Absolut & Relativzahlen

Nicht aus aktuellem Anlass, aber wegen dauerhafter schlechter Qualität (auch gerade bei den öffentlich rechtlichen):

Es werden immer Absolutzahlen genannt, ohne sie in Relation zu setzen. Mit diesen Zahlen kann der Fernsehzuschauer überhaupt nichts anfangen. Die Qualitätssendung Tagesschau kann nicht mal das 1x1 der Statistik.

Einige Beispiele:
In wie vielen Sendungen haben wir schon von Ländern gehört, in denen die armen Arbeiter weniger als einen Euro am Tag verdienen? Das zieht sich durch jede Sendung über Dritte-Welt-Länder. Noch nie in diesem Kontext habe ich gehört, wie hoch denn in den entsprechenden Ländern die Lebenshaltungskosten sind.
Eine Idee für die Sendung wäre hier, verschiedene Länder heraus zu suchen, die sehr stark unterschiedliche Lebenshaltungskosten haben und über die mit der 1-Euro-Phrase berichtet wurde.

Ähnlich, wenn irgendwo ein Haushalt saniert wird oder eine Firma aufgekauft wird. 540 Milliarden Euro. Keine Ahnung, wie viel sonst für eine Firmenübernahme hingelegt wird, aber solche Großen Zahlen hören sich schon toll an. Außerdem wäre das ja weiterer Rechercheaufwand, den man bei den Öffentlich-Rechtlichen wieder mit mehr Werbung finanzieren müsste.

“Die Arbeitslosenquote ist im Vergleich zum Vorjahr überraschend gering angestiegen”. Unabhängig davon, wer sich solche Sätze ausdenkt, sind Zahlen auch immer einer natürlichen statistischen Schwankung von einigen wenigen Prozentpunkten ausgesetzt, ohne, dass sich Realpolitisch irgendetwas verändert haben muss. Die Tagesschau berichtet trotzdem. Es scheint für die Viertelstunde Nachrichten ja nichts wichtigeres zu geben, anstatt, dass man nur berichtet, wenn eine statistisch signifikante Veränderung eingetreten ist.

Schade… :smt013

Ich habe hier bereits bei einen anderem Thema schonmal die mangelnden Statistik-Kenntnisse in den Medien angesprochen. Da ich mich von Studienwegen her auch ausführlich damit beschäftigen muss, fallen mir auch in den Medien viele Fehler beim Auswerten von Statistiken auf.
Es ist nunmal so, dass Statistik und Stochastik sehr Umfangreiche sowie auch schwere Themengebiete sind. Eigentlich müsste sich jeder der Studien erstellt, Umfragen durchführt oder Statistiken auswerten will sich vorher mit der Theorie dahinter beschäftigen. Da dies aber doch sehr mühselig ist verzichten viele darauf und man muss auch leider sagen, dass in vielen Studiengängen dieses relevante Thema daher oft außen vor gelassen wird.
Dadurch kann mit Statistiken auch viel Schindluder getrieben werden und wird in der Praxis (auch in der Politik) auch gemacht.
Beispiel Dresden Waldschlößchenbrücke
Da wurde natürlich vorher eine Untersuchung in Auftrag gegeben um die Auswirkungen auf den innerstädtischen Verkehr zu ermitteln. Im Zuge dessen wurden auch Prognosen erstellt um die zukünftigen Verkehrsstärken zu ermitteln. Nun gab es auf der einen Seite im Abschließenden Bereicht zwei Balkendiagramme die die Entwicklung mit und ohne Brücke gezeigt haben. Das blöde war nur, dass beiden Diagrammen ein anderes Verkehrsmodell zu Grunde lag. Bei dem ohne Brücke wurde angenommen, dass es viel Schwerlastverkehr in der Stadt gibt und bei dem mit Brücke wurde wenig Schwerlastverkehr angenommen. Daher waren die beiden Statistiken nicht Vergleichbar. Allerdings stand diese Anmerkung erst ganz Hinten im Bericht und nicht auf der betreffenden Seite. Böse Zungen könnten also von einer gezielten Schönfärbung im Bericht sprechen.
Das Problem bestand nun darin, dass viele Medien diese Grafiken einfach übernommen haben ohne diese fehlende Vergleichbarkeit zu beachten und daraus in ihren Artikeln nun die falschen Schlüsse gezogen haben.

Beispiel 2: Kreisdiagramme
Dies ist ein sehr beliebter Trick. Stellt euch vor ihr müsstet mit einem Diagramm einen zuwachs Darstellen. Dazu könnte man z.B. Balkendiagramme nehmen und die entsprechend verlängern. Für einen größeren Effekt sorgen allerdings Kreisdiagramme. Der Trick besteht darin, den entsprechenden zuwachs im Radius darzustellen. D.h. der Kreisradius wird um den entsprechenden zuwachs erhöht. Stellt man nun das alte und das neue Diagramm gegenüber, erfasst das Auge aber erstmal nur den Flächenzuwachs. D.h. für uns erscheint der eine Kreis größer als der anderen weil die Fläche des einen Kreises größer ist.
Nun ist es aber so, dass die Fläche mit pi*r² berechnet wird. D.h. der Zuwachs im Radius wird noch einmal quadriert und somit ist der Flächenzuwachs größer als der Zuwachs im Radius. Da wir aber optisch nur den Flächenzuwachs erfassen, kann man auf diese Weise den eigentlichen Zuwachs viel größer erscheinen lassen.
Also wenn ihr irgendwo mal Kreisdiagramme seht immer darauf achten wie diese erstellt wurden.

Die Sache mit den Absolut und Relativzahlen ist so ne andere Sache. Es ist schwierig da einen goldenen Mittelweg zu finden. Zum einen ist nur die Angabe von Relativzahlen gefährlich. Andererseits sind Absolutzahlen oftmals sehr unanschaulich. Wie der TE bereits geschrieben hat sind ohne Vergleichsangaben solche Zahlen oftmals nicht einzuordnen. Andererseits sollte man in den Nachrichten auch nicht mit Zahlangaben um sich werfen, da man sich die eh nicht merken kann und das ganze dadurch ziemlich trocken werden würde.

Tja finde halt mal den Mittelweg… sobald die in der Tagesschau anfangen in Fussballfelder zu messen muss ich leider Amok laufen.
Aber sicher solch Sachen wie das Einkommen zu durchschnittlichen Lebenskosten in Relation setzen hätte schon was.
Da war am Sonntag Gallileo mal wieder extrem Krass.
Da wurde der Menschliche Körper “auseinander genommen” und solch Sachen wie Länge und Gewichte Masse von organen körperflüssigkeiten etc in Relation gesetzt.
So nach dem Motto Wir produzieren 38 liter Tränen im Leben was für eine Dusche reicht und unsere Nerven sind 700k km lang … das reicht bis zum Mond und wieder zurück.
Fussballfelder kamen btw auch Vor.

So nach dem Motto Wir produzieren 38 liter Tränen im Leben was für eine Dusche reicht und unsere Nerven sind 700k km lang … das reicht bis zum Mond und wieder zurück.

Also manchmal haben die wirklich komplett einen an der Waffel. Wie kann man Körpergewicht in Relation zum Heulen respektive Tränenfluss stellen und woher wissen die, dass meine Nerven 700 Km lang sind?
Vor allem: wie lange soll denn die Duschaktion dauern? Manch einer steht Stunden unter dem Teil und ein Anderer nur zwei-drei Minuten. Unsinn ist das. :roll:

Noch besser ist doch das jährliche Abfeiern des Sinkens der Neuverschuldung. Dass wir uns trotzdem immer neue Schulden aufbürden und die Schulden demzufolge nicht abbauen, wird gar nicht erwähnt. Es ist zum Totlachen, wenn das Thema nicht so ernst wäre. :mrgreen:

Wenn die Neuverschuldung dann doch größer wird kann man dann auf die nächste Stufe gehen.
Dann ist die Neuverschuldung im Vergleich zu vorher eben weniger schnell angestiegen.

Bin auch mal 2013 gespannt, wie das mit der neuen GEZ-Regelung ausgelegt wird.
Da wird dann sicher verschwiegen, dass die ÖR so um einiges mehr Geld kriegen. Nur der Aspekt, dass manche Leute weniger zahlen müssen, wird wohl in den Vordergrund gerückt werden.

Da sehe ich auch ein Problem bei den Zahlen. Man kann einfach einige verschweigen und nur den Teil zeigen, der für die eigene Aussage nützlich ist.
Für jemanden, der nichts mit Statistiken und Zahlen am Hut hat, ist sowas nicht zu durchschauen.

Ich denke aber auch, dass die zuständigen Redaktionen auch nicht großartig Mühe in das korrekte Auslegen der Zahlen legen.
Das würde wohl zu lange Sendezeit nehmen. Einige Zuschauern kriegen bei zu vielen Zahlen das Grauen.

Gerade wieder ein schönes Beispiel bei der Phönix Live Übertragung aus dem Bundestag bei der Rede der Bildungsministerin

Der Anteil der ausländischen Studierenden ist um 8% gestiegen.

Was wiederum nicht gesagt wurde ist, wie sich die Gesamtzahl der Studierenden bzw die Zahl der deutschen Studierenden verändert hat. Wenn es z.B. weniger deutsche Studierende gibt oder mehr Deutsche ins Ausland gehen, sinkt natürlich die Zahl der deutschen Studierenden im Innland und der Anteil der ausländischen steigt.
Ergo die Aussage der Ministerin hatte so überhaupt keinen Inhalt. Man kann aufgrund dieser Aussage keine Schlüsse ziehen, da dazu einfach die zusätzlichen Informationen fehlen. Und wenn das unsere Bildungsministerin schon falsch macht, was soll man dann erst von den anderen erwarten.

Ich möchte an dieser Stelle noch einmal an die zurückliegenden Grippewellen erinnern, auch wenn es nichtmehr ganz aktuell ist. Da war das mit den Zahlen sehr extrem. Anstatt mal zu sagen wieviele Menschen Jedes jahr regelmäßig an Grippe erkranken und sterben wurden nur die aktuellen Zahlen genannt und damit Angst geschürt. Das das Jahr letztendlich eher durchschnittlich war kam zu kurz.
Auch nicht ganz aktuell, aber interessant waren berichte über angestiegene Unfalltote im Strassenverkehr. Das die Zahlen seit Jahren gesungen sind blieb oft aussen vor. Wenn ich mich recht erinnere kamen diese Berichte zustande, weil im Vorjahr ausßerordentlich wenige Menschen im Verkehr gestorben sind, was im Folgejahr zu einem scheinbaren Anstieg auf das normale Mittel führte. Tatsächlich lagen die Zahlen im Trend, der deutlich zeigte das es jedes Jahr weniger Verkehrstote werden.
Sollte es in nächtser Zeit wieder zu einem solchen Patzer in den Medien kommen währe es mal interessant ein paar grundlegende Daten zu Statistiken und vor allem dem statistischen Rauschen in jeder Statistik zu nennen…
Naja, ich wollts nur mal gesagt haben :wink:
Grüße,
Tobias