Das Fernsehen und seine Zahlen [FAZ.net]

Habe gerade einen interessanten Artikel auf FAZ.net gelesen, der den Nagel ziemlich gut auf den Kopf trifft.

Es ist also mehr als bloß ein Verdacht, dass die Einschaltquote nicht etwa misst, wie viele Menschen welche Sendungen sehen. Sie misst vielmehr, wann, was und wie lange jene Leute sehen, die Zeit und Nerven genug haben, an der Quotenmessung teilzunehmen. Die Differenz, der systematische Messfehler ist evident – die tatsächliche Quote kann nur niedriger sein als das, was die GfK veröffentlicht. Verständlicherweise hat aber niemand ein Interesse, diesen Messfehler genauer bestimmen zu wollen.

Wollte ich auch gerade posten, wirklich guter Artikel.

Es ist wirklich ein guter Punkt, dass doch wirklich kaum jemand Lust hat sich so eine Kiste ins Wohnzimmer zu stellen und sie dann auch noch korrekt zu benutzen. Die Sender haben natürlich ein Interesse daran, dass alles so bleibt, aber ich verstehe nicht warum die Werbewirtschaft das mitmacht…es ist doch für die von extrem hoher Bedeutung richtige Zahlen zu bekommen.

Wann hat Claudius Seidl eigentlich das letzte Mal Kontakt zu Menschen außerhalb seiner eigenen Milieus gepflegt? Wieso maßt er sich an, über die Lebenswirklichkeit der Mehrheit in diesem Lande so genau bescheid zu wissen? Nur weil er weder im Elfenbeinturm des FAZ-Feuilletons, noch dem Adalbert-Stifter-Schlaflabor und erst recht nicht im Wartezimmer vom Hornbrillenoptiker Leuten begegnet, die regelmäßig die Glotze laufen lassen, bedeutet das nicht, dass die breite Masse sich vom TV-Konsum verabschiedet hat.

Aber 250 Minuten im Durchschnitt? Das sind über 4 Stunden…soviel Freizeit haben viele Berufstätige Menschen doch noch nicht mal…

Selbst bei Berufstätigen kommen täglich schnell zwei Stunden zusammen, wenn man die Tagesschau und eine Talkshow, einen Film oder ein Fußballspiel schaut.

Alleine um mich zu kompensieren bräuchte es jemanden, der 500 Minuten täglich guckt. Mein Wohnzimmer ist nämlich zu geschmackvoll eingerichtet, als dass ein TV-Gerät dazu passen würde.

Bei mir steht zwar einer, aber ich komme vielleicht auf 1 Stunde in der Woche fürs Fernsehen…ansonsten laufen da andere Sachen drüber.

@Greggy: 120 Minuten würden mir ja auch realistisch vorkommen, aber 250 im Schitt? Da müssen echt viele die Glotze als Grundbeschallung laufen lassen um den Schnitt so nach oben zu ziehen…oder ich lebe in einer merkwürdigen Filterbubble.

@Ezzendy: Oder die, die sehr viel gucken leben in einer Blase. :wink:

„ich verstehe nicht warum die Werbewirtschaft das mitmacht“
Die messen selbst nach wie viel Effekt ihre Werbung hat.
Die merken ziemlich gut, dass der Effekt pro offiziell gemeldetem Zuschauer in den letzten Jahren zurückgegangen ist.
Es intressiert die wenig,
ob die Messgenauigkeit geringer geworden ist
oder ob die Zuschauer einfach weniger empfänglich für Fernsehwerbung geworden sind.

Jedenfalls suchen sie sehr stark nach alternativen Werbemethoden.

Dass der Messfehler bei niveaulosem Fernsehen geringer als bei niveauvollem TV sein könnte wird wahrscheinlich gut dadurch ausgeglichen, dass die letztere Gruppe empfänglicher ist.

Wo war eigentlich die große Dauerempörung zu Zeiten, als die Auswahl an gutem Programm (absolut) noch geringer war als heute.

[QUOTE=alderschwede;343809]Mein Wohnzimmer ist nämlich zu geschmackvoll eingerichtet[/QUOTE]

Das stimmt: hab’s mir (via NSA-webcam) angeschaut, da passt wirklich kein TV hin
[SPOILER][/SPOILER]

Ob so ein Durchschnittswert hilfreich ist weiß ich nicht - hier im Forum gibt es eher TV-Verweigerer, aber ich kenne auch etliche (aus irgendeinem Grund meist weibliche) Personen, wo immer eine Glotze im Hintergrund läuft als eine Art Grundrauschen (wobei Radio da sicherlich besser geeignet wäre).

Naja, der Artikel könnte detaillierter sein. Unterschreiben kann ich

Denn die Quote, also die Zahl derer, die eine bestimmte Sendung gesehen haben, ist zur entscheidenden Legitimation des öffentlich-rechtlichen Fernsehens geworden. Zum wichtigsten Argument gegen alle Kritik.

aber diese Kernaussage ist im Pressethread schon hinlänglich oft erwähnt worden…

Mir fehlen im Artikel

  • die Beschreibung, wie sich das ganze entwickelt hat (z.B. waren lange Zeit Studenten wg. der Haushaltsdefinition gar nicht im Panel drin)
  • wie es weitergehen soll (aktuelle Diskussion um Quotenverheiratungvon linearem TV und Mediathekabfrage)

Und im abschließenden Satz

Wenn man aber tatsächlich die Mehrheit erreichen wollte, also die, die gar nicht oder sehr wenig fernsehen, brauchte man dafür all das, was heute fehlt: Mut und Können.
ist mir nicht deutlich genug herausgestellt, dass das Programm so auf bettlägerige dauerguckende Senioren ausgerichtet ist, dass man „störende“ Elemente der Jugendlichkeit gar nicht im Programm haben will. Und der Hinweis darauf, dass sich das Fensehen konsequent an die Zielgruppe richtet, die demografisch die politische Entscheidungsmacht hat.

Nett ist noch dieser Artikel eines GFK-Lieferanten, auf den indirekt verwiesen wurde:

http://www.abendzeitung-muenchen.de/inhalt.joseph-von-westphalen-abgehoert.3cd76020-b6e7-4e33-8862-b50ecdc92ff0.html

Ich habe konsequent nur anspruchsvolle Beiträge eingeschaltet. … Bei besonders mehrheitsunfähigen Phoenix- oder arte-Sendungen am helllichten Tag habe ich mehrere Gäste im kaufkräftigen Alter dazu erfunden. Ich bin, während der Fernseher lief, spazieren gegangen und habe mir überlegt, gegen wie viele vor der Glotze dösende Hartz IV-Empfänger mein Fernseher anflimmert. Geholfen hat das alles nicht.
:wink:

Hat eigentlich irgendjemand diese Sendung gesehen?