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Ergebnis 171 bis 174 von 174
  1. #171

    AW: Presseartikel und Literatur

    Zum Thema Sport in den öffentlich-rechtlichen Medien gibt es gerade eine Sendereihe des Deutschlandfunks. Erhellend ist dabei der Einblick in die Denkweise des NDR-Sportchefs Gerd Gottlob, der hier seine quotenorientierte Sicht gegen die m.A. nach berechtigten Vorwürfe von verschiedenen Sportlern und gegen Dagmar Freitag, der Vorsitzenden des Sportausschusses im Bundestag, verteidigt:

    Sport im TV - Warum immer nur Fußball?
    Von Moritz Cassalette, 07.06.2017
    http://www.deutschlandfunk.de/sport-...icle_id=388135

    "Es ist nicht unsere Aufgabe, sozusagen ein Marketinginstrument für Sportarten zu werden. Unser Auftrag ist es, ein gutes Programm herzustellen, damit die Zuschauer zufrieden sind."
    Ach, und wieso braucht dann Fußball in Deutschland noch Marketing?

    Zusammen mit den dritten Programmen zeige die ARD weit mehr als einhundert Sportarten - live oder in Nachberichten:
    tja, allein schon bei den leichtathletischen Laufdisziplinen kann man sich die Zahl der verschiedenen Sportarten schon ganz schön hochlügen ...

    "Ein krasses Beispiel: Olympia, Halbfinale Beachvolleyball. Ludwig/Walkenhorst wollen 8,5 Millionen Zuschauer im Ersten sehen. Einen Monat später übertragen wir die deutsche Beachvolleyball-Meisterschaft aus Timmendorf live im NDR Fernsehen. 30.000 Menschen wollen sich das angucken.
    Herr Gottlob, weil selbst die öffentlich-rechtlichen, die sich nicht nach der Quote ausrichten müssen, nach dieser Kennzahl handeln, hat die Gesellschaft einen Zustand erreicht, der sich gut mit einem Kommentar zum Turnfest in Berlin illustrieren lässt:

    "Ein Plädoyer fürs Turnen"
    RHEINPFALZ, Printausgabe, Seite 2, vom 9. Juni 2017
    (ein Kommentar von Klaus D. Kullmann)

    ... Menschen in Trainingsanzügen tummeln sich in diesen Tagen genügend auf dem Berliner Turnplatz. Was diesem fehlt sind Fotoapparaten und Laptops, die nicht nur da sind, wenn oder weil die Bundeskanzlerin oder der Bundesvorturner Hambüchen ihren Auftritt vor Zigtausenden in einer Stadiongala nehmen, sondern wenn eben diese Zigtausenden selbst aktiv sind, wenn sie turnen, tanzen, tolerieren. Daran krankt es in unsere Gesellschaft: Das Kleine, das Normale, das Alltägliche verliert an Wert und Aufmerksamkeit gegenüber dem Großen, Besonderen, Sensationellen. Die Gesellschaft ist, wenn es um Sport geht, vielfach nur noch darauf aus, den ganz großen Sport zu sehen, den Fußball und andere Profisportarten, gelenkt von Medienschaffenden. ...
    Wir bezahlen aber einen Rundfunk, damit dieser aus Verantwortung über unseren Zusammenhalt und zur Unterstützung der Identifikationsbildung unsere gesamte Vielfalt des gesellschaftlichen (und damit auch sportlichen) Lebens wiederspiegelt, Herr Gottlob! Damit eben nicht nur die Fußballer, sondern auch die Bahnengolfer, Volleyballer, Rhönrad-Turner, Modellkunstflieger, Rollstuhl-Basketballer, Voltigierer, Kanuten, Radballer, Agility-Enthusiasten, Softballerinnen (und Tausende sportliche Aktivitäten mehr bis zum Rettungsschwimmer oder gar nur Klapprad-Spass-Strampler) ihre Bühne bekommen, auf dass sie Begeisterung entzünden und Nachwuchs finden können. Können sie sich vorstellen, Herr Gottlob, dass die Sportart, deren Berichterstattung mir in den Dritten Programmen am meisten im Gedächtnis geblieben ist, ausgerechnet Schach beim WDR war? Weil nämlich die Kommentare von Vlastimil Hort und Helmut Pfleger so launig waren!

    Und könnte nicht sogar der ganz einfache Schweinehund, der zum Erwerb eines Sportabzeichens oder eines Seepferdchens überwunden werden will, Thema einer Sendereihe sein? Aber selbstredend ohne die Teilnehmer dabei im "Trash-TV"-Stil vorzuführen! Und wissen wir, welche Sportarten unsere ehemaligen Gastarbeiter so alles mitgebracht haben? Und welche neuen Sportmöglichkeiten die Flüchtlinge, die wir ins Land aufgenommen haben, uns zu offerieren haben?

    Da ich nicht im Sendegebiet des NDR lebe, maße ich mir nicht an, zu wissen, welche präsentationswürdigen sportlichen Aktiv-Täter in diesem Gebiet so alles vertreten sind, aber es wäre doch mal eine Post-/Mail-Aktion an Herrn Gottlob mit Kenntnisnahme an Frau Dagmar Freitag wert, oder? Aber Vorsicht! Wenn ihr Segeln in die Liste mit aufnehmt, liefert ihr wieder das berühmte Totschlagargument, das Chartern der Helikopter sei ja leider, leider so teuer - (obwohl da mit neuerer Drohnentechnologie bestimmt billigere Lösungen denkbar sind ... ).
    Geändert von Nobbse (11.06.2017 um 12:50 Uhr)

  2. #172

    AW: Presseartikel und Literatur

    Zunächst noch eine Entschuldigung an Herrn Kullmann von der RHEINPFALZ, dass mir beim Zitieren ein Lapsus unterlief, der fett markierte Teil fehlte nämlich
    Was diesem fehlt sind Multiplikatoren.. Diejenigen, die die Turnfest-Ideen erfassen und nach außen tragen. Es fehlen in der Tat Journalisten mit Kameras, Fotoapparaten und Laptops, die nicht nur da sind, wenn oder weil die Bundeskanzlerin oder der Bundesvorturner Hambüchen ihren Auftritt vor Zigtausenden in einer Stadiongala nehmen, sondern wenn eben diese Zigtausenden selbst aktiv sind, wenn sie turnen, tanzen, tolerieren. Daran krankt es in unsere Gesellschaft: Das Kleine, das Normale, das Alltägliche verliert an Wert und Aufmerksamkeit gegenüber dem Großen, Besonderen, Sensationellen. Die Gesellschaft ist, wenn es um Sport geht, vielfach nur noch darauf aus, den ganz großen Sport zu sehen, den Fußball und andere Profisportarten, gelenkt von Medienschaffenden. ...
    (aber die Botschaft kam hoffentlich dennoch 'rüber)

    Jetzt, da nicht mehr so viel Kohle durch das Champions-League-Fenster rausgeschmissen wird, wäre doch Geld für mehr Breitensport-Berichterstattung da, liebes Fernsehen, oder? Man kann nämlich diesem auch publizistisch gerecht werden, wenn man will!



    Nun zu einem bemerkenswerten Interview bei der zdf-Pressekonferenz
    (gefunden via Bildblog)

    ZDF-Pressekonferenz vom 09.06.2017
    Es gibt keinen Grund, so etwas zu verschweigen.

    http://www.planet-interview.de/inter...06-2017/49690/

    dem anzumerken ist, wie sehr sich die Chefs inzwischen rhetorisch winden müssen, um den Status Quo zu verteidigen:

    Frage: Auch Claus Kleber taucht in den Jahresberichten (PDF) der Atlantik-Brücke auf. Sehen Sie einen Interessenskonflikt, wenn sowohl der heute-journal-Chef als auch der stellvertretende ZDF-Chefredakteur Mitglied der Atlantik-Brücke sind?

    Antwort Bellut: ... [binsenweisheitiger Schutzredeschwall zur Gewinnung von Zeit zum Nachdenken ...] ich gebe Ihnen recht: Es gibt überhaupt keinen Grund, irgendetwas zu verschweigen. Ich würde bei jeder Frage dazu, die über einen Kollegen oder eine Kollegin kommt, immer dafür sorgen, dass sie klar beantwortet wird.“
    und siehe da:
    *** UPDATE 13.06.: In Reaktion auf dieses Transkript und auf eine Mail von uns an Herrn Theveßen hat das ZDF seine Mitgliedschaften am 13.06.2017 online ergänzt
    Steter Tropfen höhlt den Stein - geht doch!
    Geändert von Nobbse (15.06.2017 um 12:18 Uhr)

  3. #173

    AW: Presseartikel und Literatur

    Apropos Atlantikbrücke: Hier geben die mutmaßlichen "Putintrolle" Uli Gellermann, Friedhelm Klinkhammer und Volker Bräutigam bei Telepolis ein 5-teiliges Interview zu ihrem neuen Buch über die ARD-Tagesschau mit dem Titel "Die Macht um 8: Der Faktor Tagesschau"


    "Es handelt sich um Missbrauch der Deutungshoheit"
    https://www.heise.de/tp/features/Es-...t-3741117.html

    Nicht alles kann ich nachvollziehen, so sollte sich m.E. der Vorwurf, die "Tagesschau blende ökonomische und historische Wurzeln von Kriegen aus", eher an das vertiefende Begleitprogramm (wie z.B. ARD Brennpunkt etc.) richten. Allerdings ist es richtig, dass das in der Tagesschau verwendete "Wording" oft schon eine ganz bestimmte politische Haltung induziert.

    Frage: Sie haben in der Tagesschau Nachrichtenkosmetik bzw. Wording entdeckt. Was ist das?
    Volker Bräutigam: Täuschungsmanöver mittels geschickter Wortwahl. Politisch motivierte Sprachregelung. Wenn eine todbringende Militärmission im Ausland trotz fehlenden UN-Mandats oder anderer völkerrechtlich akzeptabler Grundlagen als "Übernahme von mehr internationaler Verantwortung" oder gar als "Eintreten für die Menschenrechte", als "Verteidigung der Freiheit" ausgegeben wird, dann hören wir vorbedachtes Wording. Planvolle Irreführung.
    und bei der Berichterstattung über Trump/Clinton heißt es zu recht

    Gut 80 Prozent der Tagesschau-Anmerkungen zu Trump waren negativ, die Fußnoten zu den Clinton-Aktivitäten waren durchweg positiv bis neutral. Weder wurde Clintons miese Rolle im Libyen-Krieg erwähnt, noch fanden ihre schäbigen Tricks gegenüber ihrem Konkurrenten Bernie Sanders eine vertiefte Erwähnung. Auf diesem parteilichen Holzweg war zu keiner Zeit eine ordentliche Analyse des Wahlkampfes möglich. Gefangen in einem primitiven Pro-Amerikanismus - alles, was die USA so tun, sei wohlgetan lautete der Kanon deutscher Medien - war die Tagesschau nicht in der Lage, das Phänomen Trump und seine America-First-Linie zu begreifen.
    Diese einseitige Parteiergreifung war mir damals auch schon aufgefallen - nicht, dass ich fordern wollte, Trump in positiverem Licht darstellen zu lassen, aber die fehlende Bereitschaft der Amis, Hillary Clinton zu wählen, ging aus der deutschen TV-Welt kaum hervor - umso grausamer das schreckliche Erwachen in der Wahlnacht!

  4. #174

    AW: Presseartikel und Literatur

    Um nochmal auf das Thema der Fußball-Dominanz im TV zurückzukommen:

    Da der Fußball in Deutschland eine der wichtigsten Plattformen der Wirtschaft darstellt, lassen sich auch Journalisten finden, die seine solitäre Vormachtstellung verteidigen. Schauen wir dovh einmal auf die typische Argumentations-Linie anhand der RHEINPFALZ. Nachdem ihr Klaus D. Kullmann vor einigen Tagen ein Plädoyer fürs Turnen abhielt (s. vorige Postings) nahm seine Kollegin Anja Kunz die Feder für die Gegenposition auf. Anlässlich der neuen vertraglichen Situation, in der das öff.rechtl. TV nur noch das Finale der Champions League übertragen darf, wenn eine deutsche Mannschaft ins Finale kommt, schrieb sie den Kommentar

    "Ich bin der Meinung, ... " RHEINPFALZ, Sportteil, 17.Juni 2017 (Anja Kunz)
    (kein Link, nur Print)

    Im ersten Abschnitt " ... dass es ein Recht auf Spitzenfußball gibt" skizziert Frau Kunz zunächst die Entwicklung der Gelder, die dem Fan aus der Tasche gezogen werden. Sie gesteht dem Fußball wegen der großen Zahl seiner Fans gesellschaftliche Relevanz zu, um dann darauf hinzuweisen, dass die Legitimation des Abwälzens der fußballbedingter Kosten (Polizeieinsätze) auf die Allgemeinheit schwindet, wenn der Fußball nicht mehr von allen gesehen werden kann. Im zweiten Teil " ... dass ARD und ZDF das Risiko scheuen" gesteht sie zwar den öffentlich-rechtlichen Sendern zu, bei exorbitanten Summen das Portemonnaie zu schließen, aber hält den Wunsch nach mehr Breitensport bei ARD/ZDF für Wunschdenken:
    Am Ende zählt die Quote. Und so viele Menschen wie ein Testspiel der Nationalelf vor die Schirme lockt, so viele schauen sich nie ein Volleyball-WM-Finale an. Das kann man gutheißen oder schlecht - es ist jedoch die Realität. Wer Volleyball live sehen will, der geht in die Halle. Die Tickets sind bezahl- und meist verfügbar.
    Aber Frau Kunz will ihre Argumentation nicht zu Ende denken: auch die Champions League bleibt für den Fan, der sich Pay-TV nicht leisten kann (oder die technische Investition scheut) erschwinglich: der Abend in der Kneipe mit Bezahl-TV ist ein netteres soziales Erlebnis als im eigenen Zuhause. Bei all dem muss man bedenken, dass der lokale Journalismus bei der Darstellung dieser Problematik nicht unbefangen ist und deswegen den Status Quo schützen will:

    "Spiegel"-Reporter Rafael Buschmann über Fußballjournalismus:
    "Bei regionalen Tageszeitungen besteht ein enormes Abhängigkeitsverhältnis"

    kress, 20.06.2017
    https://kress.de/news/detail/beitrag...rhaeltnis.html
    Rafael Buschmann: Oft besteht bei regionalen Tageszeitungen und kleineren Medienhäusern ein enormes Abhängigkeitsverhältnis, weil die es sich nicht leisten können, vom Informationsstrom des Vereins abgeschnitten zu werden. Noch schlimmer steht es um Reporter, die für Zeitungen arbeiten, die gleichzeitig Medienpartner der Klubs sind. Solche Konstruktionen gibt es immer häufiger. Da wird es wirklich sehr schwierig. Die oft unkritische Berichterstattung hat nichts damit zu tun, dass diese Kollegen Fans wären, wie ihnen manchmal vorgeworfen wird. Sie wollen einfach im Job bleiben. Diese Abhängigkeit tut dem Journalismus nicht gut.

    Nochmal den Öffis also ins Stammbuch: Wer nur auf Fußball setzt, maximiert zwar seine Quote, aber nicht seine Reichweite und reduziert damit auch seine gesellschaftliche Akzeptanz und Relevanz!


    Um sich ins trockene Thema "Sportrechte" zu wühlen, ist zur Zeit Walulis die lockerste Empfehlung:
    Wettbieten um die Champions League - Das Geschäft mit den Sportrechten
    https://www.youtube.com/watch?v=t0P87QS_yuk

    Und es sei auch nochmal an Frau Terschüren erinnert, die schon Gast bei Fernsehkritik TV war:
    SPIEGEL: Zu viel Geld, zu wenig Leistung (31.5.2013)
    http://www.spiegel.de/kultur/tv/ndr-...-a-902943.html
    Terschüren widerlegt die Argumentation der Sender und setzt sich vor allem mit der Frage auseinander, was passierte, wenn den Öffentlich-Rechtlichen ein Sponsoringverbot auferlegt werden würde: ARD und ZDF argumentierten, dass durch ein Sponsoringverbot die Sportartenvielfalt in der Berichterstattung gefährdet sei. Terschüren hält dagegen, dass gerade wegen des Sponsorings quotenstarke Sportarten gezeigt würden. Zudem seien die Einnahmen aus Sponsoring "so gering, dass ihr Wegfall insgesamt ausgleichbar sein sollte".
    Geändert von Nobbse (24.06.2017 um 21:13 Uhr)

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