Drei Tage virtuelle Realität

Das ZDF reiht sich nahtlos ein in die schier endlose Folge von schlecht kopierten Formaten aus dem britischen Fernsehen.
Nach „Einsatz mit vier Zentnern“, „Deutschlands schlimmsten Pimmelabwischern“, „Britain’s Ain’t Got No Talent“ und „Schlampenswap“ oder „Bimbotausch“, oder wie das heißt, folgt nun:

„3 Tage Leben“ Anno Domini 2003/04 habe ich das Format höchstpersönlich bei BBC2 begaffen dürfen. Prominente Politiker aller großen Parteien, wie Entwicklungshilfeministerin und Blair-Gegnerin Clare Short, die eine geschlagene Woche als Erdkundelehrerin im sozialen Brennpunkt schuftete und ihre emotionalen Grenzen aufgezeigt bekam, verbrachten sieben Tage in der „wirklichen Welt“ als alleinerziehende Mutter mit Minijob oder Streetworker.

http://www.guardian.co.uk/education/200 … s.politics

In der verspäteten Adaption des ZDF sieht man Linke-Model Katja Kipping als Drei-Tage-Brötchenbelegerin bei Subway, deren größte Probleme darin zu bestehen scheinen, dass die Mitarbeiter des Franchise-Molochs keinen Betriebsrat formieren (dürfen) und sich die Beläge der verschiedenen Sandwiches so schlecht merken lassen.

Wir lernen: Frau Kipping putzt nicht ungern. Frau Kipping schwankt im Kundenkontakt zwischen „Sie“ und „Du“. Frau Kipping stößt auf Widerstand beim Arbeitgeber mit der Linken-Forderung nach einem Mindestlohn von 10 €/Stunde.

Zum Vergleich begutachte ich auch die letzte Episode der Staffel mit Wolfgang Bosbach, seines Zeichens, vormaliger Filialleiter in einem Supermarkt, der im Hamburger Hafen [-]keinen Finger krumm macht[/-] hart schuftet (solange die Kamera draufhält).
„Es wäre schön, wenn die Firma nach drei Tagen sachen würde: Eijentlisch 'n janz Netter.“ - Aber lügen sollen sie doch nicht! :smt010

Ganz kumpelhaft fragt Bossi beim Bananaenkistenschmeißen einen Kollegen: „Un’ machsze dir Sorjen, wejen däh Wähhtschaftskrise?“ Wie jut, dat däh Juttenbärsch so’ne Suppah-Tüpp is, woll? Däh macht disch nit arbeitslos! Wählze Unnijohn, dann bässe allezeit im Tschopp! :smt021 Wenig später erklärt Buddy Wolle einem Kollegen die Abwrackprämie im Sinne des CDU-Manifests.
Bosbach vetritt Hafenarbeiter Köppe auch privat. Ob er die Dame des Hauses auch erotisch beglückt, bleibt unerwähnt. Zumindest hilft er beim Spülen. Nebenher betreibt er Wahlkampf am Spülbecken: „Däh Staat kann nisch…“ und: „Solange Bosbach Polletick macht, jibbet kejne Einheitsrente.“

Die minderjährigen Söhne des Hauses scheinen als CDU-Wähler angefixt: „Der Herr Bosbach spielt mehr Fußball mit uns als der Pappi.“

Den Stuss muss ich mir noch nicht einmal zu Ende anschauen, um zu wissen, dass ich hier vergackeiert werde. Hier heuchelt man Interesse an den Sorgen und Nöten des Durchschnittsbürgers, dabei geht es letztendlich nur um Selbstdarstellung.

Falls diese Sendung überhaupt einen Sinn haben sollte, dann wünsche ich mir Franziska Drohsel als Erotikdarstellerin auf Zeit. Ansonsten bekommt man hier nix weiter als billige Selbstdarstellung von Politikern und Wirtschaft frei Haus geliefert. Dafür zahle ich nun wirklich keine Gebühren! :wink:

Bei der BBC sah ich Politiker, die glaubhaft überfordert wirkten. Insbesondere Clare Short war häufig den Tränen nah. Beim ZDF bekomme ich „Yes I Can“-Spackos im Permanent-Wahlkampf vorgeführt, die mich damit zuschwallen, was für tolle Hechte sie doch sind und dass sie ganz doll viel Verständnis für den sprichwörtlichen „kleinen Mann“ zeigen. :smt018

lief das denn schon? hab ich gar nicht mitgekriegt…

lief das denn schon?

Ja, das lief schon, die letzten beiden Folgen der Reihe kamen heute; ich wollte dich auch schon drauf hinweisen, vielleicht wär das ja was für die nächste Folge… :?: