In Wortschöpfung eine 1

Diskussion über den Blog-Artikel: In Wortschöpfung eine 1

Wenn es an inhaltlicher Kreativität mangelt - und das ist ja derzeit im deutschen Fernsehen das größte Problem - dann ist es umso wichtiger, den unkreativen Dreck wenigstens schön zu verpacken. Angefangen hat das alles schon vor Jahrzehnten mit dem Wort “Soap”, als man für triviale Fließband-Geschichten einen sauberen Begriff brauchte. Immerhin gab man damals zu, dass man mit diesen trivialen Werken die Seifenwerbung unterstützte.Eine “Soap” ist bekanntermaßen eine ausgedachte Geschichte, also mit Dramaturgie nach Drehbuch. Weil das Fernsehen aber in den letzten Jahren immer mehr dazu überging, auch pseudo-reale Serien am Fließband zu produzieren, wurde der Begriff “Doku-Soap” erfunden. Natürlich wurde auch hier bereits bei der Dramaturgie nachgeholfen, aber noch so, dass es nicht für jeden Zuschauer gleich offensichtlich wurde. Zugleich kam aus Südamerika der Begriff “Telenovela” zu uns hinüber geschwappt - und der steht eigentlich für eine Daily Soap mit vorher definiertem Ende nach 200 Folgen. Oft genug kam es nun aber schon vorher, dass eine “Telenovela” aufgrund guter Quoten dann einfach zu einer “Daily Soap” wurde.

“Doku-Soaps” so zu produzieren, dass sie wirklich wie eine ungefakte Doku aussehen wird immer schwieriger, denn oft genug greifen die Produzenten auf darstellungswillige Protagonisten ein zweites und drittes Mal zurück - und das fällt selbst dem dümmsten Zuschauer natürlich irgendwann auf. Also ist man inzwischen soweit, dass man einfach offen zugibt, dass man Fake betreibt - indem man eine “gescriptete Doku-Soap” produziert, also eine Doku, die gespielt ist… oder so. Auf diese Art von Fernsehen setzt insbesondere RTL im kommenden Herbst. PRO 7 hingegen hat sich eine andere Wortkreation überlegt, die “Dokunovela”, also eine Mischung aus Doku-Soap und Telenovela. So benannt ist eine neue Sendereihe mit dem Titel “Reality Affairs”, die ab Oktober am Nachmittag gesendet werden soll. Der Unterschied zur “gescripteten Doku-Soap” ist, dass ein und dieselben Protagonisten gleich eine ganze Sendewoche lang zum Thema gemacht werden. Dies ist dann sozusagen auch unter dem finanziellen Aspekt ein neuer Tiefpunkt, denn man dreht einmal mit einem Kamerateam für ein paar Tage und bestückt gleich mehrere Sendeplätze damit. Was mag da noch kommen? Die “gescriptete Daily Dokunovela” wäre noch eine Variante - also dass das Kamerateam gleich dauerhaft einzieht bei einer Familie, um fortan jeden Tag über sie zu berichten.

Jaja, die Sender stellen mal wieder ihr verzerrtes Weltbild zur Schau. Statt auf bessere und qualitative Sendungen zu setzen, besteht der einzige Weg zum Geld aus Kostenreduzierung. Man sollte wieder das produzieren, was die Zuschauer sehen wollen, und nicht, was sie sehen sollen. Denn dass sich irgendjemand gerne eine echt gefakte Reality-Daily-Dokunovela vorsetzen lässt, wage ich zu bezweifeln. Wenn so eine Sendung einmal läuft, schalten wiederum mehr Zuschauer ab, doch das stört die Macher nicht. Man produziert einfach noch billiger und schlechter, und beim nächsten mal wieder und dann wieder…
Irgendwann läuft auf RTL eine Sendung, wo man dem Gras beim wachsen zugucken kann. :smt015 Auch die Annahme, dass sich die Zuschauer für gescriptete Sendungen mehr interessieren als für das reale Leben, spricht für sich. Ich hätte schon eine Idee, was RTL für ein Gewinnspiel in der Sendung “Reality Affairs” unterbringen könnte. "Senden sie uns ihre beste (und vorallem billigste) Idee für eine neue Dokusoap zu und gewinnen sie einen Auftritt in selbiger und eine Jahresration Schampoo (zwei Flaschen). :smt023

Mensch, das zeugt von größter Kreativität. Doch was viel schlimmer ist, als für diesen Mist einen neuen Namen zu finden ist die Tatsache, dass es all diesen Quatsch überhaupt gibt. “Doku-Soaps”. Ein Armutszeugnis der Fernsehgeschichte.

Ich vermute einfach mal, dass die Fernsehredakteure dermaßen abgehoben und blind vor Geld sind, das sie die übrige Welt wirklich so sehen. Sie sind reich und “kultiviert”, also muss die übrige Gesellschaft asozial, laut und arm sein. Einfache Logik, oder? :smt011

Ach von mir aus sollen die so einen Müll ruhig produzieren und senden, denn es gibt ja nicht wenige, die sich sowas auch wirklich reinziehen. Das geht vom Pöbel, der jeden Spieltag am HBF rumgröhlt über Hausfrauen zu gebildeten jungen Frauen, die dabei wunderbar abschalten können.

Was ich schlimm finde, das wirklich ALLE sowas bringen, nachmittags eine Alternative finden ist heute schwer. Wie wärs denn, wenn man einfach dem Redakteur ne Kamera in die Hand drückt und ihn den ganzen Tag sich filmen lässt? Ich bin mir gaaaaanz sicher das gaaaaanz viele das morgentliche “People are laughing with you…”-Ritual à la Ted vor dem Spiegel sehen wollen. Kostet fast nix und TV wird endlich ein geschlossenes System, das die reale Welt nicht mehr braucht.

haha ich schau seit Montag “Reality Affairs”… das ist so unglaublich… wie der Sieger beim Wettbewerb “Wer produziert die schlechteste Story mit den schlechtesten Schauspielern”…

Ich habe irgendwo eine offizielle Mittleilung von Pro7 gelesen, in der sie behaupten die Sendung sei nicht gestellt und es wäre alles echte Dokumentation. Lediglich stellen die die Kamera verpasst habe, würden nachgestellt. Hahaha schaut Euch die Sendung mal an. Wem wollen die das denn erzählen, das ist so uuuuuuunglaublich schlecht gespielt, also wenn das echt ist, dann bin ich Jesus…

Apropos Wortschöpfung… bei “Schwiegertochter gesucht” war neulich eine “Raststättenfachfrau” …
(kommt mir das eigendlich nur so vor oder sind in der Sendung nur noch strunzdumme Volldeppen? Früher waren das immer ein oder zwei und der Rest waren so “normale” Typen lol)

In Wortschöpfung eine 1, in anspruchsvolles Fernsehprogramm eine glatte 6.
Wen interessiert die labilen reality-Doku-Soaps, die man in der Form auch schon bei den öffentlich rechtlichen sehen kann? Gute Spielfilme, eine seriöse wie sachliche Talkshow mit seriösen Themen wären nicht nur eine Abwechslung, nein, sondern auch dringend nötig.

Hayato(14)