Filmkritik ... die III. (Public Enemies)

Vorgeschichte:
Als am 22. Juli 1934, gegen 22:30 Uhr der Körper eines Mannes nur unweit des “Biograph Theater” auf dem Bürgersteig der Lincoln Avenue in Chicago aufschlug, ging eine der grössten Legenden der amerikanischen Verbrechergeschichte zu Ende.

John Herbert Dillinger, geboren am 22. Juni 1903 in Oak Hill/Indianapolis, war wohl eine der schillernsten, wenn nicht sogar die schillernste Gestalt der amerikanischen Unterwelt. Nach einer relativ freud- und farblosen Kindheit trat er im Alter von 21 Jahren in die Navy ein, desertierte und verübte später - aus Geldnöten - mit einem Freund aus Baseballzeiten einen Überfall auf einen Einzelhändler, der jedoch gänzlich misslang.

Dillinger wurde daraufhin zu 10-20 Jahren Haft verurteilt, die er im Staatsgefängnis von Indiana absaß, aus dem er 1933 entlassen wurde. Kurz nach seiner Entlassung begann er mit einer einer Bande ehemaliger Mitinsassen eine Bank in Bluffton/Ohio zu überfallen. Am 22. September 1933 wurden Dillinger & Co gefasst und zu einer weiteren Haftstrafe im Staatsgefängnis von Lima/Ohio verurteilt.

Einige Mitglieder der Bande konnten - mit Hilfe von eingeschmuggelten Gewehren - aus dem Gefängnis fliehen, kehrten am 12. Oktober 1933 zurück und befreiten Dillinger.

Und hier setzt …

Der Film
… ein. Michael Mann (“Ali”, “Hancock”, “Heat”) zeigt uns von Anfang an einen John Dillinger, der kalt, hart und kompromislos ist. Johnny Depp zeichnet unter Mann’s Regie einen verbitterten und abgestumpften Verbrecher, der seine Verbrechen mit eiskalter Logik und Weitsicht plant, der aber seine Aktivitäten gegen die Banken der amerikanischen Depression und nicht gegen die unter der Wirtschaftskrise leidende Bevölkerung richtet. Und gerade diese Depression zeichnet der Regisseur in brillianter Weise in die Aktionen seines Hauptdarstellers. Michael lässt diese Einstellung in einer kurzen Szene, als Dillinger das von einem Bankkunden ängstlich hingeschobene Geld mit den Worten “Stecken Sie’s ein, wir wollen nicht ihr Geld, wir wollen das Geld der Bank!” zurückweist, durchscheinen. Mann schafft es im ganzen Film, dem Zuschauer die historischen Fakten nicht plakativ vor Augen zu halten, sondern nur im Handlungsspielraum der Darsteller aufleben zu lassen.

Dillinger ist kein Verbrecher aus Leidenschaft, Dillinger wird zu einem Spielball der Umstände. Seine Beutezüge sind mager, so daß er sich immer wieder zu neuen Raubzügen genötigt sieht. Schon von Anfang an steht für Dillinger fest, das er nur “den einen” Raubzug braucht, um sich in Südamerika zur Ruhe zu setzen.

Der Staat reagiert auf Dillingers Raubzüge entsprechend. Da Dillinger seine Beutezüge über den kompletten mittleren Westen der USA verteilt, muß die Strafverfolgung entsprechend Bundesstaatsübergreifend sein. In der - dem Film zugrunde liegenden Buchvorlage “Public Enemies: America’s Greatest Crime Wave and the Birth of the FBI, 1933-34” skizzierte Bryan Burrough bereits die Geburtstunde des FBI als direkte Reaktion auf Dillingers Aktivitäten. J. Edgar Hoover (Billy Crudup) wittert die Gelegenheit, seinen geschundenen Ruf (“Sie sind für mich ein - inkompetenter - Schaumschläger, Sir”) wieder aufzupolieren, in dem er den FBI-Special Agent Melvin Purvis (Christian Bale) zum leitenden Special Agent der Chicagoer Zweigstelle macht. Um seiner Jagd auf Dillinger auch das entsprechende Renomee zu verleihen, erschafft Hoover den Begriff “Staatsfeind #1” mit dem er Dillinger medienwirksam belegt und gleichermaßen die - für damalige Verhältnisse - astronomische Summe von 25.000 USD als Kopfgeld aussetzt.

Purvis muß bald nach der Aufnahme seiner Tätigkeit einsehen, das er - entgegen seiner ersten Einschätzung - mit dieser Aufgabe hoffnungslos überfordert ist. Dillinger geht mit scharfem Kalkül und perfekter Berechnung - als Ergebnis seiner langen Gefängniszeit - vor, so daß Purvis Hoover vom Scheitern seines Projektes “junger dynamischer Agents” unterrichtet und um die Verstärkung durch erfahrene Agents ersucht oder seine Demission zur Disposition stellt.

Christian Bale gibt der Rolle des “Little Mel” Purvis einen interessanten Charakterzug. Bereits in “Batman” hat es Bale meisterhaft verstanden, den Helden zu einem Opfer der Umstände, zu einem getriebenen und traumatischen Charakter zu formen. Purvis wird aus der “behüteten Welt” seiner aristokratischen Herkunft und der vermeintlichen Leichtigkeit seiner bisherigen Tätigkeit in eine Welt der Brutalität überlegener Gegner gestoßen. Michael Mann lässt den Charakter Hoovers fast in eine Nebenrolle zurücktreten und dessen Handeln indirekt durch Bale ausdrücken.

So wird der Charakter von Purvis zu einem Spielball der Egozentrik und des Geltungsbedürfnis Hoovers, verbunden mit dem eigenen Bestreben, vor sich selbst bestehen zu können und nicht zu scheitern.

Dillinger selbst kämpft nicht ausschliesslich gegen das FBI als seine Verfolger (amüsant ist, das in der deutschen Synchronisation der Begriff “FBI” nicht übernommen, sondern mit “Ermittlungsbehörde” übersetzt wird) sondern muss sich auch noch gegen seinesgleichen durchsetzen. Durch die Schaffung einer staatsübergreifenden Ermittlungsbehörde werden die “Geschäfte” anderer Gangstergrössen merklich erschwert, so daß Dillinger nicht nur für das FBI zu einem Ärgernis wird. Die Chikagoer Gangstergrösse Frank Nitty (Bill Camp) setzt seinerseits alles daran, die Affaire Dillinger zu beenden.

Dillinger wird nunmehr “von allen Hunden gehetzt”. Im Zuge dieser Hetzjagd wird er bei einem Hotelbrand in Tucson/Arizona durch Zufall verhaftet und kommt - durch einen Winkelzug seines Anwalts (Peter Gerety), der einen Verfahrensaufschub erwirkt - anstatt in ein Bundesgefängnis in die örtliche Justizvollzugsanstalt, aus der er kurze Zeit später flieht. Dillinger versucht sich zu verstecken, muß aber feststellen, das ihm die bisherige Unterstützung der Chikagoer Unterwelt komplett entzogen wird, sodaß er sich mit dem Rest seiner Bande in die “Little Bohemia Lodge” nach Wisconisn zurückzieht. Dieser Unterschlupf wird jedoch von Tommy Carroll (Spencer Garrett), einem seiner frühen Bandenmitglieder, unter der Folter von Special Agent Harold Reinecke (Adam Mucci) verraten.

Bei der darauffolgenden Erstürmung kommt der Großteil von Dillingers Bande um und Dillinger lebt daraufhin bei seiner Geliebten Evelyn “Billie” Frechette (Marion Cotillard). Diese wird bei einer Polizeiaktion festgesetzt und der Versuch des FBI (wieder durch den Special Agent Reinecke mit gleichen Methoden), ihr Dillingers Auffenthaltsort zu entlocken, scheitert kläglich.

Dillinger kommt bei der Bordellbesitzerin Anna Sage [richtig] (Branka Kati?) unter. Sage ist illegal eingewanderte rumänische Staatsbürgerin, die in der Person Dillingers eine Möglichkeit sieht, sich Bleiberecht zu ertrotzen. Sage kontaktiert das FBI und teilt Purvis mit, das sie, Dillingers langjährige Bekannte Polly Hamilton (Leelee Sobieski) und Dillinger am Abend in ein Kino gehen wollten. Purvis gibt ihr, hinsichlich ihrer Forderung nach Einbürgerung, keine Garantien, stellt ihr aber unmissverständlich in Aussicht, das sie - im Falle der Nichtkooperation - definitiv in 48 Stunden ausser Landes wäre.

Da Sage nicht angeben kann, in welches Kino die drei gehen, Purvis aufgrund der ständigen Änderung von Dillingers Aussehen einen Fehlzugriff vermeiden will, befiehlt ihr Purvis, mit einer weissen Bluse und einem orangefarbenen Rock das Kino zu besuchen.

Purvis postiert vor den beiden Lichtspielhäusern “The Marlboro” und “Biograph Theater” jeweils Männer, und führt selbst die Gruppe vor dem “Biograph” an, dem das FBI aufgrund des gezeigten Films (“Manhattan Melodram”, ein Gangsterfilm mit Clark Gable) die höhere Wahrscheinlichkeit vor einem Shirley Temple-Film einräumt. (Der Film erlangte, ebenso wie das “Biograph”, durch die Erschiessung Dillingers eine darauffolgende tragische Berühmtheit, als der Film, der Dillinger das Leben kostete. Das “Biograph” ist noch heute ein Touristenziel in Chicago.)

Nach dem Ende der Vorstellung verlassen Sage, Hamilton und Dillinger das Kino, Purvis gibt das vereinbarte Zeichen, in dem er sich seine Zigarre anzündet. Die Agenten des FBI verfolgen Dillinger, der allerdings nach kurzer Zeit auf die Verfolger aufmerksam wird und nach seiner Waffe, einem Colt .380 greift; während des Griffes zur Waffe wird John Dillinger von drei Kugeln aus FBI-Waffen tödich getroffen.

Fazit:
Michael Mann schafft es, wie auch schon in seinen früheren Epen, den Zuschauer mit der Handlung zu fesseln. Dillinger wird linear und ohne Schnörkel dargestellt und Depp unterstreicht diesen Eindruck noch mit einer kalten, emotionslosen und fast roboterhaft anmutenden Stimme. Die Hnadlung beginnt ohne lange Vorreden, von Anfang an ist der Zuschauer in einem Bleigewitter gefangen und das Bellen der legendären Thompson TA 5 “Tommygun” und Thompson M1A1 “Chicago Typewriter” werden zu einem notorisch andauernden Hintergrundgeräusch der Handlung. Johnny Depp verleiht dem kalten Dillinger aber auch das Gesicht des “Robin Hood”, in dem er betont in seinen Handlungen die Zivilbevölkerung schont und sogar seine Beute mit der, von der Depression gebeutelten, Bevölkerung teilt.

Depp macht Dillinger zu einem tragischen Helden, und Christian Bale übernimmt diese Tragik für seine eigene Figur. Beide werden schlussendlich getrieben von ihren eigenen Dämonen, … der ein von der Sehnsucht nach Ruhe, der andere von der Notwendigkeit, sich des Drucks der auf ihm abgelastet wird, zu entledigen.

Die Handlung lässt den Zuschauer zeitweilig in dem Gefühl zurück, das Mann sich zu verzetteln beginnt, aber auf eine fast wundersame Weise fügen sich die Fäden zu einer sich zuspitzenden Climax zusammen, die fast eine Eigendynamik bekommt. Eine der wunderbarsten Szenen des Films ist die, in der Dillinger Polly Hamilton zur Verlängerung ihrer Kellnerlizenz nach Chicago fährt und - nachdem er feststellt, das das entsprechende Büro im gleichen Gebäude wie das Chicagoer Police Departement ist - mit hineingeht. Der Regisseur lässt Dillinger mitten in der Höhle des Löwen wandeln und treibt diese “Dreistigkeit” noch auf die Spitze, in dem er ihn zusätzlich in das eigens für den “Staatsfeind #1” eingerichtete Ermittlungsbüro gehen lässt, an Pinwänden mit Ermttlungsergebnissen, Fotos und Zeugenaussagen vorbeiführt und schlussendlich noch einen Smalltalk mit, in ein Baseballspiel vertieften, Beamten führen lässt, eine Szene, die sogar historisch verbürgt sein soll.

In diesem Moment kann man nicht umhin, der Person Dillingers Bewunderung zu zollen. Hier zeigt Michael Mann eindeutig die Hilflosigkeit der Ermittlungsbehörden gegenüber dem Chamäleon Dillinger, die vorher bereits in der Festnahmeszene Billie Frechettes skizziert wurde, als Dillinger mit der Waffe in der Hand mitten auf der Strasse vor den Augen mehrerer FBI-Agenten steht, die ihn absolut nicht wahrnehmen.

Die Charaktere werden von ihren Darstellern anfänglich “nur gespielt”, später bekommen selbst die Nebenrollen Züge, die ihr Handeln nicht nur verständlich, sondern auch notwendig erscheinen lassen. Im späteren Verlauf, fast zum Schluß, manifestiert sich im Zuschauer die Einsicht, das alles zwangsläufig kommen musste, wie es kam und Dinge, die vorher unübersichtlich erschienen, bekommen eine plötzliche Klarheit:

[ul][li]… Ana Sage sieht im Angesicht der gnadenlosen Abschiebungspolitik der USA im Verrat Dillingers ihre einzige Chance auf ein Leben in den USA (sie wird jedoch trotzdem abgeschoben und erhält auch die Kopfprämie nicht), …[/li][/]
[li]… Special Agent Reinecke, dem im Film der tödliche Schuss zufällt (tatsächlich ist nie erwiesen worden, wer ihn abgab), musste im Nachgang der Demütigungen durch seine Kollegen, Purvis und Frechettes, (die ihm unverhohlen entgegenhielt, das Dillinger direkt unter den Augen des FBIs bei ihrer Verhaftung auf der Strasse stand) bei der Verhaftung die Nerven verlieren, …[/li][/
]
[li] … Purvis stand unter dem Erfolgsdruck, nach unzähligen vergeblichen Versuchen, Dillingers habhaft zu werden, nun endlich Vollzug melden zu können und damit auch Methoden dulden zu müssen, die mehr als nur verachtenswürdig sind.[/*][/ul][/li]
Alles in allem ein Film, der sich im Korsett der historischen Fakten noch immer so freizügig bewegt, das die Darsteller alle Möglichkeiten besitzen, ihren Charakteren Züge zu verleihen, die sie menschlich, verständlich und sogar sympathisch machen.

Johnny Depp und Christian Bale beweisen einmal mehr, das sie in die Garde der grossen Schauspieler gehören und Michael Mann gibt seinen Schützlingen eine Handlung, die sie in der Kulisse von Patrick Lumb und durch die von Hand geführte digitale Kamera von Dante Spinotti hervorragend umsetzen.

Meine Wertung:

Handlung: 9/10
Darsteller: 9/10
Kamera: 9/10
Regie: 9/10

Also released:
[ul]
[li]Filmkritik … die I. (Die Jagd nach dem Schatz der Nibel.)[/][/li][li]Filmkritik … die II. (Der Bibelcode) Pro 7[/][/li][li]Filmkritik … die III. (Public Enemies)[/][/li][]Filmkritik … die IV. (Inglourious Basterds)[/*][/ul]