"Was du nicht siehst" - Versuch einer Filmkritik

Interessenhalber hab ich heut den Film “Was du nicht siehst” (13.4.12 21:40) auf ARTE geschaut.
Arte hat ja tendentiell meist ganz gute Filme und nun gut, auf Privatsendern wäre dieser Film natürlich nicht gelaufen. Trotzdem fand ich ihn schlecht.

Erklärung des Plots mit Spoilern:
[spoiler]Der 17-jährige Anton fährt mit Mutti und Stiefvater + dessen Hund in den Urlaub in die Bretagne. Das Haus hat mich permanent an das Haus von “Der Ghostwriter” von Pulanski erinnert. “Stilvoll” eingerichtet, die Wände sind natürlich alles nur Fenster, luxuriöse Ausstattung und so ein shit. Bald trifft der kleine Anton auf den so mysteriösen und sehr gerne mal gewalttätigen Hansi [Name von der Redaktion verändert, srsly der hatte so wenig Profil ich kann mich an seinen Namen nicht mehr erinnern]. Hansi zieht mit Anton ein wenig rum und dann haut Anton auch ma wieder ab und geht nach Haus.

Da schweigt er sich hübsch aus wo er war und erklärt irgendwann nur “Am Strand”. Am nächsten Tag trifft er Hansi, der in der Nachbarwohnung lebt, an dessen Pool, der voller Blätter ist, wo gerade ein hübsches Mädchen taucht und rauskommt. Hansi bemerkt Anton und sagt ihm er solle rauskommen. Das mädchen, Katja [Name der Redaktion wegen hübscher Oberweite im Kopf geblieben] findet Anton erstma gar nich so töfte, aber dann ziehn se trotzdem ne Weile rum, albern im Wald an nem See rum und Anton kommt ganz schmuddelich nach Hause. Da will seine Mutti ihn dann mit dem Gartenschlauch abspritzen, was in einer halb-sexuellen Szene mit dem Gartenschlauch zwischen Anton, Muddi und Paul, dem Stiefvater endet. Paul und Muddi machen übrigens nen “Wir frischen unsere Beziehung auf”-Urlaub, weswegen Muddi, typisch deutscher Film, natürlich ganz melancholisch dauernd in Rotwein versinkt, aber das mit den beiden wird erstmal doch noch was.

Anton macht sich dann am nächsten Tag vom Strand mit Katja auf und das ganze knistert ein wenig. Dann folgt ne Menge unwichtiger Nonsense-Shit, Hansi erwischt die beiden natürlich als sie sich in Antons Haus schleicht und ein wenig mit ihm rummacht und zieht Katja dann an sich und küsst sie leidenschaftlich. In der selben Nacht schleicht Anton sich zu Katjas und Hansis Haus, trifft dort allerdings nur Hansi, der ihm dann erzählt, dass Katja seine Schwester ist und dass ihre Eltern in einem Urlaub in Norwegen gestorben seien; sie hätten Katja und Hansi immer in der Bretagne mit Geld abgeladen und wären dann selbst in den Norden gefahren. Am nächsten Tag trifft Anton Katja am Strand und erzählt ihr, Hansi habe ihr alles erzählt, mit dem Unfall und so, sie fragt aber nur “Welcher Unfall? … Komm lass uns schwimmen gehen” und der geile Anton macht natürlich mit. Muddi und Paul ham sich natürlich auch schon wieder vertragen und vögeln des nachts ein wenig rum, Anton schaut von draußen durch die Glaswände zu (wer hat denn bitte Glaswände) und Katja kommt an und quatscht etwas erotisch, wie es wäre wenn Anton der Mann und Katja die Frau wären. Dann gehts ein wenig weiter, Anton trifft Hansi, der ihn bittet, ihn bei einem Problem zu helfen.
Sie gehen zu Hansi, der den Hund in der Garage hat, mit Schaum vorm Mund, am Boden, zuckend. Hansi will ihn von seinem Leid erlösen, Pünktchen will Hilfe holen, aber Hansi sagt das geht nicht. Naja, geht halt nicht. Hansi kann ihn nicht töten, also soll Anton das machen, der will aber nicht. Also macht Hansi dann doch. Anton erklärt ihn für verrückt, das gefällt Hansi aber nicht. Auftritt Katja, Anton zieht Leine und Katja ist pissed auf Hansi.

Währenddessen macht Stiefpappi Paul sich Sorgen um den Hund (der hieß Lumo, was n Scheißname) und am nächsten Tag machen sie einen Familienausflug, Hund suchen. Paul hatte währenddessen schon Muddi gefragt ob sie nich zusammenziehen wollen, Muddi fragt Anton ob das okay geht und Anton sagt wie immer irgendwas apathisches. Am Abend sagt Anton dann zu Paul, dass Lumo nicht mehr auftauchen wird und Paul rennt nach draußen, weil er ein Geräusch gehört hat, sieht Lumos Ball im Nachbargarten liegen und geht in die Garage, kommt dann mit der Tatwaffe, einer komischen Gartenstatue, die eigentlich ihnen gehört, wieder raus und ist wütend auf Anton. Er schubst ihn weg, als dieser ihn umarmen will, und kann das ganze so gar nicht fassen. [Mir war nach 10 Minuten vom Film klar, dass der Hund draufgeht, also weiß ich nicht, warum er so überrascht war] Daraufhin denkt Anton sich “Ach leck mich doch” und erschlägt Paul mit der Statue. Danach brennt er mit Katja durch und sie erfüllen sich ihren Wunsch und vögeln im Wald. Er wacht nackich und allein am nächsten Morgen wieder auf und sieht Katja und Hansi an einer Straße stehen, ein eingangs gezeigter, umweltverpestender Schwertransporter fährt an den beiden vorbei und - ZOMG die beiden sind verschwunden.
Anton denkt also “Ha, nur n Traum” und rennt nach Hause, aber findet Paul dann leider doch im Nachbarpool, tot. Die Polizei erklärt das dann für einen Unfall weil besoffen in den Pool gefallen und am nächsten Tag fahren Muddi und apathischer Anton nach Hause, nicht ohne dass Anton nochmal aufs Nachbargrundstück geht und die eigentlichen Besitzer mit ihren beiden Kindern sieht (nach deren Angaben das Haus gar nicht vermietet war) und er Hansi und Katja im Alter von ca. 10 jahren sieht. Daraufhin fahren Anton und Muddi wech. Ende gelände, schluss aus, Applaus nach Haus.

Disclaimer: Ja der Bubi hieß wirklich Anton. Ich habe sehr gelacht, wer nennt denn sein Kind Anton[/spoiler]

So, jetzt zu meiner Kritik. Achtung, ebenfalls Spoilergefahr:
Dass Katja und Hansi nur von Anton wahrgenommen wurden, hatte man eigentlich recht schnell raus, auch weil er sich beharrlich über die beiden gegenüber seinen Eltern ausschwieg. Die Charaktere waren durchweg mehr oder minder platt und am meisten Mitgefühl hatte ich, als der arme Hund gestorben ist.
Außerdem: Der Regisseur hat hier das ödipale Element dieser jugendlichen Teenage-Liebe zwischen Katja und Anton mehr oder minder mit dem Holzhammer durchgekloppt, v.A. in der Szene als Antons Eltern vögeln und Katja ihm vorschlägt wie es wäre, wenn sie beide das vögelnde Päärchen werden.
Nächstes: Antons Vater hatte Selbstmord begangen vor ein paar Jahren. Angeblich sind Muddi und er noch so sehr davon ergriffen, davon merk ich aber nix. Dabei soll das eigentlich so wichtig sein.
Dann die Szene wo er den Stiefvater tötet: Auch mal wieder total ödipal und vollkommen überzogen. Der einzige Grund warum er nicht sagen konnte “Das war der Hansi” ist wohl, dass es die beiden nicht wirklich gab. Er selbst muss also wohl auch den Hund umgebracht haben, aus Rache an Paul, weil er ihm die Mutter wegnehmen will. Zwischen Mutter und Sohn besteht im Film ein recht intensives Verhältnis, das fängt schon bei dem “Zieh dein T-Shirt aus jetzt spritz ich dich mit dem Gartenschlauch ab” an, wo er ihr dann den Schlauch wegnimmt, und sie bespritzt, aber sich der Paul einmischt, weil es seine Aufgabe ist, die Muddi zu bespritzen. Mag Klein-Anton natürlich gar nicht.

Auch von Hansi und Katja hatte ich den Eindruck, dass das da leicht ödipal war; Katja als Muddiersatz und Hansi als der angsteinflösende Vaddi, den Anton möglichst vermeidet und sich direkt an Katja ranmacht.
Tja, und am Schluss hat Anton dann natürlich trotzdem die Mutti für sich. Ich habe irgendwo in Kritiken gelesen, dass werfe auch ein komisches Licht auf den nicht natürlichen Tod (Selbstmord) des Vaters, aber naja…das halte ich persönlich für überzogen, auch wenn Anton denke ich dann natürlich trotzdem die Mutter für sich hat und nicht bereit ist sie an Paul abzugeben.

Das ganze ist recht inkonsistent gehalten und nicht logisch stringent, sondern eher nach dem Motto “MOAR ÖDIPUS”. In typisch deutscher Manier waren mal wieder die wichtigsten Klischees vertreten: Mutter mit Midlife-Crisis und viel Rotwein, ängstlicher, introvertierter Teenager ohne Liebeserfahrung und das selbstbewusste Mädchen, dass ihm die Erfahrung gibt, entweder Kreuzberg oder Idylle wie auf Sylt und ein Holzhammer, mit dem man das dem Zuschauer reinkloppt.

Hat noch jemand den Film geschaut? Fandet ihr ihn gut oder eher weniger? Ich hatte mir leider mehr erhofft, andererseits war ich nicht überrascht, dass er mich nicht umgehaun hat. Der Film war vorhersehbar, wie gesagt, mir war klar, dass der Hund sterben musste und es war auch relativ fix klar, dass Katja und Hansi doch nicht so real waren. Und noch einiges weiteres.

So, das war jetzt ma n langer Post, bis denn.

Edit: Hoppala, da war ich wohl schon ein wenig übermüdet, als ich den Post verfasst hab. Ja, es heisst “Was du nicht siehst” - Danke für die Verbesserung. :smt006

Kann das sein, dass du den Film “Was du nicht siehst” meinst?

Ich finde allgemein, dass sich das Filmangebot bei arte sehr verschlechtert hat. Das fällt mir gerade in den letzten Monaten sehr auf. Ständig kommen um 14.45 Uhr irgendwelche deutschen bzw. französischen TV-Filme, das Gleiche sehr oft zur Primetime. Und das scheinen mir meist Werke zu sein, die leicht über dem ARD-Durchschnittsfilm stehen, für ARD also wahrscheinlich schon zu anspruchsvoll sind. Aber vielleicht sind die ja wirklich gut, wer weiß. Nur hat arte vor paar Monaten noch deutlich mehr Klassiker oder Erstausstrahlungen von Festivalfilmen im Programm gehabt. War da nicht auch irgendetwas mit einer Nachricht, dass arte sein Programm etwas “zugänglicher” machen wollte?

Also nach dem Pressespiegel auf film-zeit.de ist der Film allgemein nicht schlecht weggekommen:

Das mit dem “ARTE zugänglicher machen” hab ich auch gelesen, war allerdings glaube ich eher auf Doku-Filme bezogen.
Ich möchte auch gar nicht so kritisieren, dass ARTE ihn gezeigt hat, sondern vielmehr den Film an sich. Später letzte Nacht lief noch die Wiederholung von “Boy A”, der Film wiederum hat mir super gefallen. War aber eben auch handwerklich etc. vollkommen anderes, ein britischer Film eben.

Spoilerwarnung again:

Ich weiß nicht was das soll, v.a. in Rezensionen zu “Was du nicht siehst” lese ich dauernd, dass dann am Ende das dunkle Geheimnis von Anton offen gelegt wird, auch in Kritiken, die alles durchspoilern was nur geht.
Ja, dann nennt das Kind dann mal beim Namen? Soll Anton jetzt seinen biologischen Vater ebenfalls umgebracht haben, soll das sein dunkles Geheimnis gewesen sein? Halte ich persönlich für filminhärent unlogisch, aber das wurde durch den Film durch das ganze Ödipus-Ding mehr als Nahe gelegt, seinen Stiefvater hat er ja auch umgelegt, ohne drüber zu diskuttieren.
Zu diesen Schlüssen bin ich übrigens 5 Minuten nach Schauen des Films gekommen und die haben sich bis jetzt gehalten. Zu langzeitiger oder auch nur mittelfristiger Überlegung reicht dieser Film nicht wirklich. Handwerklich war der Film meiner Ansicht nach auch total generisch.
Die Handlung war - wie gesagt - meiner Ansicht nach total vorhersehbar, wie z.B. dass der Hund sterben muss etc.
Dass ich mit der Meinung durchaus mal in der Minderheit bin ist nichts neues, ich fand “Eine Karte der Klänge von Tokio”, der letztens auf zdfkultur lief, voll super, aber die gängige Meinung zu dem Film ist leider eher “Meh”. Versteh ich gar nicht. ^^

Also, joa. Die Kritik richtete sich eigentlich nicht so an ARTE selbst, es war eher der Versuch einer Kritik des Films.