Papst- Filme auf ARD und ARTE

Guten Tag liebe Feinde der televisionären Verwüstung

Mir ist folgendes aufgefallen, als ich heute die Fernsehzeitung, genauer gesagt die TV- Movie, durchblätterte:
Montag (den 1. November) um 20:15 strahlt die ARD den Zweiteler “PIUS XII.” aus. Laut Inhaltsangabe konzentriert sich der Film auf die Zeit, in welcher der Papst tausende italienische Juden nach der Besetzung Roms durch die Wehrmacht mithilfe diplomatischer Mittel gerettet habe.
Die Kritik zu diesem Film fällt mittelmäßig aus, es wird darauf hingewiesen, dass die “weniger heroischen Taten” des Papstes ausgeklammert würden und der Biografie somit einen “faden Beigeschmack” gäben.
Interessanterweise strahlt ARTE am nächsten Tag einen Film aus, der sich mit genau diesen Taten befasst, nämlich “Der Stellvertreter”. In diesem Film wendet sich der Chemiker und SS- Mann Kurt Gerstein, welcher für die Nazis das Mittel Zyklon B, das in den Gaskammern eingesetzt wurde, verbessern soll, an den Papst, um diesen um Hilfe zu bitten, den Mord an den Juden an die Öffentlichkeit zu bringen. Der Papst ignoriert die Meldungen jedoch. Gegen Ende hilft die Katholische Kirche sogar dem KZ- Arzt Joseph Mengele, vor den Alliierten nach Argentinien zu fliehen.
Ich denke, beide Filme sind historisch fragwürdig. “Pius XII” aufgrund oben genannter Gründe, “Der Stellvertreter”, da er Kurt Gerstein, eine historische Person, etwas fragwürdig darstellt.
Interessant ist aber doch schon, wie die Programmplaner dieser beiden öffentlich- rechtlichen Sender vorgegangen sind, zwei so gegensätzliche Filme aufeinander folgend zu zeigen. Durchaus möglich, dass ein historisches Datum oder Ähnliches den Anlass gegeben hat, die Filme auszustrahlen, das weiß ich nicht. Trotzdem ziemlich kurios.

Hmm…zu dem Inhalt der beiden Filme kann man, bevor sie gelaufen sind, noch nicht wirklich was sagen. Besonders Filmkritiken sind ja sehr subjektiv…

Ich glaub nicht, dass das eine besondere Absprache zwischen Arte und ARD war…
Viel eher (siehe dein letzter Satz) dürfte der 09.11. eine Rolle spielen, der ja demnächst wieder vor der Tür steht…

Mir scheint es so, als wären die Filme (sofern die Inhalte korrekt sind) fragwürdig, weil sie beide zu undifferenziert sind :mrgreen: . Die Artikel auf Wikipedia zu Pius XII und zu Gerstein sind übrigens nicht schlecht (ist bei Wikipedia stark vom Autor abhängig :wink: )und geben ein differenzierteres Bild der beiden. Gerade im Machtaufstieg der Nationalsozialisten hat die katholische Kirche (wie die anderen Kirchen und ein beträchtlicher Teil der Gesellschaft übrigens auch) kein besonders gutes Bild abgegeben.

So, ich habe mir den Zweiteiler auf ARD gestern mal angesehen:

Negativ aufgefallen ist mir besonders der allgegenwärtige Pathos und Kitsch bis zum umfallen. Die Story um eine junge jüdische Frau und ihren beiden Verehrern bediente so ziemlich jedes Romanzen-Klischee, welches man sich vorstellen kann. Ich bin da aber auch nicht das Zielpublikum (das ging wohl eher Richtung Telenovela :wink: ). Es kam der böse Klischee-Deutsche vor, der derart sadistisch war, dass alle anderen „normalen“ Deutschen dadurch relativiert wurden (was mir auch an anderen Filmen zum dritten Reich besonders negativ auffällt). Dazu passt dann auch der typische gute Klischee-Deutsche, der ebenfalls auftauchte. Und auch sonst hatte man ab und an das Gefühl, der Drehbuchautor hätte einige Male zu tief in die Klischeekiste gegriffen, was teilweise unfreiwillig komisch wirkte. Ein Beispiel: In einer recht beeindruckenden Szene bringt Pius XII den Satan mit ins Spiel, als es um die Person Adolf Hitlers ging. Genau eine Sekunde später sah man im Hintergrund einen Blitz einschlagen, begleitet vom obligatorischen Donnerschlag. Das wirkte derart übertrieben, dass die dramatische Stimmung mit einem Schlag fort war und das Ganze statt dessen unfreiwillig komisch wirkte.

Und wie erwartet war die historische Darstellung undifferenziert und uneingeschränkt positiv Richtung Katholische Kirche und Papst: Der Film macht es sich in seiner positiven Darstellung des Papstes deshalb recht leicht, weil er den Film erst im Jahre 1943 beginnen ließ und die Zeit bis zum Abzug der deutschen Besatzung behandelte, als längst bekannt war, zu welchen Gräueln das Hitlerregime in der Lage war. Ein differenzierterer Blick wäre möglich gewesen, wenn die Zeit des Aufstiegs des Hitler-Regimes mitbehandelt worden wäre, in der Pius XII noch Generalsekretär des Papstes war und sich für eine neutrale Linie des Vatikans ausgesprochen hatte.

Der heute des öfteren vorgebrachte Kritikpunkt, dass der Papst deutlicher Stellung gegen das Hitlerregime hätte beziehen sollen (indirekt hat er durchaus Kritik geäußert, allerdings nie direkt gegen Hitler oder Nazideutschland), spielt gegen Ende des ersten Teils eine größere Rolle. Doch diese Kritik wird geschickt ausgehebelt, indem man den Kritiksteller (der zu dem Zeitpunkt erstmals auftrat und danach wieder verschwand) allzu arrogant auftreten ließ. Die Haltung des Papstes, dass er aus Sicherheitsgründen für die deutschen Christen und Juden, nicht das Hitlerregime direkt attackieren dürfe, erscheint im Film als eindeutig bessere Alternative. Es wird weiterhin das Beispiel der niederländischen Kirche angeführt, welche die Judenverfolgung offen kritisierte, was Hitler durch ein Exempel an niederländischen Juden und Priestern beantwortete

(Ich selbst möchte mir hier kein Urteil erlauben, da ich es mir weder vorstellen könnte, in dieser Zeit zu leben, noch in der Haut Pius XII. zu stecken, der es sich mit seiner Entscheidung wohl nicht einfach gemacht hatte, wie zahlreiche Dokumente andeuten; ob ein direkter Angriff auf Hitler wirklich zu einer Eskalation gegen deutsche Katholiken und Juden geführt hätte, weiß man genauso wenig wie, ob eine solche Stellungnahme zu einem Aufrütteln in den katholischen Gemeinden geführt hätte; hier lässt sich nur ex eventu argumentieren)

Ok, nun zu den positiven Aspekten: James Cromwell ist ein großartiger Schauspieler und er allein ist es schon wert diesen Film anzusehen. Er spielt die Rolle des selbstzweifelnden Papstes, der alles in seiner Macht stehende tut um zu helfen, aber doch nicht so viel tun kann wie er möchte, mit Bravour. Auch der deutsche Pater, der jüdische Familien in Klostern unterbrachte, sowie einige andere Schauspieler, spielen ihre Rollen recht gut.

Für eine kritische Auseinandersetzung mit der Rolle des Papstes im dritten Reich war der Film also zu undifferenziert und setzte zu stark auf Pathos. Und als romantisches Drama hatte der Film für meinen Geschmack deutlich zu viel Kitsch und war zu vorhersehbar. Freunde von James Cromwell können aber gerne mal reinschauen, genauso wie Fans von vorhersehbaren und auf die Tränendrüse drückenden Fernsehromanzen.

Vielleicht schau ich heute Abend noch in das Gegenprogramm auf Arte („Der Stellvertreter“), das ebenfalls historisch nicht unproblematisch ist (da der Protagonist in der Realität vermutlich daran scheiterte Kontakt zum Papst aufzunehmen).
Machts gut,
Andi