Akte 2010 vom 14. Dezember auf Sat1

Der Beitrag um den es geht lief unter “Ich will hier endlich raus! Der 300-Kilo-Mann dreht bei Diät durch”

Akte 2010 begleitet “den 300-Kilo-Mann” bei einem Abnehmmarathon der mindestens ein halbes Jahr dauern soll.
Zwei Sachen fallen mir aber besonders negativ auf: erstens die mediale Verwertung, das gute alte Prinzip “Hilfe gegen Sensationsbilder”, der Mann muss sich quasi ständig halbnackt vor der Kamera präsentieren und auch sonstige Eingriffe ins Privatleben akzeptieren.
Höhepunkt in der gestrigen Sendung: eine spontane unangemeldete Kontrolle mit Kamerateam. Erst wird dem Zuschauer suggeriert wie verdächtig alles ist: Gänsebratengeruch im Mietshaus, der Mann weigert sich sofort zu öffnen weil er angeblich noch in Schlafsachen ist, war er tatsächlich. Es wird weiter geklingelt bis der Mann öffnet, das Kamerateam dringt in die Wohnung ein, Küche und Mülleimer werden durchsucht, die Ehefrau ausgefragt. Nachdem man nichts findet und sogar kontrolliert hat das der Herd kalt ist(???) wird der Mann für seine Standhaftigkeit gelobt und quasi als Entschuldigung (oder Belohnung) eine Szene angeschlossen in dem ihm ein Trainingsgerät zur Verfügung gestellt wird.

Die zweite Sache, die ich negativ finde ist die Abnehmmethode, die dem Patienten quasi als alternativlos aufgezwungen wird.
Zunächst wurde die äußerst sinnvolle Maßnahme bei einem Patienten mit fast 300 Kilo Ausgangsgewicht, nämlich ein Magenballon oder Magenband (würde bei einem Fall wie diesem, wenn herkömmliche Möglichkeiten aussichtslos sind, sogar von der Krankenkasse gezahlt) von den Machern der Sendung vermutlich bewusst nicht in Anspruch genommen und durch eine obskure, psychisch, aber auch körperlich belastende Methode der “quasi-Nulldiät mit Eiweißdrink” ersetzt. Natürlich wäre auch mit Magenband eine begleitende Diät- und Bewegungstherapie notwendig. Bei der von SAT1 favorisierten Methode ist Depression und Zusammenbruch des Patienten vor der Kamera aber vorprogrammiert.

Die Abnehmmethode die der Patient ein halbes Jahr(!) strikt durchhalten soll besteht aus einem halben Liter Eiweissdrink am Tag, dazu viel trinken, Vitamine und Mineralstoffe als Nahrungsergänzung und ein wenig kohlenhydratarmes Gemüse wie Gurken und Tomaten.
Jegliches “sündigen” und damit jegliche Aufnahme weiterer Lebensmittel wird dem Mann ausdrücklich untersagt.
Das Abnehmen soll über die sogenannte Ketose ablaufen. Dabei hat der Körper zu wenig Kohlenhydrate zur Verfügung und beginnt dies mit einem veränderten Stoffwechsel auszugleichen. Fettsäuren werden in sogenannte Ketonkörper gewandelt die die fehlende Glucose im Energiehaushalt ausgleichen. Der Körper kommt mit weniger Zucker aus und verbrennt Fett. Normalerweise ist zeitweilige Ketose kein Problem, entsteht beim Fasten oder eben bei eiweissarmen Diäten. Die ersten harmlosen Nebenwirkungen sind Mundgeruch, Müdigkeit und allgemeine Schwäche. Bei der Umstellung des Stoffwechels treten diese Symptome verstärkt auf. Andauernde Ketose kann sich jedoch ausweiten zu einer Ketoazidose. Zu den genannten Symptomen treten Erbrechen, zentralnervöse Störungen (was ein sehr weiter Begriff ist. Praktisch können das Dinge wie Kopfschmerzen, Schwindel, Depressionen oder Nervenschäden sein) bis hin zur Ohnmächtigkeit hinzu.
Der Patient der die ohnehin schon schwierigen Belastungen eines halbjährigen Hungerns meistern muss erhält auch noch eine Diät, die ihn bestenfalls schwach, müde und gereizt werden lässt (wahrscheinlich schlaflos, nervös bis hin zu depressiv) und den Körper mit dem Abbau der Überschüssungen Ketone und deren Stoffwechselprodukte belastet. Auch sonst kann man diese Diätvariante als riskant betrachten. Besonders problematisch sollte der Patient an Diabetes leiden. Dann könnte zum Beispiel bei Ohnmächtigkeit das Reagieren von Notärzten mit Insulin ohne die gleichzeitige Gabe von Zucker sogar tödlich enden.

Die Chancen einen heulenden, jammernden oder aggressiven Menschen vor die laufende Kamera zu bekommen erhöhen sich bei dieser Art des Abnehmens über ein halbes Jahr natürlich beträchtlich.

Während der Sendung wird für diese Diät auch noch unverhohlen Werbung gemacht, dazu passende Produkte in die Kamera gehalten, ein angeblicher Experte für Menschen die an Fettsucht leiden präsentiert, der in Wirklichkeit Leistungssportler berät (ich will jetzt nicht mutmassen, ob der Mann irgend ein Interesse am Verkauf von Eiweißpulver hat); und dabei jagt man einen Mann, der ohnehin schon bei medizinisch sinnvoller Betreuung extreme Anstrengungen vor sich hätte, noch durch eine zweite Extremtortur zu der mediale Ausschlachtung und Vorführung gehört.

Ich habe die Werbung dazu auch gesehen und jedesmal umgeschaltet.

Derzeitig befinde ich mich ebenfalls beim Abnehmen unter medizinischer Betreuung und das aller erste was sie mir beigebracht haben war, dass man sich aufkeinen Fall schinden soll und sich quälen soll. Disziplin ist ja was anderes, aber komplett auf 0 runterfahren ist das schlimmste was man tun kann.
Vor allem da man als aller erstes ja erstmal Muskeln aufbauen muss, und dann nimmt man nicht erst ab, sondern zu.
Das ist unglaublich frustrierend wenn man dann auf der Waage steht.

Generell ist es ziemlich ungesund nur auf ein halbes Jahr eine Abnehmmaßnahme anzuplanen. 6Monate reichen bei weitem nicht aus.

Ich stimme meinem Vorredner zu. Hier ist es klar, dass man einen psychischen Zusammenbruch zu erwarten hat. Wahrscheinlich mit Abbruch der Sendung, damit man schön draufhalten kann wie faul dicke Menschen doch sind, und das man ihm ja helfen wollte, aber er ja nicht mitmachen wollte.

=/ Sowas ist doch einfach nur … pfui