Dokus/Weltgeschehen und die Ansprache mit dem Vornamen

Hallo,

vor einiger Zeit hatte ich mal die Möglichkeit, einen Vortrag einer Fernsehredakteurin zu besuchen. Die Details habe ich leider alle vergessen, macht aber nichts. Sie machte ihr Publikum allerdings auf etwas aufmerksam, worauf ich mittlerweile sehr oft achte, wenn ich mir im ÖR Dokumentationen oder Beiträge anschauen, in denen es um sogenannte ethnische Minderheiten, Randgruppen, Menschen aus „Drittweltländern“, etc. geht.
Fiel es euch schon auf, dass in diesen Beiträgen die Mitwirkenden sehr oft lediglich mit ihrem Vornamen angeredet werden?
Ich schaue gerade den Weltspiegel vom 17.11. Ein Beitrag handelt von der negativen Stimmung Frankreichs gegenüber Hollande, ein anderer über Seenomaden vor und in Malaysia. Es ist nun selbstverständlich, dass Hollande eben nicht als „François“ im Beitrag genannt wird; es würde auf mich auch recht unseriös und irritierend wirken. Der Seenomade, der im Fokus des anderen Beitrags steht, wird allerdings konsequent „Sulbin“ genannt, obwohl im Beitrag - durch die Bauchbinde - hervorgeht, dass auch der Nachname, bin Mihil, bekannt ist.
Natürlich kann es sein, dass sich Herr bin Mihil das so für den Beitrag gewünscht hat, was ja dann auch in Ordnung ist, die Redakteurin damals erlebte es aber schon mehrfach, dass Mitwirkende gefragt wurden, schließlich darauf bestanden, vom Sprecher mit ihrem Nachnamen adressiert zu werden, was aber ignoriert wurde. Zudem kann es sein, dass Nachnamen zwar existieren, es aber absolut unüblich ist, diese auch zu benutzen, ich weiß leider nicht, ob Nachnamen weltweit gesehen etwas sehr exotisches sind. Dann ist dieser Beitrag sowieso sinnlos ;)…

Jedenfalls empfinde ich das als sehr unangebracht. Es wird ein Licht auf die Mitwirkenden geworfen, das den Eindruck erweckt, sie wären noch nicht richtig „erwachsen“, als wären sie drollige, süße Wilde, die man nicht für voll nehmen kann. Hollande würde ja auch aussehen wie eine Lachnummer (unabhängig davon, ob er eine ist oder nicht), wenn er im Fernsehen permanent François genannt werden würde.
Ein französischer Ministerpräsident und ein Seenomade in Malaysia, das sind nun zwei sehr unterschiedliche Personen. Aber bei solch basalen Dingen gefällt es mir nicht, wenn Unterschiede gemacht werden. Es verfestigt einfach ein Bild von „unzivilisierten“, weltfremden Menschen, mit denen man Mitleid haben soll, statt sich ernsthaft mit Problemen auseinanderzusetzen.

So.
Nun bin ich gespannt, ob andere das ebenso gemerkt haben und, wenn ja, ob es auch andere Menschen gibt, die das als Problem wahrnehmen oder ob ihr denkt, dass es gar keins ist ;)…

Liebe Grüße :slight_smile:

Wie es in Malaysia aussieht weiß ich jetzt nicht direkt. Insgesamt dürften die westeuropäisch geprägten Länder aber schon die sein, die am meisten Wert auf den Nachnamen legen.
In asiatischen Gegenden kann ich mir vorstellen, dass der Familienname auch sehr wichtig ist, vor allem weil man sich als Mensch eher über seine Familie als über sich selbst identifiziert, aber ich weiß es nicht genau.

Ansonsten dürfte die Beobachtung aber durchaus richtig sein. Dafür muss man aber gar nicht ins Internationale gehen. Diese ganzen Dokusoaps arbeiten doch auch alle durchweg mit Vornamen.
Es geht nicht um “Herrn Müller” sondern um “Peter”.

Und für den nationalen Bereich kann man in jedem Fall bestätigen, dass es eigentlich eine Beleidigung, mindestens aber eine Herabstufung darstellt, wenn Erwachsene mit dem Vornamen angesprochen werden.
“Peter hat Probleme” <das ist der arme Unmündige, der mit der Welt nicht klar kommt.
“Herr Müller hat Probleme” <das ist der Mensch, dem etwas wiederfahren ist, wofür er nun nach einer Lösung sucht.

Ich würde durchaus davon ausgehen, dass diese Methode System hat. Es baut eine größere Bindung zu den Protagonisten auf, weil wenn man jemanden mit Vornamen kennt, dann ist das normalerweise ein Freund oder Bekannter. Gleichzeitig wird eine eindeutige Hierarchie aufgebaut.
Da ist auf der einen Seite: “Frau Meier”, welche als “Helferin” durch die Sendung führt und auf der anderen Seite “Paul” dem sie helfen muss. Und sie hat das sagen, weil er “Paul” und sie “Frau Meier” ist.

Das sich auch “seriösere” Dokus dieser Sprache bedienen, liegt wohl einerseits an der Gewöhnung. Man hört halt allenthalben nur noch den Vornamen und andererseits wohl auch hier daran, dass man versucht eine künstliche Autorität zwischen Sprecher und Protagonist aufzubauen.

Insofern würde ich den Vortrag von der Fernsehredakteurin durchaus bestätigen auch ohne ihn gesehen zu haben, zumindest was diese Aussage angeht und du diese Aussage auch richtig wiedergegeben hast. ^^

[QUOTE=Skafdir;333371]Insgesamt dürften die westeuropäisch geprägten Länder aber schon die sein, die am meisten Wert auf den Nachnamen legen. [/QUOTE]
Ich weiß nicht, ob darauf irgendwo anders so ein großer Wert gelegt wird, wie in Deutschland, und auch hier gibt es regionale Unterschiede, zumindest was den Umgang miteinander im Alltag angeht. Das andere Extrem wäre zum Beispiel UK, wo selbst geschäftliche E-Mail-Adressen oft nur den Vornamen enthalten. So gibt es wahrscheinlich noch einiges dazwischen.

Wenn also über Malaysia berichtet wird oder eine andere Gegend, von der ich überhaupt keine Ahnung über die üblichen Anredeformen habe, mache ich mir entweder keine Gedanken darüber, oder ich mache mich schlau, jedenfalls würde ich nicht von vornherein verurteilen, wie ein Reporter/Off-Sprecher das handhabt.

[QUOTE=Skafdir;333371]Und für den nationalen Bereich kann man in jedem Fall bestätigen, dass es eigentlich eine Beleidigung, mindestens aber eine Herabstufung darstellt, wenn Erwachsene mit dem Vornamen angesprochen werden.[/QUOTE]
Wenn es dazu dient, um wie von dir Hierarchien oder Autoritäten zu vermitteln oder aufzubauen, würde ich es auch als Herabstufung bezeichnen. Wenn 45 Minuten lang Familie Schmidt bei ihrem Campingurlaub in Italien gezeigt wird, einem Umfeld in dem Nachnamen und Siezen nicht existieren, wäre es dann doch etwas befremdlich, wenn aus dem Off dauernd von Frau Schmidt geredet wird, die sich von vornherein dem Drehteam als die Uschi vorgestellt hat.