Ungarns rotes Schlämmleschwemmle

Man hat ja schon öfters katastrophale Unfälle medial ‘erlebt’ und damit verbunden die äußerst interessante Darstellung durch die [durchgestrichen ;)]Verursacher[ab hier nich mehr] Verantwortlichen.

Auf der Internetpräsenz des Aluminiumherstellers MAL (eine Aktiengesellschaft), dessen Schlammtank da geborsten ist, lässt sich eine Beileidsbekundung lesen, die sicherlich im Kern ernst gemeint ist, durch das Wort ‘Naturkatastrophe’ aber schon einen seltsamen Beigeschmack bekommt. Über die lieblose deutsche Übersetzung braucht man sich angesichts der restlichen Präsenz nicht wundern.

http://deutsch.mal.hu/Engine.aspx

Faszinierend auch, dass in der ersten Pressemeldung noch von Umweltkatastrophe die Rede ist, im Text dann aber darauf hingewiesen wird, der Schlamm wäre völlig harmlos.

Wenn man sich dann unter Berücksichtigung des Ergebnisses der Schlammanalysen mit bedenklichen Mengen toxischer Stoffe (Arsen, Quecksilber, Chrom und Natronlauge) die EU Vorgaben anschaut, ist die Einstufung als 010309, also ungiftiger Rotschlamm, wohl eher nicht gerechtfertigt.

Kein Spoiler, nur zusätzliches
[spoiler]Dort ist in den Listen und Bestimmungen (siehe nachfolgende Links) ausdrücklich erwähnt, ab wann etwas als gefährlicher Abfall gilt. Insbesondere die giftigen Bestandteile in erhöhten Mengen, die auch eine Umweltschädigung zur Folge haben, machen den Schlamm zu giftigem Abfall. Wird so etwas ohne Analyse eingestuft, weil man annimmt der Hersteller würde schon nicht flunkern? War hier Rotschlamm gleich Rotschlamm und das dann Grundlage für die Angaben in der Pressemeldung bezüglich der Inhaltsstoffe?

European Waste Catalogue, Seite 14:
http://www.environ.ie/en/Publications/E … 343,en.pdf

Zusatzbestimmung, hier besonders Annex III (wie im EWC auf Seite 9 referenziert):
http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/Lex … 89:EN:HTML

Bestimmt gibt es noch irgendwo hinter den sieben Bergen (Brüssel) eine andere Verordnung, weshalb es doch kein Giftabfall ist (ich werde jedenfalls meine Zeit für diese Recherche nicht weiter opfern). Was spielt es auch für eine Rolle? Für die späteren Krankheitsfälle oder toten Tiere ändert sich vermutlich nichts, ob man den Mist nun Giftabfall oder Rotschlamm nennt…[/spoiler]

Angeblich wurde durch die anhaltenden Regenfälle die tonhaltige Erde so aufgeweicht, dass der Schlammspeicher brach. Hatte man das Fundament vergessen oder handelte es sich sowieso nur um ein naturähnliches Rückhaltebecken? War es zuviel verlangt einen Damm aufzuschütten um das bestehende Dorf im Falle eines Falles zu schützen? Man wusste doch von der tonhaltigen Erde, sonst gäbe es die Industrie an dieser Stelle ja gar nicht…

Zum Thema Schadensbeseitigung – Wie wollen die den Schaden denn jetzt noch aufhalten? Mit ihrem Fond aus 200.000 EUR das gesamte Erdreich samt Grundwasser von Schwermetallen befreien UND die Opfer entschädigen? Ich bin gespannt auf die (Des-)Informationskommission, die in der letzten Pressemeldung angekündigt wird und darauf, ob der nahe Balaton wohl demnächst komplett umkippt.

PS: Aufklappbereich(erung) wäre schicker als der Spoilermurks, den ich da angerichtet habe. Man möge es mir nachsehen. (Kann man das einbauen?)

Neue Pressemitteilungen – In der Einen wird die enorme Relevanz der MAL AG für Ungarn und den Weltmarkt erklärt, in der Anderen dann nochmals Beileid ausgeschüttet und in Aussicht gestellt, dass neben der MAL AG auch andere Verantwortliche gesucht werden. Das Unternehmen sei zu 100% in ungarischem Privateigentum. Die Tonerdeproduktion finde nur in Ajka statt, die drohende Abkühlung der Fabrik durch den Stillstand könnte diese unbrauchbar machen und dies habe somit Auswirkungen auf unzählige Arbeitsplätze.

Im Klartext: Anstatt sich darum zu kümmern, dass die verursachten Umweltschäden mit aller Kraft beseitigt und die Opfer bestmöglich entschädigt werden, bemüht man sich offenbar um Wiederaufnahme der Produktion während der Schadensbeseitigung und kaschiert das dreist mit einer neuen Pressemeldung in Form einer Beileidsbekundung und “Entschuldigung”, die aber schon andeutet, man wolle die Verantwortung nur zu gern mit Anderen teilen…

Da war wohl die Bemühung der (Des-)Informationskommission äußerst erfolgreich, sie hat aber sicherlich schon vorher bestanden, so war doch das Werk in Ajka dazu gedacht “mit der Ausschöpfung der Human-Ressourcen und bei maximaler Einhaltung der Umweltvorschriften ihre Marktposition im mitteleuropäischen Raum weiter zu verstärken”. Ein Politiker könnte nun sagen, da hätte es maximalster Einhaltung bedurft (das ist der Euphemi-Hyperlativ, den es erst seit einigen Jahren in der Deutschen Sprache gibt, also die rhetorische Steigerung des Superlativ :smt017 ).

Weiß eigentlich jemand, was man mit diesem Speicherbecken vorhatte? Füllen, bis nix mehr reinpasst und dann gehts weiter in das nächste? Hatte man vor, diesen riesigen Speicher irgendwann noch mal zu beseitigen oder zu leeren oder die giftigen offenliegenden Substanzen zu “recyceln”?

Man verwendet diese speicher um das Bauxid zu lösen.
Anschließend wird das rote Eisenoxid, das den Schlamm rot färbt, herausgefiltert.
Danach wird mit weiteren Prozessen die am anfang zugeführte Natronlage und die im Bauxid enthaltenen Giftstoffen
entfernt und das übrigbleibende Allimuniumoxid wird geschmolzen wodurch wieder reines Alluminium entsteht.
Wie genau die Giftstoffe entfernt werden weiß ich nicht.

Weitere Informationen gibt es auch in den entsprechenden Wikipedia Artikeln.

Aluminium
Bauxit
Bayer-Verfahren
Rotschlamm
Kolontár-Dammbruch

Der Speicher selbst dürfte nur zur Lagerung gedient haben, da es schwierig sein dürfte, in dieser Größenordnung und unter freiem Himmel die ausgefällten Aluminiumbestandteile zwischen den Eisenoxidbestandteilen herauszusuchen. Soweit ich es verstanden habe, war das bereits eine Deponie für das Abfallprodukt Rotschlamm und nicht Teil des Produktionsprozesses selbst.

@Tear: Nach Wikipedia wird die Natronlauge unschädlich gemacht / entfernt und dann das ganze abgedeckt. Von den Giftstoffen hat man ja angeblich nichts gewusst. Die Lektüre des Katastrophen Artikels ist abenteuerlich und man entdeckt viele äußerst beunruhigende Dinge. Nicht nur, dass die Produktion wieder läuft und jeder Geschädigte 350 EUR Entschädigung bekommen hat (die Versicherungssumme der Firma ist ein Witz), nein in Zukunft darf die Firma weiter Selbstkontrolle ihrer Deponien betreiben. Das Unternehmen ist zwar mit 4% an der Weltproduktion von Aluminium beteiligt und deshalb viel zu wichtig um geschlossen zu werden, aber genug Geld für die Entschädigung von Opfern der eigenen Fehler sowie eine angemessene Versicherung war offensichtlich zuviel verlangt.

Es reihe sich ein in die Kette schlimmer Chemieunglücke, deren Opfer nichts zählen, deren Bereinigung viel zu viel Geld kostet und aus denen niemand ernsthaft etwas lernen will, solange man weit genug davon weg (und mitunter im verglasten Großstadthochhaus fröhlich beim Milliardenzählen) sitzt.

The Yes Men Fix The World - P2P Edition

@Orin: Danke für den Versuch der Erklärung. Kleine Anregung, ungeachtet des Inhalts:
Man verwendet diese Speicher, um das Bauxit zu lösen.
Anschließend wird das rote Eisenoxid, das den Schlamm rot färbt, herausgefiltert.
Danach wird mit weiteren Prozessen die am Anfang zugeführte Natronlauge und die im Bauxit enthaltenen Giftstoffe [-]n[/-]
entfernt und das übrigbleibende Al [-]li[/-] umuniumoxid wird geschmolzen, wodurch wieder reines Al [-]l[/-] uminium entsteht.
Wie genau die Giftstoffe entfernt werden, weiß ich nicht.

HBBK…? :smt017

Danke für die Korektur.
HBBK ist die Schule an der ich bin.
Dort mach ich eine schulische Ausbildung zum chemisch-technischen Assistenten
(ansonsten hätte mein Lehrer auch sicher nicht die Grundschritte der Alluminiumgewinnung erklärt)
Das der Rotschlamm da schon das Abfallprodukt war hab ich nicht gewust,
den mein Lehrer nannte die Bauxit Natronlauge gemisch auch Rotschlamm.