GLA - 25 Jahre danach

Schlägt man in diesen Tagen eine Zeitung auf, schaltet das Radio ein oder schaut lokale Fernsehsender, so stößt man früher oder später auf die Namen Rösner und Degowski. Unzertrennlich vereint mit dem Namen einer Stadt, der bis heute in ganz Deutschland stellvertretend für das Versagen der Behörden, Journalisten und vielen anderen steht. Ich wohne in Bottrop, einer Nachbarstadt von Gladbeck, und habe dementsprechend viele Freunde dort. Ob sie es wollen oder nicht, die Ereignisse von damals schwingen immer irgendwie mit. Gut mit anzusehen war es bei der Einführung des GLA Kennzeiches, anstelle von RE, in den letzten Monaten. Dort fiel einige Male das Argument, dass man nicht mit GLA herumfahren möchte, weil man dann sofort mit dem Geiseldrama in Verbindung gebracht wird.

Im Grunde weiß ich gar nicht, worauf dieses Thema am Ende hinauslaufen soll, denn es bietet so viele Möglichkeiten. Aber es ist in den Medien im Moment so überpräsent (am 16. August jährt sich das Ereignis zum 25. Mal), dass ich hier einfach einen Thread eröffnen muss. Da wäre zum einen der Umgang der Presse mit der Situation damals, immerhin zeigen Beteiligte in Interviews bis heute kaum ein Einsehen, dass ihr Verhalten falsch war. Da wäre das Versagen der Behörden andererseits. Warum wurden so viele gute Möglichkeiten nicht genutzt? Warum greift man dann ein, wenn eine akute Gefahr für das Leben der beiden letzten Geiseln besteht? Und zu guter Letzt der Blick auf die Täter. Degowski scheint nun, nach knapp 25 Jahren, auf ein Leben in Freiheit vorbereitet zu werden. Ist unsere Gesellschaft bereit für die Wiederaufnahme solcher Menschen, oder haben sie es vielleicht gar nicht verdient wieder aufgenommen zu werden?

Ich eröffne den Thread jetzt einfach mal, man wird ja sehen, wohin, schwerpunktmäßig, sich die Diskussion entwickelt.

http://www.radioemscherlippe.de/emscher-lippe/lokalnachrichten/browse/2.html

http://www.derwesten.de/staedte/gladbeck/auf-der-flucht-die-chronik-des-gladbecker-geiseldramas-id8318709.html - Der Artikel heißt “Auf der Flucht”, dazu sage ich jetzt mal nichts. :lol:

Eigentlich darf man sich die ganzen Reportagen über die Ereignisse gar nicht anschauen, denn die machen nicht nur fassungslos, sondern unglaublich wütend! Im Grunde hätte man die gesamte Presse-Meute damals mit in den Knast stecken sollen.

Wir hatte damals eine Satire (über das verhalten der Medien) in der Schule besprochen, wo es um dieses Thema ging. Ich dachte mir erst einmal, witzige, aber unrealistische Geschichte…bis ich dann erfahren habe, dass die Ereignisse wahr sind. Unglaublich so etwas.

Als ich hörte das die Journalisten noch Interviews bekommen haben und keiner mal auf den Trichter gekommen ist irgendwas zu machen, wenn man schon so nah dran ist… Meine Güte. Ich hab damals nicht gedacht das diese Interviews wirklich echt waren.

Wenn ich an Gladbeck denke, fällt mir immer das schreckliche Verhalten von Frank Plasberg ein.

Die Interviews an sich waren schon schlimm genug, aber dass er nicht zugibt, dass er Fehler gemacht hat (und nicht die Polizei), setzt dem Ganzen noch die Krone auf.

Ich war 1988 in der Kölner Innenstadt unterwegs als sich da in der Breite Strasse plötzlich eine Ansammlung von Menschen und Kameraleuten versammelten, ich dachte zuerst, der WDR dreht da irgendeine Reportage, bis ich im Gewühl den BMW mit dem holländischen Kennzeichen[B] HR 20-TN[/B] gesehen hab und plötzlich Rösner ausstieg und seine Sargbegonie in die Menge hielt, da bin ich gleich in ein angrenzendes Kaufhaus reingegangen weil ich dachte, der Psycho ballert gleich in die Menge, ich kannte die Karre und Rösners Hackfresse bereits aus dem Fernsehen. Is mir vollkommen unverständlich wie da Mütter mit ihren Kindern, eisfressend um das Auto stehengeblieben sind!

Das war damals ziemlich krass. Ich denke mal die Verfehlungen der Presse und auch der Polizei resultierten einfach daraus, dass keiner die Situation kannte. Sowas passiert halt äußerst selten außerhalb von Hollywood-Filmen, vor allem nicht in Deutschland.

Da hat sich einfach keine Seite mit Ruhm bekleckert.

Ich habe das Drama damals gebannt am Fernseher verfolgt. Als 14jähriger hält man das Ganze für eine unterhaltsame Show. Reality TV im wahrsten Sinne des Wortes.

Filmtipp zum Metathema: Medium Cool

Sowas würde heute natürlich nicht mehr passieren. Nachdem heutzutage jeder mit einem Smartphone und Youtube-Account selber Sensationsreporter spielen darf, braucht’s auch keinen Frank Plasberg mehr. Alles natürlich unter dem löblichen Vorwand des “investigativen Hinschauens” besorgter Mitmenschen. Und RTL sucht sich dann wiederum das beste von Youtube für die Abendnachrichten raus (“wir können ihnen diese Bilder nicht vorenthalten”).


ps: dass Plasberg - auch über Gladbeck hinaus - Probleme hat, journalistische Distanz zu wahren, sieht man am Fall Regividerm.

[QUOTE=gdrbaby;318579]Wenn ich an Gladbeck denke, fällt mir immer das schreckliche Verhalten von Frank Plasberg ein.

Die Interviews an sich waren schon schlimm genug, aber dass er nicht zugibt, dass er Fehler gemacht hat (und nicht die Polizei), setzt dem Ganzen noch die Krone auf.[/QUOTE]

Es ging von Medienseite aus noch eine Spur schlimmer; Udo Röbel. Damals stellv. Chefredakteur des Kölner “Express”:


Der Werdegang dieses Jornalisten führte alsbald…na, wohin wohl…zur “Bild”.

[QUOTE=Zaffod;318638]Es ging von Medienseite aus noch eine Spur schlimmer; Udo Röbel.[/QUOTE]

Stimmt, das ist noch schlimmer.

Ich denke mal, dass es sich hier um das Drama der damals 18 jährige Silke Bischoff handelt.
Viel davon mitbekommen habe ich nicht, da ich nur die Szenen im Kopf habe, wo die Journalisten um das Auto mit der Geisel standen und sich wie Aasgeier benahmen.

Alleine die Szene mit dem Bewusstsein, dass das Mädchen sterben musste hat mich so wütend gemacht, dass ich den Rest versucht habe zu verdrängen. Mir ging das Drama immer sehr nahe, weswegen ich mich mit Resignation versucht habe zu schützen.
Vielleicht sollte ich die Geschichte mal für mich aufarbeiten, da das einfach zur Allgemeinbildung gehört.

[QUOTE=ezzendy;318598]. Sowas passiert halt äußerst selten außerhalb von Hollywood-Filmen, vor allem nicht in Deutschland…[/QUOTE]

gibt es eigentlich einen Film darüber?

@ Icetwo

http://www.schlingensief.com/projekt.php?id=f039

RTL hat dazu auch mal ein “aufwändiges Doku-Drama” (Zitat Wikipedia) erstellt. Die Täter haben dafür vom Sender eine Aufwandsentschädigung bekommen. Keine Ahnung, wie viel das genau war.

Edit: Richtig übel fand ich ja, dass die überlebende Geisel total allein gelassen wurde. Sie wurde u.a. schwer depressiv.

@Scheol

Vergiss bitte nicht den damals 15-jährigen Emanuele De Giorgi, der seine jüngere Schwester beschützen wollte.
Hier spielten die beiden Pannenabteilungen (Polizei und Presse) Hand in Hand. Wegen der nicht abgesprochenen Festnahme der Komplizin und der verzögerten Freilassung musste der Junge am Rastplatz sterben.
Und auch dort “glänzten” einige Pressevertreter, in dem man auf den sterbenden Jungen drauf hielt. Verschiedene Quellen berichten sogar, dass man seinen blutenden Kopf in die Kamera gehalten haben soll.

Edit: Ich sehe jetzt wieder die ganzen Bilder von damals im Netz und merke, wie mich die ganze Sache immer noch aufregt. Komme zwar nicht aus GLA, aber mein Auto-Kennzeichen ist damals wie heute RE.

[post=318646]@Zaffod[/post]

Wie gesagt, ich habe mich damit kaum beschäftigt.
Deswegen Danke für die kurze Zusammenfassung. :slight_smile:

Edit: Da kann man schon Hass bekommen. Das wollte ich nur noch mal loswerden.

Hier hab ich mal die angesprochene Situation in der Kölner Breite Strasse, bei 4:53 springt Rösner, entnervt von der Menschenmenge plötzlich aus dem Auto und hält seine Knarre in die Menge, ich befand mich zum Glück weit hinter der Menschenmenge mit dem Fluchtwagen, bin in einen angrenzenden Karstadt reingelaufen und auf der anderen Seite wieder raus!

//youtu.be/c5ydVQNe0Q8

Danke für das Video. Meine Verachtung für den Rödel steigt gerade ins Unermessliche.:mad:
Der Off-Sprecher sagt genau das Richtige in dem Moment:
“Ihre Hoffnung hier frei zu kommen, erfüllt sich nicht!”

Vor allem meine Verachtung für Rösner und Degowski, hätte nicht damit gerechnet so nah am Geschehen dran zu sein, nachdem die sich ausgerechnet nach Köln verirrt hatten, und den Rödel hab ich damals auch Live erlebt, wie er die Passanten zurückdrängte, das der Spinner ins Auto gestiegen ist, hab ich erst im WDR-Fernsehen erfahren!

Gibt es, RTL (!) hat 1998 nach der Mache von Todesspiel ein haldokumentarischen Film unter dem Titel “Wettlauf mit dem Tod” rausgebracht, teils mit geschauspielerten und teils mit Originalaufnahmen, bei YT gibts aber nix darüber!

http://www.tvspielfilm.de/kino/filmarchiv/film/wettlauf-mit-dem-tod-das-geiseldrama-von-gladbeck,91898,ApplicationMovie.html

Gibt nur Szenenfotos:

Gab es eigentlich zu der Zeit keine ausgebildeten Scharfschützen oder wieso haben sich die Polizei + Spezialeinheiten wie die letzten Idioten verhalten ? 4 - 5 Scharfschützen hätten da locker gereicht, da sie meistens sehr gut zu sehen waren + sich nicht hektisch bewegt haben. Leider ein sehr dunkler Tag für die Polizei. Bei den Journalisten habe ich mich nicht einmal gewundert.