Willkommen bei Massengeschmack.tv

Nutzer Login

Noch nicht registriert? Anmelden!

+ Antworten
Seite 4 von 4 ErsteErste ... 234
Ergebnis 31 bis 35 von 35
  1. #31

    AW: Folge 55: Filmmusik

    Interessantes Thema, dass auch größtenteils gut umgesetzt wurde.

    Die Beispiele waren gut gewählt und insbesondere "Die Spur des Falken" ist durch die deutsche Fassung schwer beschädigt. Allerdings hätte ich mir doch ein paar mehr Hintergrundinformationen gewünscht, warum das gemacht wurde und nicht nur den Vermerk, dass das rational nicht mehr nachzuvollziehen sei.

    Es gibt schon Gründe, wie beispielsweise, dass die IT-Bänder (also Geräusch und Musikbänder) evtl. nicht verfügbar waren. Das Problem tritt bei älteren Filmen durchaus häufiger auf. "Die Spur des Falken" wurde erst 1964 synchronisiert, also 23 Jahre nachdem der Film gedreht wurde. Möglicherweise gab es da die ITs zu diesem Zeitpunkt wirklich nicht mehr. Das ändert allerdings nichts daran, dass man deutlich passendere Ersatzmusik hätte finden können und den Film nicht musikalisch zu einem Edgar Wallace Film hätte machen müssen.

    In anderen Fällen hat man oft auch Lizenzkosten gespart und die Töne selbst produziert (das betrifft z.B. auch viele DEFA-Synchronisationen). Das muss nicht so schlecht und verfälschend gemacht werden, wie es in den Beispielen gezeigt wurde. Etwas mehr Einordnung wäre da also schön gewesen.

    Ein bisschen genauer hätte die Recherche z.B. auch bzgl. des deutschen Vorspanns von "Die Spur des Falken" sein können, den der zurecht(!) bemängelte Sprecher im Vorspann wurde erst Jahre später für die DVD hinzugefügt. (So etwas wird auch gerne als "Pornosynchro" bezeichnet.) In der deutschen Fassung gab es einen deutschen Vorspann mit deutschen Angaben, aber ohne die Geschichte des Falken.

    Zum letzten Satz, der mir auch etwas aufgestoßen ist: Ich finde das Thema "Synchro vs. Original" sollte man nicht so knapp abhandeln und in einem Nebensatz einstreuen. Das kann dann nämlich missverstanden werden (ist es ja auch). Da müsste man mal Pro und Kontra gegenüberstellen. Dann fallen an der (meist in diesem Zusammenhang zu lesenden/zu hörenden) Argumentation nämlich ein paar Probleme auf:

    • Die Synchro ist nicht für die Leute gemacht, die die Originalsprache beherrschen. Synchro oder Untertitel sind Hilfestellungen, die Leute, die keine Hilfe brauchen, natürlich eher behindert. Ich vergleiche es mal mit einem gesunden Menschen mit zwei gesunden Beinen. Da stört die Gehhilfe nur. Wenn man aber nicht ohne Hilfe gehen kann (also die Originalsprache nicht beherrscht) ist das Laufen (also der Filmgenuss) eben nur mit Gehhilfe möglich und da gibt es verschiedene Ausführungen: von Knüppel (= schlechte Synchro) bis zur ausgefeilten Prothese (= gute Synchro), oder vielleicht Rollstuhl (= Untertitel). Da kann man nicht einfach sagen, nur mit gesunden Beinen laufen ist richtig. Wenn man die Originalsprache nicht beherrscht, braucht man Hilfe, also entweder Untertitel, oder eben eine Synchro, und die ist auch zulässig und kein Anzeichen für Kunstbanausen.
    • Untertitel und Synchro haben das gleiche Problem: sie wurden von Menschen erstellt und sind nicht fehlerfrei. Wenn man die Sprache nicht kann, ist man trotzdem darauf angewiesen.
    • Untertitel sind meist stark verkürzt, damit man sie auch lesen kann; die Synchro muss sich evtl. verbiegen um Lippensynchron zu sein
    • Schlechte Synchros kann man meiner Meinung nach nicht als Argument gegen Synchronisation generell anführen. Mit dieser Argumentation kann man auch Filme generell ablehnen, denn da gibt es ja auch ausreichend schlechte Beispiele. Die in dieser Folge gezeigten Beispiele sind wirklich schlecht (aus den dargestellten Gründen), aber daraus kann man keine Originalpflicht ableiten.
    • Warum wird beim Thema Synchro vs. Original eigentlich nur mit englischsprachigen Filmen argumentiert? Was ist mit französisch, spanisch, japanisch, .... . Nur US-amerikanische Filme zu konsumieren, halte ich für ein ziemlich beschränktes Blickfeld auf Filme. Muss man Dostojewski im Original lesen?
    • Zum Argument Spracherwerb: 1.)Ich glaube nicht, dass man japanisch lernt, wenn man Animes im Original mit Untertiteln ansieht. Man kann seine Sprachkenntnisse vielleicht verbessern, aber dazu müssen die Grundlagen dann schon da sein. Außerdem stellt sich mir dann die Frage, wozu man Filme primär ansieht. Soll man sich mit der Handlung, dem Bild, usw. des Films auseinandersetzen, oder sich auf's Übersetzen konzentrieren?
    • Synchros können (wenn sie falsch gemacht sind) den Ton ruinieren, Untertitel tun aber das selbe mit dem Bild, oder lenken davon ab.
    • Es gibt Filme von denen gibt es gar keine Originalfassung. Das betrifft viele Italowestern, aber auch z.B. Bud-Spencer-Filme. In den meisten Filmen ist er mit seiner eigenen Stimme zu hören (weder in der engl. noch in der ital. Fassung)
    • Mit dem Originalton geht natürlich vieles verloren: Akzent, andere (fremde) Sprachmelodie, evtl. die Originalmusik und die Originalgeräusche. Wenn ich aber inhaltlich nicht folgen kann nützt mir das aber alles nichts.


    Da findet man bestimmt noch mehr Argumente für oder gegen Synchros und vielleicht kann man darüber ja mal ausführlich in einer Asynchron-Folge berichten.

    Ich gehe nicht davon aus, dass der Abschlusssatz irgendwie böse gemeint war, aber ich finde ihn aus den oben genannten Gründen jedenfalls nicht ganz glücklich.

  2. #32

    AW: Folge 55: Filmmusik

    Hi Tofe,

    vielen Dank für deine ausführliche Kritik, von der ich das meiste klaglos annehmen kann. In der nächsten Ausgabe von Asynchron beschäftige ich mich eingehend mit der Synchronisation in TV-Serien und werde versuchen, das Thema ausgewogener anzugehen.
    „Tabak ist mein Lieblingsgemüse.“
    ―Frank Zappa

  3. #33

    AW: Folge 55: Filmmusik

    Zitat Zitat von ToFe Beitrag anzeigen
    [*]In den meisten Filmen ist er mit seiner eigenen Stimme zu hören
    Ich glaube da fehlt ein "nicht" in dem Satz. Denn Bud hatte im italienischen "Original" fasst immer einen Synchronsprecher, da er mit starkem Akzent sprach.
    Ansonsten Topbeitrag von dir.

  4. #34

    AW: Folge 55: Filmmusik

    Liebe(r) ToFe,

    vielen Dank für deinen ausführlichen und sehr schönen Beitrag. Auch ich sehe das meiste genau so wie du.

    Besonders gefällt mir dein erster Punkt mit der Krücken-Metapher. Den sollte man vor allem auch den Leuten einprägen, die bei solchen Diskussionen immer sagen: „Ich spreche ja sehr gut Englisch, gucke aber trotzdem lieber Synchronfassungen.“ Das kommt bei solchen Diskussionen wirklich jedesmal. Etwa so: „Ich spreche natürlich sehr gut Englisch, aber Synchronfassungen finde ich nicht so anstrengend.“ Der zweite Teil des Satzes widerspricht hier dem ersten: Wen gewisse Sprachfassungen anstrengen, der spricht eben nicht die Sprache sehr gut. – Diese Leute empfinden das offenbar als Kränkung und konstruieren sich dann als Person, die die Sprache ganz toll spricht, aber trotzdem lieber Synchronfassungen sieht. Das finde ich albern, weil es diese konstruierte Person (und ihre Argumente) in Wirklichkeit gar nicht gibt: Wer eine Sprache sehr gut spricht, wird immer das Original vorziehen. Das hast du sehr gut illustriert, danke dafür.

    Nicht übereinstimme ich allerdings mit einem Argument, das du weiter unten zu vertreten scheinst, im Absatz mit der Frage, ob man Dostojewski im Original lesen soll. Da scheinst nun du dich gegen ein Argument zu richten, das ebenfalls keiner vertritt: Wer „pro Original“ ist, der sollte diese Haltung doch bei allen Sprachen vertreten, nicht nur bei Englisch, sagst du, und soweit ist das auch nachvollziehbar.

    Aber dann schiebst du der Pro-Original-Fraktion in die Schuhe, sie würde aussagen, alle sollten alles immer nur im Original gucken. Das wäre in der Tat absurd anhand der sechstausend Sprachen, von denen jeder nur ein Bruchteil beherrscht. Dein Dostojewski-Argument macht das deutlich. Ich stimme dir auch hundertprozentig zu, dass normalerweise keiner allein durch Animegucken Japanisch lernt.

    Das Argument, das von der „Pro-Original-Partei“ (oh: POP!) tatsächlich vertreten wird, bezieht sich jedoch auf diejenigen, die die betreffende Sprache zumindest schon in Grundzügen beherrschen. Und das beantwortet auch gleich deine Frage, warum es bei uns meist (aber übrigens keineswegs ausschließlich) um die englische Sprache geht: Das ist eben die Sprache, die alle Zuschauer tatsächlich in Grundzügen beherrschen. Und dafür hat Nils, so finde ich, am Ende ein ganz beiläufig platziertes und sehr schönes – ich nenne es mal – Nebenargument geliefert: Die Weltsprache Englisch können wir sehr gut gebrauchen (im Ausland, im Internet, um den ausländischen Kunden im Supermarkt zu bedienen, um als internationaler Politiker zu brillieren), und wir können ganz spielerisch unsere Kenntnisse verbessern, indem wir englischsprachige Filme im Original gucken – so wie die halbe Welt, die viel besser Englisch spricht als wir Deutschen.

    Wir Deutschen verpassen durch unsere Synchronlust auch etwas: Die Erkenntnis – die uns natürlich vom Kopf her ganz klar ist, die wir aber nicht wirklich fühlen –, dass überall auf der Welt viele verschiedene Sprachen gesprochen werden. Deswegen bin ich im übrigen durchaus der Meinung, dass auch die anderen Sprachen entsprechend präsentiert werden müssten: Beim Filmegucken hilft da die Krücke Untertitel besser als Synchros (wer will sich schon den Eindruck vermitteln lassen, dass japanische Samurai oder Klingonen untereinander Deutsch reden?), beim Lesen eines Buchs erwischen wir hoffentlich eine Übersetzung, bei der der Übersetzer darauf geachtet hat, bestimmte Kenntnisse über die Fremdsprache zu vermitteln: indem er zum Beispiel auf typisch russische Begrifflichkeiten im Original verweist. Oder, um nochmal ein Beispiel aus dem Englischen zu bringen: Ein Sherlock-Holmes-Roman hat doch auch auf Deutsch gleich viel mehr Atmosphäre, wenn der Meisterdetektiv statt mit einem Schutzmann mit dem Constable spricht, oder?

    Ich glaube, in der ganzen Diskussion, ob man lieber Original oder Synchro gucken sollte (eine Diskussion, die sich ja auf jedem DVD-Abend mit Freunden ergibt, sobald Vertreter beider Fraktionen anwesend sind), sollte es um eine graduelle Einstufung gehen: Jeder Deutsche spricht Englisch in einer Qualität von, sagen wir, 1 bis 10. Die mit 10 sprechen sehr gut Englisch und gucken sowieso lieber Original. Die mit 1 sprechen es so schlecht, dass sie es sich nicht zutrauen. Nun ist die Frage: Ab welchem Grad ist es empfehlenswert, das Original zu sehen? Nils und ich glauben, dass man sich das schon mit einem sehr niedrigen Grad zutrauen sollte, und zwar auch wegen des Lerneffekts: Ihr dürft natürlich zu Hause machen, was ihr wollt. Aber wir empfehlen: Traut euch mal ans Original ran, und ihr werdet immer besser und kommt in Zukunft besser in der Welt zurecht.

    Die Bequemlichkeitsfraktion ist der Meinung, wer nicht hundertprozentig alles versteht, sollte auf die Synchro setzen. Dagegen ist natürlich überhaupt nichts zu sagen. Auch ich bin manchmal lieber bequem als wissbegierig. Aber vielleicht gibt es ja auch Leute, die besonders gerne wissbegierig sind. Massengeschmack-Zuschauern sollte diese Eigenschaft eigentlich besonders liegen, oder? Und wer weiß, vielleicht kommt man ja auf den Geschmack, und macht sich gleich danach an Dostojewskis Gesamtwerk auf Russisch.

    Liebe Grüße
    Olaf

  5. #35

    AW: Folge 55: Filmmusik

    Beste Asynchronfolge seit langem. Endlich wird da mal gegen den Strich gebürstet und klare Ansagen gemacht, so etwas braucht man heute!

    Manche Punkte waren mir neu, wieder was gelernt. Ich sage danke für die tolle Zeit!
    The day the child realizes that all adults are imperfect, he becomes an adolescent; the day he forgives them, he becomes an adult; the day he forgives himself, he becomes wise.

Aktive Benutzer

Aktive Benutzer

Aktive Benutzer in diesem Thema: 1 (Registrierte Benutzer: 0, Gäste: 1)

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •