"Ratgeber Internet" (ARD)

Hallo zusammen,

seit heute läuft in der ARD die neue Sendung „Ratgeber Internet“. Ich schaue das gerade und leider bestätigen sich meine Befürchtungen: Hier geht’s (— immerhin nicht nur —) um Panikmache und zu allem Überfluss werden falsche oder zumindest bedenkliche Informationen und Tipps verbreitet.
Dazu dann noch Einspieler, in denen ein gewisser „Internetanwalt“ sein Bestes gibt. Insbesondere das wirkt leider furchtbar gestellt und aufgesetzt — wenngleich ich nicht bestreiten möchte, dass die dort gezeigten Fälle „echt“ sind.

Das Zielpublikum wird das ohnehin alles brav schlucken, denn die Sendung zielt wohl auf unbedarfte Internetnutzer ab. Und wie sollen diese die Qualität der erhaltenen Infos einschätzen können?

Einen Beitrag wäre der neue „Ratgeber Internet“ in meinen Augen jedenfalls wert.
Ich kann den auch gern in Form eines Gastbeitrages beisteuern. :wink:

Beste Grüße
Patrick

Kannst du ein Beispiel geben? Also für „Panikmache und falsche oder zumindest bedenkliche Informationen und Tipps“ ?
Würde mich interessieren :slight_smile:

Klar — dann muss ich aber ein wenig ausholen. :wink:

Ein Thema der ersten Sendung war „WLAN-Sicherheit“, wobei dann doch mehr von „Offenen Netzwerken“ die Rede war.
Die Problematik wurde anhand von zwei Fällen gezeigt:

Fall 1:
Es geht um eine Dame, die des öfteren in Internet-Cafés unterwegs sei. Eines Tages sei sie in einem solchen Internet-Café bei eBay unterwegs gewesen (sie hätte sich dort eingeloggt, sich ein wenig umgeschaut und auch wieder ausgeloggt). Einige Tage später hätte sie dann erfahren, dass sie einen Ferrari, eine Yacht, ein Ferienhaus und eine Dampfturbine (interessante Kombination :lol: ) ersteigert hätte — Gesamtwert: 4,5 Millionen Euro.

Man wollte damit davor warnen, dass im Internet-Café einer hinter einem stehen und Daten mitlesen könnte oder aber der Café-Betreiber selber die Daten „mitliest“. (Zumindest habe ich das so verstanden.)
Ich könnte mir gut vorstellen, dass einige Personen jetzt von Internet-Cafés ganz die Finger lassen werden. Und das, obwohl die Wahrscheinlichkeit, dass der Betreiber des Cafés die Daten mitlesen kann erstens (insbesondere bei Geschäften wie Banküberweisungen) i. d. R. technisch nicht ohne weiteres machbar ist (Stichwort: SSL) und zweitens die Gefahr, dass jemand hinter einem steht und die Daten mitliest genauso groß ist wie bei einem Geldautomaten.

Aus dem Beitrag geht (wenn ich mich richtig entsinne) auch nicht hervor, wie die arme Dame letztendlich übers Ohr gehauen wurde. Was sollte mit diesem Fall also ausgedrückt werden? Finger weg von Internet-Cafès?

Fall 2:
Ein paar Krawattenträger (= unheimlich wichtige Menschen) treffen sich in einem Besprechungsraum eines Hotels. Dort hampeln sie auf ihrem Notebooks mit (extrem) vertraulichen Daten herum.

Dann gehen sie auf ihre Hotelzimmer zurück und möchten dort mit ihren Laptops (auf den die extrem vertraulichen Daten liegen) ins Internet gehen. Der ursprünglich dafür vorgesehene UMTS-Stick funktioniert nicht, also schauen sie sich mal die kabellosen Netze in der Umgebung an.

Und jetzt kommt’s:

Der Typ wählt sich dann in ein unverschlüsseltes Netz ein. Dieses Netzwerk hieß genauso wie das des Hotels, weshalb er einfach so blauäugig war und sich eben dort einwählte.
Es kam dann heraus, dass im Nachbarzimmer ein „Hacker“ (Originalwortlaut) saß, der dieses Netzwerk erstellt und dann (Zitat) „die Daten von dem Rechner abgesaugt“ hatte.

Später wird dann (sinngemäß) gesagt, dass das Hotel-WLAN ja offen sein müsste, weil es sonst zu umständlich sei, darauf zuzugreifen. (Was zunächst mal nachvollziehbar ist.)
Weiter wurde gesagt, dass der Typ sich hätte informieren sollen, welches das richtige Netz des Hotels ist.

Das Problem:
Auch wenn er sich in das richtige WLAN eingewählt hätte, so hätte dies nicht wesentlich mehr Sicherheit gebracht. Denn (in der Annahme, dass das „richtige“ Hotel-WLAN verschlüsselt wäre) hätte man auch den Datenverkehr fremder Netzwerke mitlauschen können.

Soll heißen:
Ob man sich nun in das Fake-Hotel-WLAN einloggt oder in das „echte“ Hotel-WLAN — solange das Netz unverschlüsselt ist, lassen sich Daten stets mitlesen. Dazu muss man auch kein Informatiker sein.

Der Tipp, der gegeben wurde um solche Probleme zu vermeiden, war also relativ sinnlos.

Natürlich ist es schwer, solche komplexen Themen in ein paar Minuten einer unerfahrenen Zielgruppe näher zu bringen. Dennoch sollte man, in meinen Augen, vollständig oder gar nicht berichten.

[…] die Wahrscheinlichkeit, dass der Betreiber des Cafés die Daten mitlesen kann erstens (insbesondere bei Geschäften wie Banküberweisungen) i. d. R. technisch nicht ohne weiteres machbar ist (Stichwort: SSL) […]

Es gibt durchaus Software-Lösungen, mit denen man sich den Bildschirm jedes zum Netzwerk gehörenden PCs (vorausgesetzt die Software ist installiert) auf den Master-PC holen kann - auch ohne, dass die entsprechende Person etwas merkt.
In Verbindung mit einem Keylogger erhält man dann auch das Passwort zum Account.

Ich vermute aber eher, dass die Dame vergessen hat, nach der Abmeldung die Cookies zu löschen und der „Angreifer“ darüber gegangen ist.

Zum zweiten Fall: Hätten sie ihre „wichtigen Unterlagen“ in einen TrueCrypt-Container gepackt, hätte der „pöhse Hacker“ nichts damit anfangen können. Auch sonst gibt es genug Möglichkeiten, die Daten zu schützen (und sei es in der primitivsten Variante auf einem USB-Stick, der nach der Besprechung wieder abgezogen und weggepackt wird). Wenn man sie aber ungeschützt auf dem Laptop liegen lässt und dann noch in ein ungesichertes WLAN geht - ja dann ist einem echt nicht mehr zu helfen.

:smt011 Ich warte wirklich sehnsüchtig auf den Tag, an dem man im Fernsehen informative und neutrale Infos/Tipps zum Thema Computer/Internet bekommt, und keine Panikmache. In dieser Sendung haben wir wieder einmal das gesehen, was man zum Thema Internet sowohl beim ÖR als auch bei den Privaten ständig sieht: Es wird ein “Unfall” genommen, der extrem selten oder so dumm ist, dass er kaum einem Internetnutzer, der noch zehn funktionierende Gehirnzellen hat, jemals passiert. Und dieser “Unfall” wird dann als äußerst häufig und als selbst mit Vorsichtsmaßnahmen fast unvermeidbar dargestellt.
Also, ich persönlich glaube ja, dass die Senderchefs Angst vor Konkurrenz durch das Internet haben - also dass Deutschlands Sofazombies irgendwann nur noch im Internet surfen, anstatt sich wie bisher stundenlang die Rübe vom schlechten Fernsehprogramm weich kochen zu lassen. Darum versucht man, ihnen Computer und Internet auf diese Weise madig zu machen. Anders kann ich mir dieses ständige an Propaganda grenzende Herumgemäkel am Internet wirklich nicht mehr erklären.

zum Hotel-Beispiel: Das finde ich irgendwie merkwürdig. Ich habe schon in einigen Hotels WLAN in Anspruch genommen und bin bisher noch nie über ein unverschlüsseltes offenes Hotel-WLAN gestolpert. Für gewöhnlich bekommt man die dafür notwendigen Daten erst an der Rezeption. Jede andere Lösung wäre mir auch suspekt.

Und ihr habt Recht: Jeder, der sich auch nur ein wenig darum bemüht, seinen Computer sauber zu halten, lebt für gewöhnlich ziemlich sicher (sofern es nicht ein Profi gezielt auf einen abgesehen hat, was aber eher selten vorkommen dürfte). Ärgerlicherweise reagieren viele Betroffene erst, wenn es schon zu spät ist (nachdem sie es jahrelang versäumt haben, den Virenschutz zu aktualisieren, Adblocker zu installieren, Windows upzudaten, etc. etc. ). Hier finde ich solche “Ratgeber” doppelt ärgerlich, da sie suggerieren, dass man ja eh nix dagegen machen kann und dass das böse Internet schuld ist an den eigenen Versäumnissen.

Machts gut,
Andi

P.S. Dass das Fernsehen in erster Linie negativ über das Internet berichtet, liegt meiner Meinung nach einfach daran, dass das Fernsehen das Netz nicht als Chance für die Zukunft, sondern als Gefahr für die Gegenwart betrachtet (die Frage lautet: Warum sollte ich mir ein Programm von einem Kasten vorschreiben lassen, wenn ich mir mit einiger Recherche ein auf mich zugeschnittenes Programm im Internet zusammenstellen kann; ich denke, dass das Fernsehen daran früher oder später zugrunde gehen und die Menschen in Zukunft statt dem Fernseher einen mit dem Netz verbundenen Monitor vor der Couch stehen haben werden; die Mediatheken zeigen eigentlich jetzt schon wunderbar, was theoretisch möglich ist)

zum Hotel-Beispiel: Das finde ich irgendwie merkwürdig. Ich habe schon in einigen Hotels WLAN in Anspruch genommen und bin bisher noch nie über ein unverschlüsseltes offenes Hotel-WLAN gestolpert. Für gewöhnlich bekommt man die dafür notwendigen Daten erst an der Rezeption. […]

Kann ich sofort bestätigen.

Und: Danke Apfelchips :wink:

Es gibt durchaus Software-Lösungen, mit denen man sich den Bildschirm jedes zum Netzwerk gehörenden PCs (vorausgesetzt die Software ist installiert) auf den Master-PC holen kann - auch ohne, dass die entsprechende Person etwas merkt.
In Verbindung mit einem Keylogger erhält man dann auch das Passwort zum Account.

Das stimmt allerdings. Nur verunsichert das den unerfahrenen Zuschauer und Internetnutzer noch mehr.

Man muss aber auch sagen, dass die Sendung kein totaler Reinfall war. Die Aufmachung allgemein war nett und auch einige der Themen waren ganz gut gelungen.

So wurde nach einem Krankheitsbild gegoogelt und überprüft, wie seriös die Seiten sind, auf die man dann trifft — und das, ohne gleich Panik (à la „Was Ihr im Netz lest, ist überhaupt nicht zu gebrauchen“) zu verbreiten.

Dann gibt es noch eine Rubrik, in der Fachbegriffe und Internettrends vorgestellt werden. In der ersten Ausgabe wurde Twitter thematisiert. Das ist im großen und ganzen auch gelungen — finde ich.

Zum Ende hin stellt dann Jörg Schieb, der „Experte“ der Sendung (von dessen fachlicher Kompetenz ich übrigens überzeugt bin), etwas vor, was er persönlich für interessant befindet. Ebenfalls gut gelungen.

Gern. :slight_smile:

Ich habe schon in einigen Hotels WLAN in Anspruch genommen und bin bisher noch nie über ein unverschlüsseltes offenes Hotel-WLAN gestolpert.

Ich schon, allerdings diente es als Grundlage für ein verschlüsseltes VPN und zur Information darüber wie man zu diesem Zugang erhält.

Spiegel Online hat auch über den “Ratgeber Internet” berichtet:
http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,781465,00.html

zum hotelbeispiel:

im nachbarzimmer sass also ein “hacker”?
das heisst also das in allen hotels “hacker” sitzen die den ganzen tag ein fake wlan erstellen,alle daten abgreifen die sie bekommen können und dabei hoffen es seien daten dabei mit denen sie geld machen können?
:ugly

Das ist in der Tat ziemlich hanebüchen, sowas könnte man theoretisch zwar tun aber die Chance damit tatsächlich Erfolg zu haben und noch etwas relevantes abzugreifen dürfte gleich Null sein. Die Wahrscheinlichkeit das die Putzfrau ein Laptop mitgehen lässt ist wahrscheinlich höher.

Ich glaube die Redaktion hat hier einfach einiges durcheinander geschmissen und das „echte“ Hotel WLAN war nicht oder nur ungenügend verschlüsselt (gar keine Verschlüsselung bzw. das veraltete WEP), so das ein „Hacker“ mitlesen konnte. Hier übrigens der angesprochene Beitrag:
http://www.wdr.de/themen/global/webmedi … b=001&ex=2

In der Sendung hieß es sinngemäßg: „Eine Konkurrenz Firma hat einen Hacker beauftragt die Daten zu stehlen. Dieser saß angeblich im Nachbarzimmer.“ Macht die Geschichte zwar nicht weniger ungläubig aber nur der vollständigkeit halber. :wink: