das Land der Dichter und Denker
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Wir sind ein reiches Land
Solche Narrative haben den Vorteil, dass sie, wenn sie nahe genug an der Realität sind, Kooperationen erlauben und eine effiziente Gesellschaft formen. Dies funktionierte in der Bundesrepublik seit den 1950er-Jahren ziemlich gut. Jetzt geraten die Narrative aber zunehmend in Konflikt mit der Realität. Die Flüchtlingsbewegung seit 2015 ist da eine sehr gute Fallstudie. Wer damals die Frage stellte, ob es tatsächlich eine gute Idee ist, weitestgehend die Kontrolle darüber aufzugeben, wer hier so ins Land kommt, wurde als unmenschlich, als Rechtsextremist und als Nazi dargestellt. Aus dem Narrativ, dass wir ja ein reiches Land seien und darüber hinaus aus dem Zweiten Weltkrieg gelernt hätten, entstand das Narrativ des „Wir schaffen das“ und das der Willkommenskultur. Dass wir es bereits vorher nur leidlich geschafft haben, die türkischen „Gastarbeiter“ und deren Nachkommen zu integrieren, wollte dann niemand so recht hören.
Und dann kam es zunehmend zu Kollisionen von Narrativ und Realität. Berichte über sexuelle Übergriffe gab es damals bei Facebook zuhauf, das Narrativ wurde dann aber verteidigt, indem man diejenigen, die davon berichteten, als rechtsextrem diffamierte und ihnen eine toxische Männlichkeit unterstellte, die ja nur Angst vor dem südländischen Mann hätten. Schwer zu leugnen war das Problem dann nach der Silvesternacht in Köln, wobei es eine Weile dauerte, bis man sich die passenden Narrative zusammenstrickte, dass da gar kein Problem herrsche, sondern diese nur so auffällig seien, weil es junge Männer seien.
Der absolut größte Teil der Syrer ist tatsächlich strafrechtlich unauffällig, viele arbeiten. Gleichzeitig haben wir uns aber eine kleine, sehr gefährliche Minderheit ins Land geholt, die durch massive Straftaten auffällt. Benennt man dies, kommt allerdings bei vielen Leuten die reflexhafte Verteidigung des Narrativs, indem man sagt: „Du Nazi, du diffamierst alle Syrer.“ Dass man bereits gesagt hat, dass es sich um eine kleine Minderheit handelt, will das Gegenüber dann nicht hören, denn in der Verteidigung des Narrativs stellt man lieber einen Strohmann in den Raum, wogegen sich das Gegenüber dann verteidigen muss. Das sorgt dafür, dass man sich mit dem eigenen Narrativ und dessen Kollision mit der Wirklichkeit nicht befassen muss.
Ein weiterer interessanter Fall waren die Kalifats-Demos in Hamburg. Ich meine, man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Es kommen Leute her, die angeblich Schutz suchen oder hier sind für ein besseres Leben, und dann demonstrieren sie für die Beseitigung unserer verfassungsmäßigen Ordnung und dafür, unsere Gesellschaft in einen islamischen Gottesstaat umzubauen. Die in meinen Augen einzige korrekte Reaktion darauf wäre gewesen, diese Demonstration von der Polizei einzukesseln (im linken Spektrum geht das ja auch, wie man in Leipzig gesehen hat), die Identität der Leute festzustellen und diejenigen, die keine deutschen Staatsbürger sind, direkt in Abschiebehaft zu nehmen und innerhalb kurzer Zeit außer Landes zu schaffen. Denn derjenige, der ein Schutzrecht in Anspruch nimmt, dann aber gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung des Landes vorgeht, hat jeden Schutzanspruch verwirkt – insbesondere da ein Großteil derjenigen, die hier sind, gar nicht nach Art. 16 GG hier sind. Stattdessen wird zunehmend in Kontrolle und Bespitzelung von Menschen investiert, die Missstände gegebenenfalls etwas zu harsch anprangern.
Tatsächlich ist das Problem, dass sich hier zwei Komplexe in der Gesellschaft gebildet haben: Zum einen etablierte Parteien wie CDU/CSU, SPD, Grüne und Linke (die FDP ist ja quasi nicht mehr existent), mit etablierten Medien und einer mit Staatsknete ins eigene Vorfeld umgebauten Landschaft von NGOs, und auf der anderen Seite die AfD mit einem Geflecht von alternativen Medien als Vorfeld, die sich aufgemacht haben, die Kontrolle hier im Laden zu übernehmen. Das Problem ist: Die Etablierten haben sich inzwischen so stark in ihre Narrative eingebaut, dass sie jede Analyse der Wirklichkeit dem anderen Komplex überlassen haben. Den anderen Komplex will man aber auch nicht am Ruder haben, weil da sehr viele sehr unappetitliche Leute im Schlepptau sind (man denke nur an gewisse Leute, die in meinen Augen mit dem Nationalsozialismus kokettieren und bald Ministerpräsident sein könnten).
Gleichzeitig wurden unter dem Narrativ „Unsere Demokratie“ (was im Übrigen doch ein relativ neues Narrativ ist) demokratische Prozesse und Kultur in einem Maße erodiert, das es der AfD erlauben wird, ihre politischen Kontrahenten in extremem Maße auszugrenzen. Oder hat jemand ernsthaft Zweifel daran, dass die AfD im Falle einer absoluten Mehrheit es sich nehmen lassen wird, jeden Kandidaten für die Vizepräsidentschaft eines Landtages der anderen Parteien abzulehnen und gegebenenfalls Mechanismen in der Geschäftsordnung eines Landtages noch vor der offiziellen Konstituierung zu beseitigen?
Mit einer Analyse der Corona-Maßnahmen will ich gar nicht erst beginnen.
Wir leben halt in einer Welt, in der unsere Narrative immer stärker mit der Wirklichkeit in Konflikt geraten. Gleichzeitig steht Deutschland erheblich unter wirtschaftlichem Druck. Die politischen Gruppen, die die Macht innehaben, flüchten sich immer tiefer in die Narrative und postulieren sich eine moralische Überlegenheit („Haltung zeigen“). Dem gegenüber steht dann eine Gruppe, die zwar an vielen Stellen die Diskrepanz adressiert, bei einer Übernahme des Ladens die ganze Sache hier dann aber doch eher unschön (gelinde gesagt) umbauen will.
Insgesamt schlechte Zeiten für alle diejenigen, die klassisch liberal eingestellt sind.