37 Grad über "Multiple Chemikalien-Sensibilität"

Vor wenigen Tagen war auf ZDF eine Folge von 37 Grad über MCS zu sehen, die inzwischen auch auf 3sat wiederholt wurde. Wer sich für das Thema interessiert, der kann versuchen, die Sendung in der Mediathek des Senders zu finden und sich einen einschlägigen Artikel auf Wikipedia suchen. Nur soviel zur Krankheit: Es geht um Menschen, die gegen eine Fülle von Stoffen allergisch sind und die daher mit einem Großteil unserer heutigen Industrieerzeugnisse nicht leben können und selbst auf die chemische Belastung der Umwelt noch reagieren. Die Einschränkungen durch diese Allergie sind für die Betroffenen gravierend bis dahin, daß kein normales Erwerbsleben geführt und keine normalen sozialen Kontakte gepflegt werden können. In der Forschung ist die Existenz dieser Krankheit jedoch höchst umstritten. Im ICD-10 der WHO taucht diese Diagnose dennoch auf (allerdings mit Vorbehalt) und wird daher von Ärzten gegebenenfalls gestellt.

Ich bin nicht generell gegen eine Darstellung von Krankheitsschicksalen im Fernsehen, da ich hier einen gewissen Bildungswert sehe und zwar die Bildung eines Bewußtseins für bestimmte Krankheiten oder Kranksein allgemein. Ich sehe also die Möglichkeit, daß solche Sendungen die moralische und lebenspraktische Kompetenz des Zuschauers stärken, wenn diese richtig rezipiert werden. Auch halte ich “37 Grad” für ein seriöses Format, dessen Produzenten durchaus zuztrauen ist, daß sie nicht nur Quotenfang durch sentimentale Geschichten betreiben wollen.

Bei Berichten über derart seltene und umstrittene Krankheiten bin ich dagegen kritisch, da ich hier die Gefahr von falscher Verarbeitung sehe. Es ist anzunehmen, daß die von solchen Krankheiten Betroffenen zu einem großen Teil nicht richtig diagnostiziert wurden und deren Problem entweder eine andere, womöglich seit langem bekannte Krankheit ist oder eben psychisch bedingt, sei es als eine Form von Hysterie oder Hypochondrie. Langfristig wird die Medienpräsenz solcher umstrittenen Krankheitsbilder dazu führen, daß mehr Leute sich als Betroffene äußern werden und sich deren vermeintliches Krankheitsbild verfestigen wird, d.h. diese Leute werden ihre Krankheit gegenüber Ärzten und Umfeld mit mehr Selbstsicherheit vertreten, obwohl es dieses mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht gibt. Dies könnte sogar bis dahin gehen, daß eine Phantom-Krankheit gesellschaftlich anerkannt wird und es z.B. möglich sein wird, aufgrund dessen Erwerbsminderung zu beantragen. Wer meint, daß dies prinzipiell unmöglich sei, der sei erinnert an die Beschreibung der Hysterie durch Siegmund Freud, die heutzutage Wissenschaftsgeschichte ist und dies vor allem aufgrund der Tatsache, daß Hysterie in ebendieser Form nicht mehr nachzuweisen ist.

Als wichtiges Beispiel kann man die Erforschung der multiplen Persönlichkeitsstörung nennen. Als vor 20 bis 30 Jahren Zeitschriften und Fernsehen darüber zu berichten begangen, stieg der Zahl der diagnostizierten Fälle rasant. Die tatsächliche Prävalenz ist jedoch als gering anzusetzen. Nun müssen sich jedoch Ärzte und Forscher mit einer großen Zahl eingebildeter Kranker herumschlagen, was die Erforschung von MPS wohl erschweren wird.

Wie sehen die anderen Benutzer des Forums diese Sache? Überwiegt der Bildungs- oder Informationswert das Risiko, daß hier womöglich eine Scheinkrankheit zur Mode gemacht wird?

Naja, mal abgesehen davon, dass Freuds theorien schon desöfteren widerlegt wurden:
Das erinnert mich ein wenig an die (schon längst wieder abgeflaute) Debatte über Elektrosmog und Elektrosensibilität.
Darüber gab es aber mehrere Berichte, bei denen die ‘Betroffenen’ als Mittel zum Zweck benutzt wurden, um mal wieder schön auf den technologischen Fortschritt zu knüppeln.
Von dieser Krankheit kann man halten was man will, wenn man sich verschiedene Studienergebnisse darüber zu Gute geführt hat, aber auch dort wurde desöfteren von hypochondrischen Zuständen gesprochen und die Ursache könnte letztendlich ganz wo anders liegen.
Was die Flimmerkiste aber letztendlich aus sowas macht ist oft unberechenbar und verantwortungslos.

@ real

Danke für Deine Antwort. Die Elektrosensibilität ist ein wirklich passendes Beispiel. Nachdem in den 90ern beinahe jeder Angst vor “Elektrosmog” hatte und man sich nicht einmal mehr traute vor Geräte mit Bildröhren zu sitzen, war gut 5 Jahre später die Sache aus den Augen und aus dem Sinn. Heute würde kein Hersteller mehr seinen Fernseher oder Monitor mit dem Prädikat “low radiation” bewerben – nicht weil dies heute selbstverständlich wäre, sondern weil die Sache keinen mehr interessiert. Mit dem Aufkommen von Handys wurde die Debatte dann wieder geführt, bis man sich in der Forschung einig war, daß Gefahr höchstens von den Apparaten selbst ausgeht, aber nicht von den Sendemasten. Der Bildschirm-Arbeiter (ein anderer “Fernsehkritiker”) hat im übrigen auf youtube einen Beitrag aus “Brisant” kritisiert, in dem ein solcher Elektrosensibler interviewt wurde. Es lohnt sich wirklich, den Beitrag einmal anzusehen und es ist geradezu erheiternd, wie sich Journalisten von solchen Leuten auf den Arm nehmen lassen, d.h. ihnen blind und unreflektiert in ihren Ausführungen glauben schenken.

Für ebenso gefährlich wie das Erzeugen einer Phantom-Krankheit halte ich es, wenn die Existenz einer Krankheit durch die Medien vehement geleugnet wird, die in der Forschung längst anerkannt ist. Das ist z.B. bei AD(H)S anscheinend immer noch der Fall, sonst würde nicht ein großer Teil der Gesellschaft davon ausgehen, daß es sich hier nur um ein pathologisierendes Etikett handele, das eigentlich die erzieherische Unfähigkeit der Eltern verhüllen soll. Es ist sicherlich richtig, daß nicht jede Form von Hyperaktivität auf ADHS schließen läßt, aber durch sorgfältige Diagnose lassen sich die Fälle unterscheiden. Im Gegensatz zu den 80ern oder früher 90ern konnte inzwischen die Existenz von ADHS durch neurologische Forschung belegt werden. Ob Psychostimulantien die richtige oder einzige Antwort auf dieses Problem sind, ist ein anderes und weitaus umstritteneres Problem. Jedenfalls kann meiner Meinung nach kein Zweifel daran bestehen, daß durch wissenschafltich fundierte Forschung und Therapien den Betroffenen besser geholfen ist als dadurch, daß man ihre Eltern moralisch abwertet und ihnen selbst ständig sagt: “Ihr müßt euch mehr konzentrieren! Ihr müßt ruhiger sein!” Leider richten die Medien ihr Augenmerk zumeist auf die einzelnen Personen, denen mit Medikamenten und Psychotherapien nicht geholfen werden konnte und nehmen dies dann als Beleg dafür, daß die bestehende Forschungsmeinung zu dieser Krankheit falsch sein müsse.

Warum die Medien auf der einen Seite bestimmte Krankheitsbilder kritisieren und andere geradezu forcieren ist nicht immer leicht zu erschließen. Bei ADHS könnten bestimmte Interessensgruppen auf die Medien Einfluß nehmen, die alternative Therapien verkaufen wollen. Warum die Pahramakonzerne, die schließlich ihre Stimulantien an den Mann bringen wollen, hier nicht zum Zuge kommen, ist für mich unverständlich. Vielleicht orientieren sich die Medien lediglich an schon bestehenden Clichés: Allergien sind unserer Gesellschaft weitgehend anerkannt, während man psychische Krankheiten noch häufig dem moralischen Versagen des Betroffenen zuschreibt. Daß es die meisten Menschen mögen, wenn man ihre Clichés streichelt, ist für mich über jeden Zweifel erhaben.

Ich weiß, daß ich dazu neige, sehr kontroverse Themen anzureißen. Ich meine aber, daß sich hier bei genügender Recherche eindeutig nachweisen lassen könnte, daß sich die Medien zu häufig in ihrer Berichterstattung von wissenschatlich erwiesenen Thesen und Theorien entfernen und statt dessen unreflektiert wiedergeben, was [eingebildete] Betroffen von sich gegeben haben.