Ein Schritt in die richtige Richtung?

Der am 1. September in Kraft getretene 10. Rundfunkstaatsvertrag beauftragt die Landesmedienanstalten, eine Gewinnspielsatzung für Fernsehen und Radio zu erlassen, mit der Verbraucher künftig besser geschützt werden sollen, beispielsweise vor den Abzocker-Methoden in Call-In-Shows. Schon im Juli wurden erste Einzelheiten zu den geplanten Neuregelungen bekannt, die Sendern wie 9live wesentliche Elemente ihrer Geschäftsgrundlage entziehen könnten (wunschliste.de berichtete).

Nun hat die Kommission für Zulassung und Aufsicht (ZAK) der Landesmedienanstalten die Regeln für Gewinnspiele im Fernsehen und im Radio vorgestellt. Bei Verstößen drohen den TV- und Radioveranstaltern zukünftig Geldbußen von bis zu 500.000 Euro. „Mit dem Entwurf der Gewinnspielsatzung wollen wir schwarzen Schafen einen Riegel vorschieben, die mit zum Teil unseriösen Methoden den Verbrauchern das Geld aus der Tasche ziehen. Gleichzeitig sollen aber Gewinnspiele im Radio und Fernsehen nach wie vor möglich sein“, so der ZAK-Vorsitzende Thomas Langheinrich.

Besseren Schutz sollen vor allem Kinder und Jugendliche erhalten. Sie dürfen zukünftig in der Regel nicht mehr an Gewinnspielen teilnehmen. Gewinnspiele und Gewinnspielsendungen, die sich direkt an Minderjährige richten, sollen ganz untersagt werden. Ausgenommen sind dabei Gewinnspiele, bei denen nur die reinen Telefonkosten in Rechnung gestellt werden. Eine generelle Veröffentlichung der Teilnahmebedingungen und Spielregeln soll für mehr Transparenz sorgen. Ebenso soll eine übermäßige Mehrfachteilnahme der Mitspieler unter anderem durch Kostenbegrenzung verhindert werden. Eingeführt wird außerdem eine verschärfte Informationspflicht der Teilnehmer über Gewinnchancen und weitreichende Auskunfts- und Vorlageverpflichtungen der Veranstalter gegenüber den zuständigen Aufsichtsbehörden.

TV- und Radioveranstalter sowie deren Verbände können zu diesem Entwurf in den kommenden Wochen noch Stellung beziehen. Voraussichtlich noch in diesem Jahr soll der Entwurf dann abschließend beraten und verabschiedet werden.

Quelle: http://www.wunschliste.de/index.pl?news&newsid=3829

Besonders den vorletzten Absatz find ich interessant. ^^

„Ebenso soll eine übermäßige Mehrfachteilnahme der Mitspieler unter anderem durch Kostenbegrenzung verhindert werden. Eingeführt wird außerdem eine verschärfte Informationspflicht der Teilnehmer über Gewinnchancen und weitreichende Auskunfts- und Vorlageverpflichtungen der Veranstalter gegenüber den zuständigen Aufsichtsbehörden.“

:smt007

Denken sie dran, jeder Anrufer hat nur 10x die Chance durchzukommen, wobei die Chance die richtige Leitung zu treffen, geringer ist, als im Lotte zu gewinnen! Also rufen sie an!!!

:ugly

lg
Nico

Nun …

… dann gucken wir uns das doch mal genau an:

[1] Ok,… alles andere wäre auch unsinnig.

[2] Aha. Was allerdings in diesem Zusammenhang Transparenz bedeutet, bzw. wie der Teilnehmerschutz umgesetzt werden soll, darüber schweigt sich §8a ff aus. In der „Begründung zum Zehnten Staatsvertrag zur Änderung rundfunkrechtlicher Staatsverträge“ finden wir auf Seite 4 (zu Nummer 4):

… Zu einer Konkretisierung dieser Bestimmungen müssen die Landesmedienanstalten gemäß § 46 Satz 1 für private Veranstalter Satzungen oder Richtlinien erlassen, …

„Satzungen oder Richtlinien“ … sind nicht gerade explizite rechtliche Regelwerke.

[3] Das sie nicht irreführen dürfen ist logisch,… aber was sind bitte die „… Interessen der Teilnehmer“? Wenn ich da anrufe, dann habe ich das Interesse dort zu gewinnen, bzw. teilzunehmen. Wenn ich an einem Gewinnspiel teilnehme, dessen Auflösung so hahnebüchen ist, das ich das Wort nicht im Duden finde oder via google im ganzen Netz, dann ist das aber mithin noch keine Täuschung. Das ist das Problem.

Als Beispiel: Jeder von Euch kennt Scrabble. Und jeder von Euch kennt die Situation, das jemand ein Wort legt und die ganze Runde entrüstet aufschreit: „Dat jibbet nich!“ Und schon geht die Diskussion los. Der vermeintliche Be.trüger versucht sein Wort in allen erreichbaren Nachschlagewerken zu finden um sich zu rehabilitieren. Findet er’s nicht, dann heisst das aber noch nicht, das es das Wort wirklich nicht gibt. Also muß man von vorneherein festlegen, welches Nachschlagewerk alleine Gültigkeit hat.

Bei einigen Gewinnspielen stehen dort (nach dem Abreissen der Kärtchen) z.B. Berufe, von denen noch keiner was gehört hat. Theoretisch müsste der Sender jetzt nachweisen, das sie wirklich existent sind. Und wenn dieser Beruf in einem Handelsregister der südlichen Jungferninseln auftaucht, dann ist er existent. Soweit klar?

[4] Und das wird bereits getan. Ich weiß, das jeder Anruf 0,50€ kostet, ich weiß, das ich durchkommen muß und ich weiß, welche Aufgabe ich zu lösen habe. Das einzige Problem, was hierbei existiert ist der Umstand, das ich nicht weiß, nach welchem Prinzip das „Durchkommen“ geregelt ist. Nach den Ankündigungen auf dem Bildschirm reglementiert das Ganze ein Zufallsprinzip,… durch einige Versprecher der Moderatoren wissen wir aber, das das Ganze von Menschen gesteuert wird.

Bei unserer Lottofee Karin Tietze-Ludwig stand immer ein „notarieller Aufsichtsbeamter“ mit im Studio. Warum reglementiert der Rundfunkstaatsvertrag nicht eben genau diese Aufsichtspflicht durch einen Notar?

Stattdessen wird in §46 RStV das ganze auf die Länder runterdividiert. Das bedeutet im Klartext, das jedes Landesparlament eigene „Satzungen oder Richtlinien“ festlegen kann.

Diese Neuregelung des RStV ist IMHO nur Schaumschlägerei und stellt die entsprechenden Sender nicht wirklich vor ein grosses Problem.

Eine interessante Betrachtungsweise findet sich hier:„Hot Button und kühle Kalkulation“ - Eine Betrachtung von Dr. Matthias Kurp, Medienforscher und freier Journalist (20. medienforum nrw, Köln, Rheinparkhalle)

Aus dieser Betrachtung von 2006 lässt sich entnehmen, das der Verbraucher mittlerweile aufgewacht zu sein scheint, da die anfänglichen Einnahmen aus den TV-Gewinnspielen extrem rückläufig sind. Diese Erkenntnis unter den Nutzern ist für mich das probateste Mittel, diese Sendungen aussterben zu lassen, denn wo kein Markt, da kein Anbieter. :mrgreen:

In der angesprochenen EUGH Entscheidung vom 18.10.2007 kommt der Europäische Gerichtshof nur zu der Einschätzung, das eine Wertung als „Teleshopping“ nur dann wirksam erfolgen kann, wenn in diesem Gewinnspiel Produkte aus Werbungen des Senders angeboten werden, bzw. die Gewinnspiele einen Eigenwerbungscharakter aufweisen … was ziemlich schwer nachzuweisen ist.

Auweia, wenn deutsche Institutionen versuchen, Richtlinien zu verfassen…

Aber mal von vorne:

Besseren Schutz sollen vor allem Kinder und Jugendliche erhalten. Sie dürfen zukünftig in der Regel nicht mehr an Gewinnspielen teilnehmen.

Minderjährige durften auch bisher nicht an Call-in Spielen teilnehmen. Grundsätzlich muß der Sender aber davon ausgehen können, daß der Anrufer volljährig ist, da nur volljährige Personen in Deutschland einen Telefonanschluß bekommen. Für die Anrufe, die dann von einem Telefonanschluß geführt werden, ist der Anschlußinhaber verantwortlich, und auch er muß die Rechnung bezahlen. Es muß also nur noch verhindert werden, daß Minderjährige evtl. aus öffentlichen Telefonzellen anrufen, indem man einfach diese Nummern dort sperrt.

Gewinnspiele und Gewinnspielsendungen, die sich direkt an Minderjährige richten, sollen ganz untersagt werden.

Ganz untersagt werden? Also auch keine Postkarte mehr an den Tigerentenclub schreiben, oder wie?

Ausgenommen sind dabei Gewinnspiele, bei denen nur die reinen Telefonkosten in Rechnung gestellt werden.

Was soll denn jetzt diese Ausnahme? Und was bitte sind reine Telefonkosten? Wenn ich bei Hornauer einen 30,-Euro Anruf tätige, zahle ich nur die Telefonkosten. Diese betragen bei Hornauer halt 30,-Euro, bei 9live 50 Cent und woanders geht es zum Ortstarif.
Wo ist denn das Problem, für Gewinnspiele für Minderjährige nur gebührenfreie Nummern zu erlauben? Oder noch besser: Gewinnspiele für Minderjährige ohne Ausnahmen zu verbieten. Denn wie ich schon oben sagte: Minderjährige haben eh kein Telefon.

Ebenso soll eine übermäßige Mehrfachteilnahme der Mitspieler unter anderem durch Kostenbegrenzung verhindert werden

Wie soll das bitte gehen?

Eingeführt wird außerdem eine verschärfte Informationspflicht der Teilnehmer über Gewinnchancen und weitreichende Auskunfts- und Vorlageverpflichtungen der Veranstalter gegenüber den zuständigen Aufsichtsbehörden

9live hat schon im Alida-Peaksfall glaubhaft machen können, daß bei ihnen alles regelkonform abläuft. Warum sollte sich das in Zukunft ändern? Oder muß jetzt für jedes Spiel ein Antragsformular ähnlich den Visaformularen zur Einreise in die USA ausgefüllt werden, wo dann Fragen drinstehen wie

  1. Haben Sie vor, zu bescheißen?
    Ja
    Nein

  2. Läuf die Teilnehmerauswahl per Zufallsgenerator?
    Ja
    Nein

3…

Das würde in der Tat nur mit einem ständig anwesenden Notar funktionieren.

Wie gesagt, wenn deutsche sich was ausdenken…
Ein Schritt in die richtige Richtung?
Eher ein weiterer Beweis für die Überforderung der Landesmedienanstalten.
Nichts weiter als heiße Luft.