Die verzerrte Darstellung von Forschung im Fernsehen

Der Gedanke zu diesem Thread endstand, nachdem ich “Eine Akte voller Leichen” aus Folge 50 gesehen habe:
http://fernsehkritik.tv/folge-50/1565/
Damals hab ich mich ziemlich geärgert! Warum muss ein Forschungslabor im Fernsehen eigentlich immer aussehen wie eine Mischung aus Frankenstein, Alien – Die Wiedergeburt und CSI-schlagmichtot?

Kurz vorweg:
Ich arbeite selber in einem medizinischen Forschungslabor, in dem vorwiegend molekularbiologische Methoden zur Anwendung kommen. Wenn irgendwo im Fernsehen ein Vaterschaftstest oder ein genetischer Fingerabdruck erwähnt wird, dann wurde die vorhergehende Analyse in der Regel von einem Molekularbiologen durchgeführt bzw. von Leuten, die sich damit auskennen: http://de.wikipedia.org/wiki/Molekularbiologie
Das nur kurz zur Begriffserklärung.

Cornel Mülhardt schreibt in seinem Buch “Der Experimentator, Molekularbiologie”:
“Angeregt von mehr oder weniger spektakulären Berichten im Fernsehen hat jeder seine eigenen, zumeist weit übertriebenen Heils- oder Unheilvorstellungen zu diesem Thema. Die Realität nimmt sich dagegen ziemlich niederschmetternd aus. Der Molekularbiologe […] hantiert die meiste Zeit mit winzigen Mengen zumeist klarer, farbloser Lösungen - keine Spur vom wildgewordenen Forscher, wie man ihn aus Filmen kennt, der inmitten von wabernden, dampfenden, knallbunten Flüssigkeiten steht und dabei offensichtlich viel Spaß hat.”

Sehr richtig!
Und vor allem irrt man in einem Labor nicht zu jeder Tages- und Nachtzeit im Dämmerlicht herum, weil ständig von irgendeinem lichtscheuen Gesindel von Fernsehteam die Jalousien heruntergezogen werden!
Hallo? Hier wird nicht Blinde Kuh gespielt, sondern gearbeitet!

Nochmal kurz zur Erinnerung:
“Man hantiert die meiste Zeit mit winzigen Mengen zumeist klarer, farbloser Lösungen!”

Viel Licht ist da zwingend erforderlich!
Zwar reicht Tageslicht meist aus und im Winter tun´s auch mehrere, handelsübliche Deckenleuchten. Aber in keinem einzigen Forschungslabor weltweit, wird jemand freiwillig permanent im Halbdunkel herumrumstolpern, wie es in den sogenannten Wissenschaftssendungen im Fernsehen ständig suggeriert wird. Da tappsen seltsamerweise immer alle im Finstern durch die Gegend.
Zugegeben, es gibt in bestimmten Laborbereichen tatsächlich solche Lichtverhältnisse, d.h. Dämmerlicht mit einer einzigen, vorherrschenden Farbe. Solche Örtlichkeiten sind aber in der Regel immer sehr klein gehalten und niemand wird sich länger als nötig darin aufhalten.

Deswegen frage ich mich schon lange, warum im Fernsehen beim Stichwort “Labor” grundsätzlich immer eine spektakuläre Illuminierung in blau, grün oder rot inszeniert wird, bei der sogar jeder Geisterbahn- und Puffbeleuchter vor Neid erblassen würde. Selbst sogenannte “namhafte” Wissenschaftler bzw. das, was das Fernsehen dafür hält (In der Regel sind das nur die mit der grössten Klappe bzw. Ego, die für ein paar Sendeminuten sogar ihre eigene Oma verpfänden würden!), tun für das Fernsehen dann so, als würden sie jeden Tag fleissig in Frankensteins Gruselabor die Pipette schwingen. Natürlich im stimmungsvollen Dämmerlicht und möglichst von unten mit bunten Scheinwerfern beleuchtet, damit es möglichst dramatisch wirkt. In Wirklichkeit haben diese “heroischen Wissenschaftler” schon seit vielen Jahren kein Labor mehr von innen gesehen und kümmern sich hauptsächlich um Verwaltungsaufgaben, z.B. die Akquirierung von Forschungsgeldern.

Nebenbei bemerkt, war in meinem Labor auch schon mal das Fernsehen zu Gast. Das Licht des Scheinwerfers, den das Fernsehteam damals angeschleppt hat und mit dem meine Kollegin völlig sinnlos beim Arbeiten geblendet wurde, war übrigens blau.

In der Unterhaltungsbranche müssen halt ständig Klischees bedient werden. Gilt auch für den Print- und Onlinebereich.
Ich habe auch öfter mal z.B. den Fotodienst „istockphoto.com“ genutzt.
Geh mal auf die Seite und suche nach „Science“ oder „lab“.
Eine Stichwortsuche dort spiegelt im Ergebnis immer sämtliche Klischees wieder, die man sich vorstellen kann. Es ist faszinierend :wink:
Obwohl die Bilder bei „istockphoto“ sind dann doch etwas heller und freundlicher als deine Beschreibung, aber die Flüssigkeiten sind grundsätzlich bunt und werden ausschließlich nur mit Schutzbrille angestarrt.

Eben.

(Übrigens das mit der Schutzbrille ist eine Laborvorschrift zur Arbeitssicherheit, in einem Labor ist es manchmal nicht unüblich, das man Substanzen verarbeitet, deren Reaktivität nicht ganz bestimmbar ist … es könnte ja auch am Platz nebenan was daneben gehen …)

Aber zurück zum Thema:
(Das es übrigens schon hier - im Grundsatz - gibt!)

Sicherlich ist es äusserst klischeehaft, wenn man den Laboralltag stets und ständig mit den Darstellungen aus CSI oder sonstwas gleichsetzt. Aber mal Hand auf’s Herz: Wen juckts?

Die Typen, die sich von solchen Klischees beeindrucken lassen und die solche - offensichtlich überall verfügbaren - Arbeitsmittel wie holografische Projektionen von Körpern, in denen man das Projektil erkennt, das dem Typen verpasst wurde, ernst nimmt, die glauben auch noch an den Klapperstorch.

Und wenn Ayman Abdallah mit verschwörerischer Stimme zwischen blau illuminierten Tischen in einem Kellergewölbe umherstreift und wissend bei den Äusserungen von “Spezialisten” nickt, als hätte er in Genetik, Ägyptologie, Paläontologie und Rechtswissenschaften mehrfach promoviert, dann ist das genau das, was der Zuschauer sehen will.

QUOTE!

Und die kriegst Du nicht, wenn Du staubtrockene Fakten in einem weiss-gekachelten Labor von einem bebrillten Eierkopf präsentieren lässt, der Dir eine Kurve aus dem Massenspektrometer vorhält und sagt: “Faszinierend, nich’”?

Der Zuschauer will was buntes auf einem vorzugsweise schwarzen Hintergrund sehen, wabernde Dämpfe und irgendwelche bilnkenden und beependen Geräte, die gleichermaßen genetische Vergleiche, Fingerabdruck-Analysen, eine C14-Bestimmung oder wohlschmeckenden Espresso mit toller Crema produzieren können … am besten noch gleichzeitig.

DAS will man sehen … nicht den tristen Laboralltag … :mrgreen:

Lüüüge!

Immer wenn ich so ein klischeehaftes Labor sehe, haben die im Hintergrund immer ein diffuses grünes oder blaues Licht, meistens ist es auch noch ein Bodenstrahler. :wink:

Als Molekularbiologe sollte dir eigentlich klar sein, dass diverse chemische Prozesse nur oder besser bei Licht mit spezieller Wellenlänge ablaufen, bzw. Bereiche von Wellenlängen ausgeschlossen werden müssen, um Reaktionen zu vermeiden. Habdunkle oder in einer bestimmten Farbe beleuchtete Labors gibt es durchaus häufig.

Ich gebe dir recht, Forschung sieht trotzdem anders aus als im Fernsehen, aber die Realität ist so “langweilig”, dass ich ehrlich gesagt dieses romantische Bild, bei trivialer Unterhaltung wie z.B. bei CSI, bevorzuge.

Habdunkle oder in einer bestimmten Farbe beleuchtete Labors gibt es durchaus häufig.

Das hab ich bereits erwähnt:

Zum Beispiel gibt es kleine Kämmerlein, in denen man mal eben DNA-Banden fotografiert, welche mit einem fluoreszierenden Farbstoff sichtbar gemacht wurden. Das sieht dann z.B. so aus:
http://upload.wikimedia.org/wikipedia/c … egelUV.jpg

Es kann auch durchaus vorkommen, dass jemand mal längere Zeit vor einem Fluorszenzmikroskop sitzt. So ein Gerät ist aber grundsätzlich immer in irgendeiner winzigen Dunkelkammer untergebracht, weil es absolut bescheuert wäre, dafür ein komplettes Grossraumlabor abzudunkeln. Aber genau das wird einem im Fernsehen ständig vorgegaukelt.

(Übrigens das mit der Schutzbrille ist eine Laborvorschrift zur Arbeitssicherheit, in einem Labor ist es manchmal nicht unüblich, das man Substanzen verarbeitet, deren Reaktivität nicht ganz bestimmbar ist … es könnte ja auch am Platz nebenan was daneben gehen …)

Ja, es gibt zwar die Vorschrift, ständig eine Schutzbrille zu tragen, wie übrigens auch einen Laborkittel.
In der Praxis wird sich aber nur daran gehalten, wenn man mit wirklich gefährlichen Substanzen zu tun hat oder ausnahmsweise mal eine Laborbegehung ansteht oder sich ein Fernsehteam angekündigt hat. :wink:
In einem Chemielabor mag es zwar anders aussehen, aber in einem biologischen oder medizinischen 0815-Labor trägt niemand eine Schutzbrille.
Der Laborkittel ist in einem medizinischen Routinelabor, in dem die Analysen von z.B. Blut oder Urin der Patienten stattfinden, allerdings absolute Pflicht. In der Forschung dagegen, trägt jeder seinen Laborkittel nur nach eigenem Gutdünken.